Johann Hinrich Claussen über Berlin im Lockdown-Advent

Wo ist sie nur hin, die Berliner Jemütlichkeit?
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jhc

Wir erleben einen stillen Advent – so ähnlich, wie die alten Kirchenväter es gewollt haben mögen: Advent – eine Zeit der Ungeselligkeit, des Schweigens und Fastens. Dahin all die Zerstreuungen, die in den vergangenen Jahren aus dem strengen Advent eine überfröhliche Vorweihnachtszeit gemacht haben. Nirgendwo bekommt man nirgendwo etwas Gutes zu essen oder zu trinken. Man hat ja auch keinen Appetit. Bedrückend und beunruhigend ist das schon. Man kann aber auch kleine Entdeckungen machen.

 

Was tun, wenn man nicht nur arbeiten oder schlafen will? Ich nutze meine Wege durch Berlin, ins Büro oder zu Terminen, zu Spaziergängen und stoße dabei auf allerlei Überraschendes. So habe ich in dieser Woche die hässlichste Kirche der Hauptstadt, wenn nicht gar der ganzen Welt entdeckt (ich verrate natürlich nicht, welche es ist). Ich gehe eine Straße weiter. Es ist immerhin hell, aber auch kalt, laut, schmuddelig und zugig. Eigentlich will ich schnellstmöglich wieder ins stille, warme Büro.

Da stehe ich plötzlich vor dieser kleinen Renovierungsbaustelle: „23 Stunden Gemütlichkeit bei Rena“. Was für ein Versprechen! Wenn ich jetzt etwas gebrauchen könnte, dann ein ordentliches Stück Berliner „Jemütlichkeit“. Aber warum ist damit nun Schluss? Hat auch daran wieder Frau Corona Schuld? Oder rentiert sich heutzutage Gemütlichkeit einfach nicht mehr? Oder war das Konzept nicht ganz stimmig? So viel Gemütlichkeit, fast rund um die Uhr – wie sollte Rena das auf die Dauer leisten? Andererseits, warum nicht „wenn schon – denn schon“ und bitte schön 24 Stunden, Gemütlichkeit non-stop? Warum nur diese eine Stunde Ungemütlichkeit? Was – ja, was hat Rena eigentlich in diesen verborgenen sechzig Minuten gemacht?

Fragen über Fragen, auf die ich nie eine Antwort erhalten werde, die mich aber beschwingt wieder in mein Lockdown-angemessenes, adventlich-unbehagliches Büro spazieren ließen.

P.S.: Es gibt so viele papierene und digitale Adventskalender. Einen möchte ich allen ans Herz legen. In England wird seit ungefähr drei Jahren „The Visual Commentary on Scripture“ betrieben, eine Website, auf der zu einzelnen Bibeltexten kleine digitale Kunstausstellungen kuratiert werden. Zum Kennenlernen und zur tägliche Freude und Besinnung gibt es dies nun eben auch als Adventskalender.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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