Christoph Markschies über Jeremias Berufung und die Angst vorm Predigen

Und des HERRN Wort geschah zu mir:Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, . . . und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sonderndu sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
1,4-10
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Christoph Markschies über Jeremias Berufung und die Angst vorm Predigen
Bescheidenheit ist eine Zier
Und gehört in der Kirche zum guten Ton.

Viele Menschen kennen das Gefühl, einer ­Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Sie ahnen, dass sie nicht genügend vorbereitet sind, nicht ausreichend Kraftreserven haben oder einfach kein Talent dafür. Es gibt skrupulöse Menschen, die vor allem und jedem Angst haben und sich gar nichts zutrauen. Und es gibt die Selbstsicheren, die sich für ­alles und jedes ausgerüstet fühlen. Ihnen sind ­solche Gefühle der Unsicherheit vollkommen fremd. Sie ­nehmen jede neue Aufgabe ohne Zögern an, weil ihnen gar nicht die Herausforderungen in den Sinn kommen, an denen sie scheitern könnten. Ich selbst hoffe, mich eher in der Mitte zwischen übertriebener Selbstsicherheit und über­triebenen Bedenken zu befinden und einigermaßen ­richtig einzuschätzen, ob ich für eine Aufgabe die ­richtigen ­Voraussetzungen mitbringe. Schließlich gibt es ja auch die Möglichkeit, etwas dazuzulernen.

Christoph Markschies

Christoph Markschies ist Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Januar 2012 Autor der monatlichen Kolumne "Das Wort" in chrismon Plus. Er studierte evangelische Theologie, klassische Philologie und Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen und veröffentlichte 1991 seine Dissertation über Valentinus Gnosticus. 1994 habilitierte er sich und wurde 1995 Professor für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Herbst 2000 wechselte er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und hatte dort den Lehrstuhl für Historische Theologie inne. Im Jahr 2001 erhielt er den Leibniz-Preis, einen renommierten Förderpreis für deutsche Wissenschaftler. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte (Patristik) an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Vom 1. Januar 2006 bis zum 18. Oktober 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.
Thomas Meyer/OSTKREUZChristoph Johannes Markschies

In kirchlichen Zusammenhängen kann man oft er­leben, was man in der Literaturwissenschaft "topische ­Bescheidenheit" nennt: Es gehört zum guten Ton, be­scheiden aufzutreten. Wer gefragt wird, ob er ein kirchliches Amt übernehmen möchte, sollte tunlichst nicht antworten: "Ja, das mache ich gern. Denn ich kann es auch." Sondern besser: "Lieber nicht. Nur, wenn es unbedingt sein muss. Denn eigentlich gibt es doch viele andere, die es besser können als ich."

Formeln der Demut sind selten geworden

Solche Art der Bescheidenheit hat eine lange Tradi­tion. Sie wird nicht nur den großen Bischöfen der antiken ­Chris­tenheit zugeschrieben, beispielsweise Ambrosius 
von Mailand. Der soll sich sogar, wie manche andere Amtskollegen, nach der Wahl versteckt haben, um seiner ­Kirche nicht im Bischofsamt dienen zu müssen. Eine solche deutlich artikulierte Bescheidenheit findet sich als literarische Form auch in vielen biblischen Texten, in denen Gott ­Menschen zu bestimmten Aufgaben beruft. So erklärt der Prophet Jeremia: "Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung."

Heute sind solche Formeln der Bescheidenheit selten geworden. Wem im Wirtschaftsleben eine Stelle ange­boten wird, sollte sie tunlichst nicht mit Worten ab­lehnen, wie sie in der Bibel und in der Kirche üblich sind. Die Auf­gabe dürfte dann in aller Regel einem anderen ange­boten werden. Manche Menschen finden auch, dass man in kirchlichen Zusammenhängen inzwischen auf solche ­ritualisierte Bekundungen von Bescheidenheit verzichten sollte. Ich finde das nicht, denn in solchen Formeln wird deutlich, wie groß häufig die Aufgabe ist, die einem da übertragen werden soll.

Wer seit einer Reihe von Jahren predigt, wird, je nach Temperament, amüsiert oder leicht erschreckt auf seine ersten Versuche zurückschauen und dem Satz des Jeremia etwas abgewinnen können: Es tut dem Predigen tatsächlich gut, über etwas mehr Erfahrung zu ver­fügen. Und ­andererseits wird aus solchen Formulierungen rituali­sierter Bescheidenheit deutlich, dass wir ohne den Beistand des Heiligen Geistes viele Aufgaben überhaupt nicht ange­messen ausführen könnten. Woher sollen wir die Kraft finden, Sünden zu vergeben oder traurigen ­Menschen Trost zuzusprechen?

Jeremia hört als Reaktion auf seine Unsicherheit kein billiges "Du schaffst das schon". Sondern die göttliche ­Zusage, dass er seinen schwierigen Weg nicht allein ­gehen muss. Dass Gottes Geist ihn stärken und kräf­tigen wird. Bescheidene und sensible Menschen wissen nicht nur, was ihnen für eine Aufgabe fehlt, sie können auch leichter spüren, dass sie in ihrer Unsicherheit nicht ­
allein sind.

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