Johann Hinrich Claussen über Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich

Besuch einer Ausstellung
seyboth&fröhlich

Ulrike Seyboth (Malerei) & Ingo Fröhlich (Zeichnung), Ich zeichne die Zeit, Du malst den Moment, Guardini Galerie Berlin, 2021 © Uwe Walter

Die Künste gehören zu den Lebensmitteln, ihre Ausübung wie ihr Genuss sind Menschrechte. Diese Einsicht ist in der Pandemie in den Hintergrund gerückt worden. Aber man muss es nur selbst einmal wieder versuchen, dann erlebt man sofort, wie wahr das ist: Kunst ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Man muss nur das Glück haben, in eine Ausstellung gehen zu können. Ich hatte am Mittwoch dieses unverschämte Glück, das doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Ich war vor kurzem in einer Ausstellung. – So fängt man normalerweise keinen Text an. Denn erstens beginnt man niemals einen Text mit dem Wörtchen „ich“, und zweitens ist dies eigentlich gar keine Nachricht. Nur zurzeit ist das durchaus eine sensationelle Meldung, dass ausgerechnet ich in eine wunderschöne Kunstausstellung gehen durfte.

In der Guardini-Stiftung am Anhalter Bahnhof in Berlin, die mit staunenswerter Regelmäßigkeit Wunderbares möglich macht, ist zurzeit die Ausstellung „Ich zeichne die Zeit, du malst den Moment“ von Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich installiert. Aber leider nicht zu sehen. Nur wenn man sich an den großen Fensterflächen im Erdgeschoss die Nase plattdrückt, kann man immerhin erahnen, was einem da vorenthalten ist.

Ulrike Seyboth malt, und Ingo Fröhlich zeichnet. Beide sind miteinander verheiratet. Jeder hat ein eigenes Atelier, eigene künstlerische Themen, Fragen und Aufgaben. Aber regelmäßig nutzen sie gemeinsame Arbeitsaufenthalte fern ihrer Heimat Berlin – in Frankreich, Italien, der Schweiz oder Brandenburg –, um in großer Nähe oder gar im selben Raum zu arbeiten. Ich weiß von keinem anderen Künstlerpaar, dem so etwas möglich ist: wo nicht die eine dem anderen dient (so das übliche Modell in der Klassischen Moderne) oder wo beide zu einem Projekt verschmolzen sind (wie bei Christo und Jeanne-Claude).

Nun haben sie gemeinsam mit der Kuratorin Frizzi Krella ausgewählte Arbeiten aus zehn Jahren in der Guardini-Stiftung aufgehängt. Manche der hellen, glühend roten Malereien von Ulrike Seyboth kannte ich schon. Aber nicht ihre Exkursionen ins Blaue und schon gar nicht ihre neuen Collagen, in die sie zum Teil Stücke aus verworfenen Gemälden hineingerettet hat. Von Ingo Fröhlich kannte ich einige der kleinen und größeren Bleistiftzeichnungen. Aber jetzt sah ich zum ersten Mal, wie er die Wände einer Galerie in eine Zeichnung verwandeln kann. In die Bilder der einen wie des anderen kann ich mich versenken: in die Farbtupfer, -wolken und -ströme der einen und in die Linien, Wellen und Strudel des anderen. Hier aber konnte ich sie zusammenschauen, die eine und den anderen, mich von einem zum anderen führen lassen, Bezüge erahnen, ohne dass sie von einem Konzept vorgezeichnet wären, einem künstlerischen Gespräch ohne Worte zuhören. Als ich mich von den beiden verabschiedet hatte und wieder im bitteren Berliner Winter stand, merkte ich, wie gut mir dieser Besuch getan hatte, wie ich innerlich aufgetaut war.

Meines Glücks schäme ich mich keineswegs, aber einen Schmerz empfinde ich, dass bisher fast nur ich diese Ausstellung sehen konnte. Die Eröffnung sollte Anfang Dezember sein, das Ende der Ausstellung ist für den 26. März geplant. Danach soll es eigentlich nach Sens in Frankreich gehen. Doch die Türen blieben und bleiben geschlossen. Planungen wurden versucht und wieder verworfen. Es ging den beiden wie allen anderen Künstlerinnen und Künstlern auch: so viel Schönes, so viel Arbeit, so viel Vergeblichkeit. Dabei gibt solch ein Ausstellungsbesuch eine lang ersehnte Freude, eine dringend benötige Hoffnung, eine heilsamen Erinnerung daran, warum das Leben sich lohnt – Empfindungen, die man braucht, wenn man eine lange Notzeit überstehen soll.

Und dass sich ein solcher Besuch hygieneregelkonform gestalten ließe, dürfte doch längst klar sein.

P.S.: „Der Pablo-Escobar-Clan, die Morde, der Glaube und die Versöhnung!“ Darüber spreche ich in einer neuen Folge meines Podcasts mit dem kolumbianischen Schriftsteller und Theologen Juan Esteban Londoño. Sein Vater hatte für Escobar gearbeitet, dann hatte dieser ihn töten lassen – eines Tages kam einer der Mörder zu seinem Sohn, um ihn um Vergebung zu bitten. Man kann unser Gespräch über die Website von reflab.ch, Spotify oder Apple Podcasts hören.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Franz Alt
187 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
220 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
16 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
Susanne Breit-Keßler
144 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
3 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
29 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Hanna Lucassen
35 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.