Johann Hinrich Claussen über Kirche, Corona und Andachten im Freien

Kirche raus!

privat

Es ist so, wie es selbst im Mittelalter nie war: Zurzeit sind die Kirchen die einzigen offenen öffentlichen Orte. In Gottesdiensten kommen Menschen zusammen. In Andachten haben Künstlerinnen eine Auftrittsmöglichkeit. In offenen Kirchen sitzen Besucher einfach da, genießen den Raum, lesen, wärmen sich auf.

Auch wenn weite Teile des kirchlichen Lebens brach liegen, vielerorts keine „in echt“-Gottesdienste gefeiert werden, ist das eine Chance, die kirchlich genutzt werden sollte: nicht für angeberische Aktionen, wohl aber für kleine Lebens- und Hoffnungszeichen. An ihnen könnte man sehen: Leben ist möglich trotz Corona; der Glaube und die Künste sind Geschwister; wir setzen der Einsamkeit eine Grenze.

Und in der Tat, es passt sehr viel in deutschen Kirchen. Es werden Dinge ausprobiert, egal, ob die Quote stimmt. Von einem besonders schönen Beispiel hat mir ein Kollege aus Essen berichtet. Werner Sonnenberg ist Pfarrer an der dortigen Apostelkirche und kirchlicher Kunstaktivist. Er hat mir dieses Foto geschickt und schreibt dazu:

„Der „Hunger“ nach Begegnung in der Pandemie kann an der Apostelkirche in Essen-Frohnhausen jeden Samstag von 10.00 bis 12.00 Uhr gestillt werden. Zur Marktzeit steht sichtbar vor der Haupttüre der Kirche ein Klavier, ein Infotisch und die Skulptur „Bori Bana (Der Endlauf … für einen Neulauf)“ des Künstlers Jems Koko Bi. Livemusik am Klavier belebt den öffentlichen Raum. Nachdem seit Heiligabend keine Präsenzgottesdienste mehr stattfinden konnten, hat sich dieses Format von ‚Kirche raus‘ samstags zur Marktzeit etabliert. Die Leute kommen zahlreich: Neugierige, Besorgte, Freudige, Trauernde, Vertraute, Skeptische, Hoffnungsvolle, Niedergeschlagene, Konfessionelle und Ungebundene. Alle, die das Bedürfnis haben, haben die Möglichkeit, unter Berücksichtigung der Corona-Regeln in der Kirche eine Kerze auf einem großen Holzkreuz zu entzünden und in der Bank bei Orgelmusik und einem stillen Gebet zu verweilen. Draußen werden Liederwünsche der Besucher*innen erfüllt. Viele wünschen sich geistliche Lieder, aber auch populäre Lieder sind gefragt, wie zum Beispiel die Ruhrgebietshymne ‚Glück auf, der Steiger kommt‘, die Europa-Hymne ‚Ode an die Freude‘, Stücke von den Beatles, Bob Dylan und Pete Seeger. Musik rührt an, schafft Begegnung, macht fröhlich, verbindet Menschen, weckt Erinnerungen und kann auch trösten. Dazu ein konkretes Beispiel. Eine Besucherin lässt für ihre Freundin ein Lied per Smartphone aufnehmen. Die Freundin bangt um ihren an Covid-19 erkrankten Mann, der auf der Intensivstation des Universitätsklinikums liegt. Eine Woche später kommt diese Frau zu unserer Aktion ‚Kirche raus‘. Emotional gerührt fragt sie nach, ob das Lied aus dem Evangelischem Gesangbuch ‚Lass mich dein sein und bleiben‘, welches sie auf dem Smartphone ihrer Freundin sehen und hören konnte, noch einmal live gespielt werden kann. Dieser Wunsch wird ihr sehr gerne erfüllt. Sie fühlte sich in dieser schwierigen Lebensphase durch die Melodie des Liedes getröstet und getragen und ist berührt, dass sie das erleben kann. Ausliegende Texte, Blumen, Süßigkeiten oder Obst, können nach dem Besuch von ‚Kirche raus‘ an jedem Samstag zur Stärkung auf den Nachhauseweg mitgenommen werden. Die Menschen nehmen das sehr gerne an.“

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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