Wiederaufbau im Hochwassergebiet

Rembrandt und die Gläserne Frau
Der Putz ist von den Wänden im Erdgeschoss auf Höhe des Flutpegels abgeklopft.

Thomas Rheindorf

Die Sanierung der sanierungsfähigen Häuser folgt einem überall ähnlichen Protokoll: Leerräumen, Entkernen, Trocknen, Aufbauen, Einrichten. Die beiden letzten Schritte sind im Ahrtal ganz überwiegend Zukunftsmusik.

Die Sanierung der sanierungsfähigen Häuser folgt einem überall ähnlichen Protokoll: Leerräumen, Entkernen, Trocknen, Aufbauen, Einrichten. Die beiden letzten Schritte sind im Ahrtal ganz überwiegend Zukunftsmusik.

Ich begehe mein Haus und lerne, dass die Wiederherrichtung eines hochwassergeschädigten Gebäudes einer sachlich-nüchternen Abfolge folgt. Und erlebe: Bauphysik lehrt Geduld und nervt manchmal auch ziemlich.

Ich habe ein Rendezvous mit meinem Haus. Nur wir beide. Zur blauen Stunde. Seit dem Tag, als das Wasser kam, war viel los in Haus und Garten. Nicht dass es zuvor eine Eremitage gewesen wäre. Freunde und Freunde der Kinder kamen, eine nette Schornsteinfegerin schaute jährlich nach dem Rechten, Handwerker werkten, wenn wir sie riefen, Familienfeiern und kleine Partys gab es auch. Aber das Haus zwischen dem Neuenahrer Bahnhof und der städtischen Badeanstalt war kein Taubenschlag. Das wurde anders, nachdem die Wasser sich einigermaßen verlaufen hatten.

Viele gaben sich ein Stelldichein: Freunde von Freunden der Kinder, mit einem Busshuttle herangekarrte freiwillige Helfer, THW-Experten, eine fröhliche Truppe der Freiwilligen Feuerwehr Kirn (mit köstlichem Kirner Bier) und Reinhold aus der Nähe von Augsburg, der in zwei Tagen mit seinem Oldtimer-Minibagger unseren Garten vom Giftschlamm beräumte. Manche inspizierten fachkundig, andere schufteten bis zum Umfallen. Zuletzt war ein Trupp bulgarischer Abbrucharbeiter da. Sie veranstalteten einen infernalischen Maschinenlärm und entsorgten alles, was das Wasser nicht geschafft hatte: Putz, Bodenbeläge, Estrich, Türzargen, Wandfliesen.

Impresario der Aktion war der Gutachter der Versicherung. Es waren freundliche Männer, die melancholisch wurden, wenn ich sie auf ihre weit entfernt lebenden Familien ansprach. Matrosen auf dem Meer des Elends. Sie hinterließen die Baustelle mehr als besenrein. Wie geleckt trifft es ganz gut. Jetzt ist mein Haus ganz still und verlassen. Es riecht nicht mehr nach Schlamm, Schimmel und Gift. Es riecht auch nicht mehr nach zuhause. Es riecht steril.

Mein Haus will mich nicht inspirieren. Es bleibt stumm

Ich hatte Erwartungen mit dieser Begegnung verknüpft: In meinem Kopf sollen sich die Ausgaben von Schöner Wohnen, die ich in den Wartezimmern meines Vertrauens las, mit der fabelhaften Interieurs-Reihe des Taschenverlags verwirbeln und mir Bilder meines zukünftigen Zuhauses projizieren – wie auf dem Holodeck vom Raumschiff Enterprise. Doch mein Haus will mich nicht inspirieren. Es bleibt still und stumm. Statt Wohnvisionen zu sehen, kommt mir die Gläserne Frau aus dem Hygienemuseum in Dresden in den Sinn. Unter ihrer Kunststoffhaut lässt sich sehen, wie der Körper funktioniert. Lämpchen leuchten auf Knopfdruck und zeigen, wie alles zusammenhängt.

Auch mein Haus zeigt, wo Strom, Wasser und Wärme herkommen, sich verteilen und verzweigen. Die Haut ist weg. Die Wohnideen der Vorbesitzer mit anderen Bedürfnissen kommen zum Vorschein. Das Haus zeigt, was es war und was es wurde mit der Zeit. Während ich umherwandere, betrachte ich die Haustechnik so staunend, wie die Männer der Amsterdamer Chirurgengilde die Performance des Dr. Tulp auf dem Bild des großen Rembrandt van Rijn. Auf dem Gemälde seziert der Arzt die Hand eines Hingerichteten. Er führt vor, welche Bewegungen sie ausführen konnte, als der Mensch noch lebte. Alles ist noch da, nur das Leben ist entwichen.

Ich kann die Kupferlitzen der Stromleitungen berühren und an Absperrhähnen drehen: Nichts passiert. Heizungsrohre enden, ohne wärmen zu können. Maueröffnungen ohne Türen ordnen nichts mehr. Vom Wunderwerk aus Dresden und der niederländischen Kunst wandert der Gedankenstrom unwillkürlich zu den  Körperwelten des Gunther von Hagens. Dabei wollte ich Wohnwelten. Doch sie bleiben mir verschlossen. Mein stolzes Haus lässt sich nicht überrumpeln. Das Alte ist vergangen, neues noch nicht geworden. Alles hat seine Zeit. Es ist Zwischenzeit.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Thomas Rheindorf
Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrille und Schaufel gehören jetzt zum Alltag von Thomas Rheindorf. Sein Familienhaus in Bad Neuenahr, in dem er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte, versank im Hochwasser metertief im Schlamm. Der Pastor ist auch als Seelsorger im Einsatz. Die Hilfsbereitschaft ist riesig im Tal – genauso riesig wie das Entsetzen und die Trauer.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Franz Alt
188 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
Johann Hinrich Claussen
221 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Text:
30 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Susanne Breit-Keßler
145 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
Hanna Lucassen
36 Beiträge

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Text:
16 Beiträge

Als das Hochwasser kam, war Pastor Thomas Rheindorf gerade zur Seelsorge unterwegs. Geschichten aus dem Ahrtal: über Trauer, Tod und Hoffnung.

Text:
3 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.