Johann Hinrich Claussen über Rechtsrock

Johann Hinrich Claussen über Rechtsrock
Neulich im Nazi-Abteil
hautkopf.jpg

Foto: privat

Es war am vergangenen Samstag. Ich fuhr im Regionalzug und sah hinaus: Draußen nichts als blühende Landschaften. So schlief ich ein. Bis ich von sehr lauten Stimmen geweckt wurde. Um mich herum saßen plötzlich Nazis. Differenzierungsversuche konnte man unterlassen. Es waren Nazis wie aus dem Katalog: groß, breit, laut, Bierflasche in der Hand, Nazi-T-Shirts über Brust und Bauch. Sie waren auf dem Weg zu einem Rechtsrock-Festival. Eine fremde Welt tat sich vor mir auf. „Ich freu‘ mich echt auf ‚Ahnenblut‘!“ – „Und ich bin auf ‚Flak‘ richtig gespannt.“ – „Kennt ihr die neue CD von ‚Notwehr‘?“ – „Wer von euch kommt eigentlich mit zu ‚Rock gegen Überfremdung‘?“ Ich staunte schlecht. Richtige Angst hatte ich zwar nicht. Aber wenn ich eine dunklere Hautfarbe und eine andere Frisur (ich bin seit vielen Jahren naturbedingt ein Hautkopf) hätte, wäre es anders gewesen. Was mich jedoch nachhaltig verstörte, war die Selbstverständlichkeit, wie diese Nazis sich hör- und sichtbar in der Öffentlichkeit einer Regionalbahn breit machten.

Am Tag danach, wieder zu Haus, versuchte ein befreundeter Chirurg mich mit einer kleinen Geschichte zu trösten. Mit einem Kollegen hätte er im OP gestanden. Als dem narkotisierten Patienten der Kittel abgenommen wurde, sahen alle die Tätowierung, die breit über die ganze Brust ging: „Blood and Honour“. Auf die Frage, wer schneiden wolle, habe der Kollege sofort die Initiative ergriffen und sein Skalpell geradewegs über den Schriftzug geführt. Medizinisch sei das geboten gewesen, es habe den Beteiligten aber auch eine gewisse Befriedigung verschafft. So hätten sie diesen böse verirrten Menschen wieder gesund gemacht, sein Nazi-Tattoo wäre aber jetzt nicht mehr so wie früher. Ich muss zugeben, dass ich da in unchristlicher Weise lachen musste. Auch wenn mir klar war, dass dies keine grundsätzliche Lösung des Problems darstellt.

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