Johann Hinrich Claussen über Jesus-Kitsch

Johann Hinrich Claussen über Jesus-Kitsch
Der polnische Jesus
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jhc

Wenn man schon nicht richtig reisen kann, so hat man doch in diesem Sommer die Gelegenheit, sich in Ruhe an frühere Reisen zu erinnern. Vor Corona drohte ja ein touristischer Lebenshöhepunkt gleich vom nächsten überlagert zu werden. So schaue ich mir gerade wieder und wieder Souvenirs an, die ich vor zwei Jahren aus Polen mitgebracht habe. Damals hatte ich sie als Kuriosität wahr- und mitgenommen. Jetzt geben sie mir doch zu denken.

Es sind drei verschiedene Postkarten des Jesusbildes, das in Polen allgegenwärtig ist. Es hängt nicht nur in fast allen Kirchen und steckt an jedem Postkartenständer. Man sieht es auch als Aufkleber auf Autos oder Laternenmasten. Auf den ersten Blick erkennt man nur ein süßliches Christus-Klischee, frömmelnden Kitsch, wie er in Deutschland kaum mehr möglich wäre. Doch damit ist nicht alles darüber gesagt.

Dieses Bild geht zurück auf eine Vision der polnischen Nonne Maria Faustina Kowalska (1905-1938). In ihren Gewissensnöten war ihr Christus erschienen und hatte ihr gesagt: „Die Flammen meiner Gnade verbrennen mich. Ich will sie ausgießen auf die Seelen derer, die nicht an mich glauben wollen.“ Schwester Faustina bat 1934 einen Maler das, was sie geschaut und gehört hatte, auf eine Leinwand zu bringen. Anfangs war sie von dem Ergebnis nicht recht überzeugt. Aber dieses Bild des gnädigen Christus, das den Titel trägt „Jesus, ich vertraue dir“, sollte den polnischen Katholizismus prägen wie kaum ein anderes, die Gläubigen durch den Horror der deutschen Besatzung, die sowjetische Unterdrückung, den Freiheitskampf bis zu den Umwälzungen von heute begleiten.

Begraben ist die Heilige Maria Faustina in einer Klosterkirche bei Krakau. Man fährt daran vorbei, wenn man die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz besucht. Wer sich dies vor Augen hält, wird nicht mehr so herablassend auf dieses Gnadenbild schauen. Sicher, es ist das Werk eines kleinen regionalen Meisters ohne größeren ästhetischen Wert. Aber es hat vielen Menschen ein Bild reiner göttlicher Menschenfreundlichkeit geschenkt: ohne Allmacht, Zorn, Urteil, Drohung, Strafe – nur zärtliche Zuneigung.

Der US-amerikanische Theologe Matthew J. Milliner hat sich vor wenigen Jahren in einem Aufsatz die gut-ökumenische Freiheit genommen, dieses tiefkatholisch-urpolnische Bild mit der Theologie Martin Luthers in Verbindung zu setzen: Hier wie dort der Glaube an eine Gnade, die ein freies Geschenk Gottes ist, hier wie dort das Verständnis des Glaubens als einem reinen Vertrauen, hier wie dort die Gewissheit, dass es nur auf diese beiden Aspekte ankommt.

Trotzdem, ein bisschen darf man schon ökumenisch-inkorrekt über dieses Bild lächeln. Denn wenn man bedenkt, wie aggressiv-homophob sich die reaktionären Kräfte des polnischen Katholizismus derzeit gebärden, ist es von einer gewissen Ironie, dass diese Ikone so transgendermäßig daherkommt. Die Assoziation von diesem Christus zu Concita Wurst ist wirklich nicht so fern – besonders bei meiner Lieblingspostkarte mit dem goldenen Glitzerkram oben drauf. Aber manchmal wissen Bilder eben mehr als ihrer Verehrer. Zum Beispiel, dass Christus kein heteronormativer Gewalt-Macho ist, weil dies dem Gedanken göttlicher Gnade widersprechen würde.

Schlimm aber, so richtig ganz schlimm finde ich das, was der renommierte deutsche Maler Michael Triegel aus diesem Sujet gemacht hat. Er ist bekannt geworden durch altmeisterlich-perfekte und zugleich hintersinnig-paradoxe Gemälde, die viele Bezüge zur klassischen christlichen Ikonografie aufweisen. Vor drei Jahren nun hat er diesen Vertrauensjesus für eine Würzburger Pfarrkirche gemalt. Es ist so scheußlich, dass ich eine Trigger-Warnung aussprechen muss: Klicken Sie hier bitte nur, wenn Sie emotional wirklich stabil sind! Was lehrt diese künstlerische Entgleisung? Vielleicht dies: Es hat manchmal ein anderes Recht und eine andere Würde, wenn ästhetisch nicht avancierte Menschen ein Bild ihres Glaubens malen, als wenn berühmte Künstler dies tun.

P.S.: Mit den Schweizer Kollegen von reflab.ch mache ich neuerdings einen Podcast – alle zwei Wochen ein halbstündiges Gespräch über Kultur und Religion. Die neue Folge bringt eine Unterhaltung mit Urte Evert, der Leiterin des Museums Spandauer Zitadellle, das einen besonderen Weg im Umgang mit problematischen Denkmälern entwickelt hat. Man kann dies jetzt über die Website von reflab oder Spotify und nun auch bei Apple Podcasts hören.

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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