Johann Hinrich Claussen über einen vermeintlichen Fortschritt

Johann Hinrich Claussen über einen vermeintlichen Fortschritt
Die Weihnachtsgeschichte soll von gestern sein?
malimaeh.jpg

Foto: privat

Das kann einem wohl nur in der Welthauptstadt des integrationspolitischen Fortschritts und der religionskulturellen Ignoranz passieren. Man spaziert durch die vorweihnachtliche Mitte Berlins und stößt auf die breit plakatierte Behauptung, dass die schöne, alte, christliche Weihnachtsgeschichte nun wirklich von vorgestern ist. Damit soll Werbung gemacht werden für ein Bilderbuch, das der interreligiösen Verständigung dient.

Um kleine Kinder an den Toleranzgedanken heranzuführen, erzählt „Mali und Mäh“ folgende Geschichte: Ein Mädchen namens Mali und ein Schaf namens – nun ja – Mäh leben auf einem fernen Stern mit dem – wiederum „nun ja“ – Namen Membawemba. Dort sind die Feste „ausgegangen“, deshalb fliegen die beiden zur Erde, um die Feste der verschiedenen Religionen kennenzulernen.

Nichts gegen Toleranz, das Kennenlernen anderer Religionen, fröhliches interkulturelles Miteinander, aber hier ist eigentlich alles falsch. Nicht nur die Geschichte: Warum gibt es auf einem Stern Mädchen und Schafe, wie können einem die Feste „ausgehen“…? Falsch ist vor allem das Verständnis von Festen: Sie erschließen sich nicht, wenn man sie wie von einem anderen Stern kommend betrachtet, sondern indem man sie mitfeiert. Dazu muss man ihre Geschichten kennen, sie nach- und mitspielen, ihre Lieder singen. Beim christlichen Weihnachtsfest geht das in allergrößter Freiheit.

Hier aber lauert zumindest hinter der Werbung für dieses progressive Bilderbuch eine gar nicht so heimliche Aggression, die für das religionsaverse und manchmal religionsignorante Berlin keineswegs untypisch ist. In Namen des Fortschritts werden Erbstücke der eigenen Herkunftstradition ziemlich barsch in den Keller verbannt und für gestrig erklärt. Wie steht es da mit der Toleranz gegenüber dem Christentum?

Doch allzu große Sorgen sollte man sich hier nicht machen. Man kann „Mali und Mäh“ getrost einen guten Umsatz wünschen, weil doch sicher ist, dass die Weihnachtsgeschichte gestern war, heute ist und morgen sein wird. Es ist eben eine ziemlich gute Geschichte.

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