Leben mit der eigenen Krebserkrankung

Seitenwechsel - von einem Tag auf den anderen
dampfende Tasse Tee, ein Bett im Hintergrund

David Mao/Unsplash

Ich bin Pfarrerin und war in der Klinikseelsorge tätig. Eine Krebsdiagnose hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Jetzt blogge ich an dieser Stelle regelmäßig aus meinen Krankenstand

Von einem Tag auf den anderen bin ich aus dem Beruf gefallen. Tagsüber habe ich noch als Klinikseelsorgerin mit Kolleginnen und Kollegen Konzepte und Ideen besprochen, abends nahm ich einen Arzttermin wahr, rücksichtsvoll in der Sprechstunde für Berufstätige.

Seit diesem Tag vor achtzehn Monaten bin ich nicht mehr als Pfarrerin berufstätig. 

Ich wurde im gleichen Krankenhaus, in dem ich seit zehn Jahren als Klinikseelsorgerin arbeite, behandelt. So konnte ich zwischen den ersten Untersuchungen noch schnell in meinem Büro den Abwesensheitsassistenten aktivieren. Die Kaffeetasse auf meinem Schreibtisch habe ich schon nicht mehr selbst gespült. Krank im „eigenen“ Krankenhaus, das kann zwiespältig sein. Insgesamt war ich froh über die vielen bekannten Gesichter um mich herum, dankbar für Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Nähe.

Es gab keine kollegialen Gespräche auf Augenhöhe mehr

Aber vom ersten Krankheitstag an wurde mir aber bei jeder einzelnen Begegnung deutlich, dass meine Welt jetzt eine andere ist. Es gab keine kollegialen Gespräche auf Augenhöhe mehr. Eine mir gut bekannte Therapeutin kämpfte mit den Tränen, als sie mich auf der Intensivstation sah. Ihr war das sichtlich unangenehm, ich fand das mitfühlend und angemessen. Es ist ja auch einfach zum Heulen. Von jetzt auf nachher habe ich durch meine wuchtige Erkrankung im Krankenhaus die Seiten gewechselt.

Und ich nehme immer mehr wahr, dass auf dieser meiner jetzigen Seite doch manches anders aussieht. So fand ich es beispielsweise schon sehr praktisch, dass ich in den Zeiten der Lockdowns viele Gottesdienste bequem auf der Couch mitfeiern konnte. Und ich hörte in Gebeten und Predigten von schweren Zeiten der Pandemie, von dunklen Tagen, von Last und Elend und dachte irgendwann: Es reicht mir. Die meisten meiner Mitfeiernden sitzen doch gesund in ihrem Wohnzimmer. Sie müssen in der Pandemie auch nicht wie viele Geflüchtete in durchlässigen kalten Zelten auf einer griechischen Insel ausharren oder leben am Existenzminimum.

Kranke Menschen nehmen nicht aus Blödheit Tabletten

Ein weiteres Beispiel: Vor kurzem erklärte in einer Talkshow eine Frau stolz, dass sie grundsätzlich keine Medikamente nehme. Sie sei prinzipiell skeptisch wegen der Nebenwirkungen und lebe eben sehr gesund. Deshalb möchte sie sich auch nicht gegen Corona impfen lassen. Diese Selbstgerechtigkeit konnte ich kaum ertragen. Kranke Menschen nehmen ja auch nicht aus Blödheit Tabletten und zum Glauben dieser Frau an ihre selbstverdiente und erarbeitete Gesundheit hätte ich noch einiges zu sagen. Und genau das möchte ich in diesem Blog tun. Ich möchte aus meiner Perspektive als Krebspatientin schreiben über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

 

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Über diesen Blog

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Karin Lackus
Als Klinikseelsorgerin besuchte Karin Lackus täglich schwerkranke Menschen. In unzähligen Gesprächen hörte sie von der Tragik und der Leichtigkeit des Lebens und Sterbens im Krankenhaus. Eine eigene Krebsdiagnose beendete von heute auf morgen diese Berufstätigkeit. Sie erlebte, dass altbekannte Erfahrungen der Klinikseelsorge aus der Perspektive eigener Erkrankung dann doch nochmal ganz anders aussehen und darüber wird sie in diesem Blog schreiben. Sie freut sich über Kommentare aus nochmals ganz anderen Blickwinkeln.

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