Blog: Krankheit als Strafe?

Warum straft Gott mich so?

smaria / photocase

Ein Mann hat seine Tochter missbraucht, eine Frau kann sich den Diebstahl eines Stücks Brot nicht verzeihen. Wie leben mit der Schuld? Und was hat Krankheit damit zu tun?

Krankheit als Strafe Gottes, das war für mich lange ein Gedanke aus der Vergangenheit, überholt, lieblos und längst theologisch widerlegt – bis ich Klinikseelsorgerin wurde.

Nun hörte ich regelmäßig die Frage: „Warum ich, warum habe ich diese elende Krankheit?“ Und erstaunlich oft schloss sich die vorwurfsvolle Überlegung an: „Was habe ich denn nur Schlimmes getan, warum werde ich so gestraft?“

In meinen ersten Monaten im Krankenhaus habe ich dann sofort engagiert widersprochen und von meinem Gottesbild, meinem Glauben an einen mitleidenden, liebenden Gott erzählt. Bald spürte ich jedoch, dass meine leidenschaftlichen Worte nicht gehört wurden und ein offenes Gespräch eher erschwerten.

Und so wurde ich ruhiger und schweigsamer, wenn ich den Gedanken eines strafenden Gottes hörte. Und gab damit offensichtlich ganz unterschiedliche Schuldgeschichten Raum.

Ich habe an Hinrichtungen teilgenommen

Ein ehemaliger Soldat erzählte von seiner Teilnahme an Hinrichtungen. Die lebenslange Beruhigung, dass er auf Befehl gehandelt habe, reichte im Alter nicht mehr. Eine Frau konnte sich nicht verzeihen, einem anderen Hungernden ein Stück Brot geklaut zu haben.  

Ein junger Mann hatte als Kind getan, was Kinder trotz aller Warnungen eben tun, nämlich plötzlich den Stuhl weggezogen. Seine ehemalige Mitschülerin ist lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen.

Ein Vater hatte seine Tochter missbraucht. „Nur ein einziges Mal, ich war so betrunken“, beteuerte er mehrfach, wusste aber selbst, dass dies nichts änderte. Schuld gibt es wirklich, es ist mehr als nur ein Gefühl. Mit solchen Schuldgeschichten durch das Leben gehen zu müssen, ist schwer. Sehe ich die eigene Krankheit als Strafe Gottes, scheint sie endlich einen Sinn zu haben. Selbst eine brüchige Erklärung ist offensichtlich leichter zu ertragen als die Sinnlosigkeit einer schweren Krankheit. Und endlich scheint es die ersehnte Möglichkeit zu geben, durch das Ertragen der Strafe etwas von der Schuld abzubauen.

So gesehen kann ich mittlerweile schon verstehen, warum die unselige Verbindung von Schuld und Krankheit nicht einfach weggeredet werden kann. Sie bleibt aber trotzdem grundfalsch.

Gibt es so etwas wie Vergebung

Wir brauchen andere Hilfemöglichkeiten gegen die oft unerträgliche Last von Schuld und wir haben diese auch. Schuldbekenntnis, Beichte und Schuldvergebung sind tief in unserer Tradition verankert. Als Kirche haben wir aber eben auch leider eine lange ungute Geschichte mit Schuld und Vergebung. Wir ahnen heute wohl nur das Ausmaß von Machtmissbrauch, wie sehr Schuld und Schuldgefühle ausgenutzt wurden. Wir wissen um eingeredete Schuldgefühle wegen fehlender Perfektion und Reinheit oder wegen angeblich „falscher“ Sexualität.

Es macht Menschen klein, wenn sie sich schuldig fühlen. Aus gutem Grund ist das traditionelle Schuldbekenntnis daher in vielen unserer Gottesdienste kaum noch wahrnehmbar.  

Aber ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob das so richtig ist. Ich frage mich, ob wir damit nicht die Menschen alleine lassen, die unter ihrer Schuld leiden. Es ist doch klare reformatorische Erkenntnis, dass es keine Heiligen gibt. Schuld gehört zu unserem Leben, aber eben auch die Hoffnung auf Vergebung.

Wie gut, dass wenigstens die Bitte des Vater Unser unveränderlich zu unseren Gottesdiensten und unserem täglichen Leben gehört: „Vergib uns unsere Schuld“.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und jetzt als Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Karin Lackus
Als Klinikseelsorgerin besuchte Karin Lackus täglich schwerkranke Menschen. In unzähligen Gesprächen hörte sie von der Tragik und der Leichtigkeit des Lebens und Sterbens im Krankenhaus. Eine eigene Krebsdiagnose beendete von heute auf morgen diese Berufstätigkeit. Sie erlebte, dass altbekannte Erfahrungen der Klinikseelsorge aus der Perspektive eigener Erkrankung dann doch nochmal ganz anders aussehen und darüber wird sie in diesem Blog schreiben. Sie freut sich über Kommentare aus nochmals ganz anderen Blickwinkeln.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
8 Beiträge

Sarah Zapf kommt aus Annaberg-Buchholz in Sachsen. Der untergegangene Staat prägte Sarahs Kindheit, ihr Familienleben, ihre Jugend. Davon, und von ihrem aus Tschechien stammenden Großvater erzählt sie in ihrem Blog Ostwärts

Text:
Susanne Breit-Keßler
220 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
39 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
29 Beiträge

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und jetzt als Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Text:
Johann Hinrich Claussen
288 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
74 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
3 Beiträge

Wer bin ich, wenn ich keine Heimatgefühle mehr habe? Was machen Krieg und Flüchtingsdasein mit mir? Darüber bloggt die ukrainisch-georgische Schriftstellerin Tamriko Sholi in Transitraum

 

Text:
Franz Alt
261 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle