Johann Hinrich Claussen über die Friedrichswerdersche Kirche

Johann Hinrich Claussen über die Friedrichswerdersche Kirche
Zur Abwechslung eine gute Nachricht
schinkel.jpg

jhc

Der heute vollzogene Brexit ist für mich zu traurig, als dass ich darüber etwas schreiben wollte. Wer an weisen Worten über diese Tragödie interessiert ist, greife zur heutigen Süddeutschen Zeitung und lese, was Julian Barnes zu sagen hat. (Ich lese übrigens gerade mit höchstem Entzücken sein neues Buch mit Aufsätzen über Maler und Bilder: „Kunst sehen“. Ich kann es nur empfehlen.)

Stattdessen möchte ich zu unser aller Trost und Erbauung etwas Schönes berichten. Gestern durfte ich einen langen, ruhigen Blick in die frisch sanierte Friedrichswerdersche Kirche in der Mitte Berlins werfen. Sie erinnern sich: Diese unvergleichliche Schinkel-Kirche gegenüber vom Außenministerium wurde durch Bauarbeiten für höchstpreisige Immobilien schwer verletzt – ein ungeheuerlicher Bauskandal, für den vor allem die Berliner Politik und Verwaltung verantwortlich sind. Doch inzwischen wurde diese Kirche aufwendig saniert – der Verursacher hat bezahlt – und erstrahlt in altem, neuem Zauber und eleganter, menschenfreundlicher Erhabenheit. Ich liebe besonders die träumerischen Fenster über dem Altar.

Für die Öffentlichkeit ist die Kirche ab Ende September diesen Jahres wieder regulär zugänglich. Dann wird die alte Nationalgalerie hier wie bisher ihre Skulpturensammlung zeigen. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn die Kirchengemeinde, der dieser Bau gehört, hier wieder eingezogen wäre. Das blieb ein Traum. Doch dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seit längerem hier Pächterin, diese Kirche weiterhin für ihre Kunst nutzt, ist auch sehr beglückend. Mit großem Einsatz hat sie in den vergangenen Jahren für diese Kirche gekämpft. Eigentlich müsste man der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dafür den alten kirchlichen Ehrentitel „Defensor Fidei“ („Verteidiger des Glaubens“) verleihen. Doch da fällt mir ein: Ein Papst hatte mit ihm voreilig schon King Henry VIII. ausgezeichnet, bevor er England von Rom abtrennte – womit wir wieder beim Brexit sind, über den ich doch gar nicht schreiben wollte.

Wer schon jetzt einen Blick in diese zauberhafte Kirche hineinwerfen möchte, kann dies an besonderen Führungen am Wochenende tun. Aber bitte rechtzeitig anmelden. Beim letzten Mal kamen über 10.000 Menschen. Die Berliner wissen eben, was sie an der Friedrichswerderschen Kirche haben.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
63 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Claudius Grigat
25 Beiträge

Schön bunt ist das Familienleben, manchmal auch zu bunt. Geschichten aus dem turbulenten Alltag von Claudius Grigat

Text:
Johann Hinrich Claussen
131 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
Franz Alt
95 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Dominique Bielmeier, Dorothea Heintze, Anne Buhrfeind
30 Beiträge

Zwei Redaktionen, ein Blog: Dominique Bielmeier arbeitet bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Anne Buhrfeind und Dorothea Heintze bei chrismon in Frankfurt. Nun bloggen sie: Über ihren Redaktions-Austausch, ihr Leben als Ossi im Westen, ihr Leben als Wessi im Osten. Und ihren Alltag, hier wie dort.