Johann Hinrich Claussen über John Prine

Die Heiterkeit der Auferstehung
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Man kann nicht sagen, dass John Prine an Covid19 gestorben wäre. Er war schon so lange und so schwer krebskrank, dass er eher mit dem Virus gestorben ist. Er galt als Bob Dylans wahrer Nachfolger, hatte aber nie den großen Erfolg, den er verdient gehabt hätte. Wer mehr über ihn wissen möchte, lese hier den feinen Nachruf in der „New York Times“.

Zum Glück hat er vor zwei Jahren noch ein grandioses Alterswerk geschaffen mit dem schönen Titel „The Tree of Forgiveness“. Der Baum der Vergebung spielt im letzten Song des Albums eine wichtige Rolle. „When I Get to Heaven“ singt auf so feine, altersweise und heitere Weise über das ewige Leben, wie ich es noch nie gehört habe. Hier geht's zum schönen Clip des Song.

Geradeaus und ohne Hemmungen phantasiert sich das singende Ich hinein in den Himmel. Was sieht es dort vor sich? Was erwartet und ersehnt es sich? Es beginnt mit dem Dank für ein gesegnetes Leben. Doch damit hält es sich nicht lange auf. Denn es will weiter machen, mit dem was es immer getan hat, will auch im Himmel Musik machen – aber keine Choräle oder gregorianische Messgesänge singen, sondern natürlich eine Rock ‘n Roll-Band gründen. Damit verbunden ist all das, was den konservativen Christen des bibeltreuen Amerika immer ein Greuel war: Alkohol, Nikotin, schöne Mädchen. Aber nicht nur Musik will der träumende alte Sänger machen, sondern auch einen Ort für sie schaffen, einen Nachtclub – und der heißt: Baum der Vergebung. Dieser himmlische Ort dessen, was die Frommen Sünde nannten, soll zum eigentlichen Ort der Versöhnung werden, zu einem neuen Paradies, mit einem Baum, den es im Garten Eden noch nicht gab, dessen Früchte aber ein essentielles Glück gewähren. Hier inmitten von Musik, Alkohol, Nikotin und schönen Frauen will der Sänger all denen vergeben, die ihm im Leben Böses getan haben – sogar den verdammten Musikkritikern. Doch dann gilt es keine Zeit zu verlieren in der Ewigkeit: Der Sänger eilt, um all die wiederzusehen, die er geliebt hat und die ihn geliebt haben, Mutter, Vater, Onkel, Tanten, die ganze Familie wiedervereint für alle Zeit. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ein fröhliches, heiter rumpelnd-schunkelndes Lied über die Ewigkeit gehört zu haben. Aber es ist kein musikalischer Witz, sondern trägt so viel Wärme, Weisheit und Ernst mit sich, dass es einem viele Predigten über die Hoffnung des Glaubens ersetzen kann.

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Johann Hinrich Claussen
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