Johann Hinrich Claussen über Wolfskinder

Johann Hinrich Claussen über Wolfskinder
Erinnerungseinsamkeit
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jhc

In diesem Jahr habe ich wie viele andere eine Reihe neuer Wörter lernen müssen: systemrelevant, Aerosole, Reproduktionszahl. Die meisten würde ich am liebsten gleich wieder vergessen. Doch vergangene Woche ist mir ein Wort begegnet, das mich noch lange beschäftigen soll. Eigentlich hat es mit Corona nichts zu tun. Vielleicht aber doch.

Das Wort heißt „Erinnerungseinsamkeit“. Der junge Historiker Christopher Spatz versucht damit, eine ganz besonders schreckliche und langverdrängte Geschichte auf den Begriff zu bringen. In seiner Dissertation und in einer Broschüre für die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ hat er das Schicksal der deutschen Wolfskinder in Ostpreußen erforscht und erzählt. Nur vage hatte ich davon gehört, nun las ich mit Verspätung, aber gebannt über die vielleicht 5.000 deutschen Kinder, deren Eltern nicht rechtzeitig vor der Roten Armee geflohen waren: ihre Väter waren an der Front oder verschleppt, die Mütter oft vergewaltigt, ermordet oder vom Hunger fatal geschwächt, da zogen diese Mädchen und Jungen, ganz auf sich gestellt, los, von Ostpreußen nach Litauen, um Nahrung zu erbetteln. Viele kamen dabei um. Andere fanden Unterkunft und Arbeit bei litauischen Bauern. Von manchen wurden sie gut behandelt, von anderen nicht. Wenn sie bleiben wollten, mussten sie eine neue Identität annehmen, den deutschen Namen und die deutsche Sprache aufgeben. Über ihre Geschichte durften und konnten sie jahrzehntelang nicht sprechen. Es wollte sie auch niemand anhören, weder im Osten noch im Westen. So kam zum ersten Trauma ein zweites chronisches Leiden hinzu, eben die Erinnerungseinsamkeit.

Wer mehr über ihre Geschichte erfahren, vor allem die Berichte von ehemaligen Wolfskindern selbst lesen möchte, dem empfehle ich sehr diese Broschüre von Christopher Spatz.

Beim Lesen dachte ich übrigens mehrmals an die Romane von Aharon Appelfeld, der als jüdischer Junge in Polen nach dem Einfall der Deutschen zum Wolfskind wurde – wie viele Schicksalsgenossen.

Und dann sehe ich die aktuellen Bilder aus den USA von den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus und fragte mich, ob hier nicht auch ein Schrei der Erinnerungseinsamkeit laut wird: die Frustration von Generationen von Afroamerikanern, deren traumatische Erinnerungen nicht gehört wurden.

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