Johann Hinrich Claussen über den Schweriner Dom

Ein Ort des Schwebens
schaum

SCHAUM: George Lucas, 2011, Foto: Tim Kellner

Fernreisen sind zurzeit kaum möglich, auch nicht sinnvoll. Das hat sein Gutes, kann man sich jetzt doch den Schönheiten des eigenen Landes zuwenden. Indem man zum Beispiel nach Mecklenburg fährt, in die Landeshauptstadt Schwerin und den dortigen Dom besucht. Klingt jetzt nicht so spektakulär? Falsch, denn wer es tut, kann etwas erleben.

Seit 850 Jahren thront und wacht der Schweriner Dom über der alten, schönen Residenzstadt – ein gotisches Wunderwerk, ein Monument der Erhabenheit, vor dem man ein lang verschüttetes Gefühl neu entdecken kann: die Ehrfurcht. Man steht vor ihm, geht durch ihn hindurch, erfährt seine Übergröße, ein architektonisches Sinnbild der Unendlichkeit, staunt, man fühlt sich klein, ohne sich schämen zu müssen, begrenzt und aufgehoben, man atmet auf.

Das Glück eines Besuchs dieses Doms wird in diesem Jubiläumsjahr noch gesteigert durch eine sehr gelungene Ausstellung. „Herzen Werkstatt“ heißt sie und ist eine Kooperation der Domgemeinde mit dem Staatlichen Museum Schwerin. Ausstellungen moderner Kunst in Kirchen gibt es inzwischen viele, eine erfreuliche Entwicklung. Was diese so besonders macht, ist der feine Sinn des kuratorischen Teams, Katharina Uhl und Gerhard Graulich, für den Raum und die überraschenden Resonanzen, die sich zwischen alter, sakraler und neuer, säkularer Kunst einstellen können. Glücklich ist auch die Wahl des Themas „Herz“, das vieles unaufdringlich verbindet, was auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat. Besonders erfreulich ist, dass viele Werke etwas überraschend Heiteres ausstrahlen. Ein hintergründiger Humor, nicht mit Lustigkeit zu verwechseln, durchzieht die Schau. Das passt überraschend gut zu diesem Dom, der in all seiner Würde und Ernsthaftigkeit wie jeder gelungener Kirchbau ein „Ort des Schwebens“ (Thomas Erne) ist.

Da ich zum Glück kein Kunstkritiker bin, kann ich einfach sagen, was mein liebstes Stück in dieser Ausstellung ist. Das Rostocker Künstlerkollektiv „SCHAUM“ hat einen Spruch aus einem „Star Wars“-Film auf eine Art Liedertafeln angebracht. Diese steht nun links vor dem Altar, spricht in die Stille, die Gebete, die Predigten hinein, als eine erfreuliche, einleuchtende und notwendige Irritation.

P.S.: „Eine Energiewende findet nicht statt“ – ein Gespräch mit dem Umwelt- und Wissenschaftsjournalisten Jörg Moll. Man kann die neue Folge meines Podcasts über die Website von reflab.ch oder Spotify hören.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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