Johann Hinrich Claussen über Journalismus heute

Breaking News – zerbrochene Nachrichten
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Vor kurzem konnte man eine Lektion über das Wesen des Massen-Journalismus lernen – nicht neu das alles, aber in dieser Blödheit doch signifikant. Es geht um die Berichterstattung über den schwarzen Krippen-König von Ulm.

Die Sache ist ganz einfach: Die Gemeinde des Ulmer Münsters hat ein Problem mit einer Krippenfigur. Der schwarze König bietet die Karikatur eines Afrikaners. Die Gemeinde möchte ihn so nicht mehr ausstellen, sondern neu nachdenken. Es geht hier nicht um ein bedeutendes Kunstwerk, sondern um ein Stück erbaulicher Volkskunst, bei dem man sich fragen sollte, ob es der Andacht dient oder sie stört. Das ist schlicht eine Frage pastoraler Verantwortung. Auch ist diese Figur ein Mittel der religionspädagogischen Unterweisung. Sie stammt nun aus einer Zeit – vor einhundert Jahren –, als die meisten Deutschen keine Afrikaner aus eigener Anschauung kannten. Heute muss ein schwarzer Krippenkönig immer noch sein, denn er steht für die Universalität des Christlichen, nur eine Karikatur sollte er bitte nicht mehr sein.

Nun hätte man die Ulmer Münstergemeinde mit diesem Nachdenken getrost allein lassen können, wenn die lieben Journalisten nicht wären. Vielen von ihnen geht es nicht um die Sache, sondern um die Erregung, die sie künstlich an ihr entzünden können. Die Sache ist ihnen nebensächlich. So ist es besonders bei „Bild“, „Focus“ oder der „Jungen Freiheit“ (die Empörungspostille „Tichys Einblick“ habe ich diesmal nicht berücksichtigt).

Auf die erste Seite hiefte die „Bild“ einen Artikel von Alexandra zu Castell Rüdenhausen. Er enthält zwar auch sinnvolle Informationen, lebt aber in seiner viel zu großen und lauten Aufmachung von der Aufregung über die angeblich politisch-überkorrekte Verbannung des schwarzen Königs. In das Geschrei um den vermeintlichen Antirassismus-Wahn der Evangelischen stimmten andere ein, zum Beispiel erstaunlich viele Regional- und Lokalzeitungen. Merke: Journalisten sind Herdentiere, eine rennt vor – andere gleich hinterher, einer blökt vor – andere machen es nach. Bei einigen ist dabei nicht nur ein dumpfer Nachahmungstrieb wahrzunehmen, sondern auch das Bedürfnis, mit dem eigenen Rassismus bitteschön nicht behelligt zu werden. Und sie finden ein dankbar-aufgebrachtes Publikum, wie viele fehlgeleitete Leserbriefe belegen.

Die Bild-Redakteurin aber drehte die Sache noch weiter und brachte diese ungeheuerliche Nachricht: „Dieses Jahr soll in Ulm die Weihnachtsgeschichte nach Lukas erzählt werden, darin kommen die Könige nicht vor.“ Daraus machten die Abschreiber von „Focus“, arbeitsscheu und empörungsgierig zugleich, einen regelrechten Skandal: „Die Gemeinde macht einen radikalen Schritt – und will diesmal sogar eine andere Version der Weihnachtsgeschichte für die Feierlichkeiten verwenden: 2020 wird kurzerhand die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen. Darin kommen die Heiligen Drei Könige nämlich nicht vor.“

„Breaking News“ nennt man das wohl – zu Deutsch „Zerbrochene Nachrichten“: Am Heiligabend wird in der „radikalen“ Ulmer Münstergemeinde „kurzerhand“ die Weihnachtsgeschichte nach Lukas gelesen! Schade nur, dass dies in allen evangelischen Kirchen an jedem Heiligabend immer schon so gehalten wurde und sich niemals ändern wird, solange es Heiligabendgottesdienste gibt. Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus (mit den drei Königen) kommt ja erst am 6. Januar dran. Womit nur wieder bewiesen wäre, wie wenig die allermeisten publizistischen Verteidiger des Abendlands vom Christentum wissen. Ach, die Konservativen sind auch nicht mehr, was sie früher mal waren!

Doch zum Schluss etwas Versöhnliches: Ich wünsche Frau Alexandra zu Castell Rüdenhausen, ihren Kollegen in der „Bild“-Schlussredaktion und all den Kopisten, vor allem bei „Focus“, schon jetzt Frohe Weihnachten! Und ich lade sie alle ein, an Heiligabend einfach mal einen Gottesdienst zu besuchen. Diesmal wird er Corona-bedingt anders sein als gewohnt. Aber schön wird er trotzdem – nicht zuletzt, weil in ihm die Weihnachtsgeschichte nach Lukas zu hören sein wird, so wie jedes Jahr.

P.S.: Wer zur Abwechslung erleben will, was wirklich guter Journalismus leisten kann, dem empfehle ich die gerade veröffentlichte WDR-Dokumentation von Arnd Henze und Sonja Kättner-Neumann über das Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim. Hier starben in der ersten Corona-Zeit fast 50 Menschen. Mit einer beeindruckenden Mischung aus Sensibilität und Sachlichkeit weckt dieser Film Verständnis für eine extrem schwierige Zeit.

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