Johann Hinrich Claussen über Kunstbücher

Johann Hinrich Claussen über Kunstbücher
Bilder lesen
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Foto: Copyright: Rebecca Horn, Uwe Gaasch

Oft bin ich von Büchern über alte oder neue Kunst enttäuscht: Entweder sind sie mir zu historisch oder zu verquast. Dabei erwarte ich nur diese eine Dienstleistung: Ich möchte einen Anstoß erhalten, um ein Bild intensiver zu betrachten und dabei einen neuen Gedanken zu fassen. Dafür benötige ich keine langen Belehrungen oder weitschweifige Spekulationen, sondern kurze, prägnante Texte, die mich ein genaues Sehen und frisches Denken lehren.

Sehen lernen mit Willibald Sauerländer

Ein Meister in diesem Fach war Willibald Sauerländer. Vor etwa zwei Monaten ist er mit 94 Jahren verstorben. Wer regelmäßig in der „Süddeutsche Zeitung“ seine Ausstellungskritiken gelesen hat, ist immer noch traurig. Ein Trost ist es, dass man einige besonders schöne, bildende und inspirierende Artikel in „Von Bildern und Menschen“ (2010) nachlesen kann. Mit „aufmerksamer Langsamkeit“ führt Sauerländer seine Leser durch Ausstellungen alter und neuer Meister. Sein Programm beschreibt er so: „Die Aufgabe des feuilletonistischen Chronisten ist es, die unkundige Sensibilität der Ausstellungsbesucher an jene Erinnerungen heranzuführen, die in den alten Artefakten zugleich schlummern und lebendig aus ihnen sprechen. Ich meine, nichts sei dabei hinderlicher als die hochmütige, pharisäerhafte Klage über den Niedergang der traditionellen Bildung. Gewiss, die Sagen der Alten sind fast vergessen. Die Kenntnis der Bibel ist im Schwinden, von der kirchlichen Überlieferung ganz zu schweigen. Der Inhalt vieler alter Bilder und Skulpturen wird dadurch unlesbar, aber deren emotionale und sinnliche Botschaft bleibt ungebrochen und anrührend. Das Verständnisproblem angesichts dieser alten Werke liegt nicht so sehr im Mangel an literarischer Bildung begründet als in dem drohenden Verlust des humanen Gedächtnisses. Alle diese Bilder haben gleichnishafte, oft märchenhafte Inhalte, zeigen die Schönheit und Rätselhaftigkeit der Natur, erzählen von Glück und Leiden der Menschen, von Zauber, Riten und Gebräuchen, von heroischen Taten, Verbrechen und Lastern. Ein riesiger Schatz an humanen Erfahrungen liegt in ihnen verborgen.“ Wie Sauerländer mit neuen Blicken auf die Werke von van der Weyden, Raffael, El Greco oder Cezanne aus diesem Schatz schöpft, will ich hier nicht verraten. Das sollten Sie selbst lesen.

Ins Denken kommen mit John Berger

Wer ganz gut Englisch lesen kann, dem sind die kurzen Kunst-Essays des englischen Schriftstellers John Berger zu empfehlen. Im vergangenen Jahr ist er mit 90 Jahren verstorben. In „Porträts: John Berger on Artists“ kann man seine große Kunst wiedererleben, oft nur auf zwei, drei Seiten ein Bild zu betrachten und dabei auf neue Gedanken über das Leben, das Schöne und das Gute zu kommen. Etwa wenn er im ersten Text über Höhlenmalereien in Frankreich bemerkt, wie vollkommen die frühesten Kunstwerke der Menschheit schon waren: „Offenkundig hat die Kunst nicht ungeschickt oder ungelenk begonnen. Die Augen und Hände der ersten Maler und Graveure waren so fein wie die all derjenigen, die später kamen. Es gab Anmut von Anfang an.“ Und so schaut und denkt Berger sich durch die gesamte Kunstgeschichte bis heute, das es eine einzige Freude ist. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Mit alten Bildern auf die Gegenwart schauen mit Kia Vahland

Dass man die eigene Zeit besser versteht, wenn man alte Gemälde betrachtet, kann man sich von Kia Vahland vorführen lassen. Die Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ hat gerade den ebenso schönen wie schlanken Band „Ansichtssachen“ in der Insel-Bücherei veröffentlicht. Es sind 32 Kunst-Kolumnen von jeweils zwei Seiten (und natürlich einer sehr guten Abbildung), die heutige Fragen mit alten Bildern verknüpfen. So deutet Vahland am Beispiel einer Passionsdarstellung von El Greco das Aufflammen heutiger Massengewalt, durchleuchtet mit einer Ehrfurchtslandschaft von Caspar David Friedrichs unsere Zukunftsängste, entlarvt mit Rubens Tugenddarstellungen einen Kunstfeind wie Donald Trump oder – noch wichtiger – lässt sich von Vincent van Gogh zeigen, was Armut bedeutet, damals wie heute. Sensibilität lässt sich nicht teilen, sie hat eine ethische, soziale und ästhetische Seite. Wer sich dem Schönen nähert, kommt manchmal auch den Gründen des Guten auf die Spur.

P.S.: Das Foto oben zeigt Rebecca Horns Installation „The Universe in a Pearl“, die derzeitig im Rahmen der Hamburger Ausstellung HINSEHEN.REINHÖREN. DIE KUNST IST IN DEN KIRCHEN zu sehen ist. Das dazu gehörige Lese-Bilder-Buch ist durchaus zu empfehlen.

P.P.S.: Wer nichts anschauen oder lesen, sondern beim Zuhören zur Besinnung kommen will, dem empfehle ich das wundervolle neue Radio-Essay „Stille in lauten Zeiten“ von Burkhart Reinartz.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.