Es lohnt sich, nicht nur auf die großen Kulturereignisse zu achten, findet Johann Hinrich Claussen

Warum nur nach Kassel oder Berlin und nicht auch mal nach Büdelsdorf?
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jhc

Alle Kulturinteressierten schauen gegenwärtig nach Kassel, der aktuellen Weltkunsthauptstadt. Ob sie damit gut beraten sind? Zu viele meinen auch, relevante Kunst gebe es nur in Berlin. Ob das von Weitblick zeugt? Mit mehr Eigensinn, Neugier und Entdeckerfreude kommt man weiter – zum Beispiel nach Bitterfeld oder Büdelsdorf.

In Bitterfeld war bis vor kurzem eine hochinteressante Kunstausstellung zu sehen, wie mir Bekannte erzählt haben. Leider habe ich sie verpasst. Stattdessen bin ich zur Documenta gefahren, ich Narr. So wie mir geht es vielen – wir lassen uns zu sehr vom Großgetue der Mächtigen im Kulturbetrieb beeindrucken. Dabei findet sich so viel Schönes, Aufregendes, Anregendes abseits der ausgetretenen Pfade des Kunstmarkts, nämlich an Orten, die „Provinz“ zu nennen, ein sicheres Zeichen von Provinzialität ist.

Zumindest am vergangenen Sonntag habe ich alles richtig gemacht und bin mit Freunden nach Büdelsdorf gefahren. Dort, gleich bei Rendsburg, gibt es ein riesiges ehemaliges Stahlwerk und gleich daneben einen englischen Landschaftsgarten. Hier findet jedes Jahr die NordArt statt – mit großen Skulpturen, Gemälden, Foto- und Video-Arbeiten aus allen Himmelsrichtungen. Nicht alles mag einem gefallen, aber interessant ist doch sehr vieles und zeigt einem, wie aktuelle Kunst in Polen, Moldawien, Usbekistan und – seit langem ein Schwerpunkt bei der NordArt – China aussieht.

Die Atmosphäre ist gelöst, freundlich, irgendwie heiter. Das mag daran liegen, dass man nicht einen Anspruch wie die Documenta erhebt, definitiv zu erklären, was jetzt als globaler Kunststandard zu gelten habe. Ein kuratorisches Team hat eine gute, ästhetisch begründete Auswahl getroffen und das Ausgewählte mit Sinn und Sorgfalt ausgestellt. Auch gibt es keinen massiven kulturpolitischen Druck. Die NordArt lebt von einer privaten Initiative und vielen Unterstützern. Natürlich wünschte man ihr noch mehr Aufmerksamkeit, gönnt ihr aber, dass sie nicht unter medialer Überwachung zu leiden hat. Und weil sich die NordArt an die Menschen in der Nähe richtet (aber wir Hamburger waren auch willkommen), ist sie nicht so selbstreferentiell und Hipster-fixiert wie zum Beispiel die Berliner Biennale. Ideologische Übersteuerungen lassen sich so leichter vermeiden. Was aber nicht heißt, als könne man in Büdelsdorf nicht auch ästhetisch und politisch Herausforderndes sehen.

Ein Dauergast ist der chinesische Bildhauer LIU Ruowang. Dieses Mal hat er in die Mitte des Parks seine Figurengruppe „Mr Pinocchio“ (2019) gestellt. Böse lächelt die Lügen-Puppe auf die Menschenfiguren zu seinen Füßen herab. Seine Hände hat er über ihnen ausgestreckt, als wollte er sie wie Marionetten führen. Dabei ist doch eigentlich er eine Puppe. Aber seltsam ausdruckslos, seelenlos wirken hier die Menschen, die in großen Schritten um ihn herumgehen. Immer im Kreis, beherrscht von einem riesigen Manipulator. In der Pinocchio-Geschichte von Carlo Collodi wird aus dem dummen Lügner am Ende ein ehrlicher, mitfühlender Junge aus Fleisch und Blut. Aber hier?

P.S.: Einen neuen Blick auf die Gedichte von Erich Fried wirft eine schöne Radiosendung von Burkhard Reinartz, bei der ich mitmachen durfte. Wen’s interessiert, klicke hier.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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