Johann Hinrich Claussen über Gregor Schneider

Kreuz-Weg

Gregor Schneider, KREUZWEG (nach einer Idee für Berlin 2006), St. Matthäus-Kirche im Kulturforum, Berlin 2021 © VG Bild-Kunst, Bonn

In jede Kirche gehört ein Kreuz, in eine katholische zudem ein Kreuzweg. Aber solch ein Kreuz, solch einen Kreuzweg gab es noch in keiner Kirche – bis jetzt.

Wer St. Matthäus, die Berliner Kunstkirche am Kulturforum, in dieser Passionszeit aufsuchen möchte, hat einen besonderen Kreuzweg vor sich. Man tritt durch das Portal und steht vor einem schwarzen Loch. Mutig und neugierig geht man die erste Schritte hinein. Anfangs mag man noch lächeln, ein bisschen Licht von hinten mildert das Bedrohliche. Doch einige Schritten weiter ist es finster. Man tastet sich voran. Die Augen mögen sich an das Schwarze nicht gewöhnen. Die Hände suchen den Weg. Es geht nach links, nach rechts. Jetzt kommt tatsächlich Angst auf. Geradeaus, ein paar Schritte noch, dann ist man hindurch, steht auf einmal vor dem Altar.

Das ist die Installation „Kreuzweg“ von Gregor Schneider. Sie ist bis einschließlich zum Karfreitag zu sehen und zu begehen. Wenn man sie durchschritten hat, sollte sie umwandern, dann die Treppe hinauf nehmen, es von oben betrachten, wie es da unten die Mitte des Kirchenschiffs ausfüllt, raumgreifend schwarz. Dann an den Seitenwänden der Empore die Fotos früherer Arbeiten von Gregor Schneider betrachten.

Gregor Schneider ist ein Ur-Künstler. Er schafft Räume und Skulpturen, die archaisch wirken und Ur-Empfindungen, bei mir vor allem Ur-Ängste, wachrufen. Sie laden zu religiösen Assoziationen ein und wollen doch eigenständige, offene Kunstwerke sein. Doch wer vor, neben und mit diesem KREUZWEG Gottesdienst feiert, macht in ihm christliche Bedeutungen aus, stellt sich die Frage, was einem selbst das Ur-Symbol des eigenen Glaubens bedeutet.

Meine kleine Angsterfahrung beim Durchschreiten hat mich daran erinnert, wie skandalös das Kreuz für Christen von Anfang an war. Ich habe mich gerade ein wenig mit der Archäologie des frühen Christentums beschäftigt. Erstaunt hat mich, wie wenige Kreuzesdarstellungen es aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gibt. Es dürfte kein Zufall sein, dass die frühste Darstellung des Kreuzes ein Spottbild war. Auf einem römischen Graffito – um das Jahr 300 datiert – sieht man, wie ein Strichmännchen mit erhobenen Armen eine Gestalt anbetet, die am Kreuz hängt und einen Eselskopf trägt. Darunter steht geschrieben: „Alexamenos verehrt seinen Gott“. Da wollte sich jemand augenscheinlich über einen christlichen Bekannten lustig machen. Man kann es nachvollziehen, denn einen schändlich Hingerichteten als Messias zu verehren, war in der Antike selbst eine blasphemische Idee. So wundert es nicht, dass erst spät vermehrt Kreuzesdarstellungen aufkamen und diese keine Leidensbilder waren. Vielmehr wurde Christus als der triumphal Erhöhte dargestellt. Das Kreuz als Ur-Bild des Glaubens war also die Christen selbst ein, Paulus sagt, skandalon. Und ist es geblieben.

Deshalb war ich so – ja, dankbar und glücklich, diese eindrucksvoll-erschreckende Skulptur in dieser Kirche zu sehen, zu durchschreiten und vor ihr eine Predigt zu halten. Denn sie führt einen auf den eigenen Kreuzweg. So dass man ihm nicht ausweichen kann. So dass man in seiner Schwärze eine Tiefe sehen kann. So dass man sich fragt: Wohin führt dieser Kreuzweg mich?

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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