Einsamer Advent in Deutschland für Geflüchtete aus Afghanistan

Nur die Hoffnung bleibt
Winterbaum mit Herrnhuter Sternen

owik2/photocase

Der Mond leuchtet auch in Afghanistan - die Herrnhuter Sterne nur in Deutschland

Sternenhimmel

Auch in Afghanistan ist jetzt Winter - doch die Zeit wärmender Familienzusamenkünfte ist vorbei. Tahora Husaini sehnt sich zurück.

Weihnachten ist uns Afghanen nicht unbekannt, wir wissen, wer Jesus ist - doch Weihnachten feiern tun wir Muslime nicht.

Was mir neu war, ist die Adventszeit. Sie habe ich erst hier in Deutschland kennen gelernt. Dabei gibt es viele Ähnlichkeiten. Denn in den jetzt kalten Wochen des Winters kommen die Familien zusammen und wir umgeben uns mit unseren Liebsten. Da schmerzt es umso mehr, dass ich auch in diesem Jahr Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen kann.

Anfang November beginnen die Leute in Afghanistan, Holz, Kohle oder Diesel zum Heizen zu besorgen. Wohlhabendere Familien können es sich leisten, einen ausreichenden Vorrat in ihrem Keller einzulagern, womit sie durch den ganzen Winter kommen. Andere Familien genügen sich mit einem kleinen Holztisch in der Mitte des Wohnzimmers, unter den sie eine wärmende Lampe oder eine kleine elektrische Heizung stellen. Dann sitzen alle Familienmitglieder um den Tisch herum, eingemummelt in dicken Decken und Schals, und wärmen sich ihre Füße.

Wir sitzen in Decken um den Ofen und erzählen uns Geschichten

Wenn es noch kälter wurde, schalteten wir im größten Raum des Hauses unseren Kohleheizer ein, jeder von uns brachte seine Matratze und suchte sich eine Ecke aus. Immer wurde gekämpft um den Platz direkt neben dem Heizer, weil es dort mit Abstand am wärmsten war. Da es oftmals überhaupt keinen Strom gab, verbrachten wir viele Abende bei Kerzenlicht und mit den spannenden Geschichten meines Vaters.

Vollends gab ich mich seinen Erzählungen hin, ganz besonders dann, wenn es die Geschichte darüber war, wie der Sohn des Dorfes Khan sich in meine Mutter verliebte. Eine glorreiche Legende, in der mein junger Vater auf einem Pferd in ein verwunschenes Dorf einreitet und dort zum ersten Mal meine bezaubernde Mutter in ihrem Blumenkleid zu Gesicht bekommt.

Der Qualm des kochenden Wassers erfüllte den ganzen Raum

Mein älterer Bruder begab sich gern in die äußerste Ecke des Zimmers mit einer kleinen Laterne und seinem neusten Buch über Philosophie. Manchmal las er einige Stellen laut vor, wenn er diese interessant fand und ging sicher, dass wir auch ja alle zuhörten. Währenddessen köchelte etwas Tee vor sich hin und der Qualm des kochenden Wassers füllte den ganzen Raum. Die dicken bunten Vorhänge waren schon ganz grau geworden vom Rauch der verbrannten Kohle, der handgemachte Teppich durchlöchert von den herumfliegenden Funken.

Jetzt steht das Haus leer, keine Kerzen, kein Lachen

Wenn ich an diese Tage denke, kann ich ganz kurz vergessen, wie bitter und schwer es zurzeit ist. Vergessen, dass unser Zuhause jetzt leer steht – kein Heizer, keine Kerzen, kein Lachen. Nur ein paar alte Möbel wurden zurückgelassen. Für einen Moment vergesse ich, dass meine Mutter und Geschwister jede Nacht neben ihren Rücksäcken schlafen, in der Hoffnung, bald von dort wegzukönnen. Und dass mein Vater ganz allein in einem fernen Land ausharrt und dieses Jahr niemand seine Geschichten hören wird.

Obwohl die Winter bitterkalt und kaum auszuhalten waren, konnte das Zusammensein in unserer großen Familie zumindest unsere Herzen wärmen. Wir lachten zusammen, schliefen unter einem Dach und alles schien irgendwie in Ordnung. Aktuell fällt das Lachen eher schwer. Ich vermisse sie alle so unglaublich arg. Es bleibt mir nur die Hoffnung, dass nächstes Jahr Weihnachten wieder so wie damals wird.

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