Franz Alt zum Thema Luftverschmutzung und Klimakrise

Dürfen wir Andere krank machen?
Luftverschmutzung

pixabay.com | Reimund Bertrams

Luftverschmutzung

Luftverschmutzung

In der Corona-Krise sind sich die meisten Menschen einig, dass wir mit Rücksicht auf die Anderen auch unsere Freiheit einschränken müssen. Freiheit kann nicht heißen, dass ich das Recht habe, Andere krank machen zu dürfen.

Wie aber ist das bei der Klimakrise?

Dürfen wir SUVs fahren oder fliegen, auch wenn Andere deshalb krank werden, flüchten müssen oder sterben? Dürfen wir weiter so viel Fleisch essen wie heute, auch wenn Andere dafür hungern oder fliehen müssen? Müssen wir, um die Klimaerhitzung noch zu stoppen, nicht genau so Rücksicht nehmen und Einschränkungen unserer Freiheit akzeptieren wie wir das in der Corona-Krise tun?

Die Freiheits-Dogmatiker rufen in der Zeit der Corona-Krise „Corona-Diktatur“ und beim Klimaschutz „Ökodiktatur“. Doch gilt bei beiden Krisen in gleicher Weise: „Du hast kein Recht, Andere krank zu machen“. Und: „Du hast kein Recht, Andere zu töten“. Sie halten diese Thesen vielleicht für übertrieben?

Da täuschen Sie sich. Fest steht: Corona hat global schon über einer Million Menschen das Leben gekostet. Aber Luftverschmutzung kostet jedes Jahr bis zu sieben Millionen Menschen das Leben. Allein in Europa sterben nach einer Studie der Europäischen Klima-Agentur jedes Jahr 600.000 Menschen wegen schlechter Luftqualität und durch Feinstäube. Und die Wirtschaft erleidet dadurch Schäden von 168 Milliarden Euro – Jahr für Jahr.

Es sterben also weit mehr Menschen durch schlechte Luftqualität als durch Corona. Und beide Themen hängen zusammen. Die Luftverschmutzung erhöht die Zahl der Corona-Toten. Schon die Sars-Epidemie 2003 zeigte die fatalen Auswirkungen verschmutzter Luft. In Regionen mit schlechter Luft starben weit mehr Menschen an Sars als in Regionen mit niedriger Luftverschmutzung.

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt zum Schluss, dass sogar neun von zehn Personen zu viele Schadstoffe einatmen: Feinstaub, Stockoxide und Ozon. Deshalb sterben jedes Jahr Millionen Menschen vorzeitig an Krankheiten, die dadurch ausgelöst werden.

Bald werden die EU-Staaten schärfere Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung verkünden. Es ist absehbar, dass dann wieder viele Menschen ihre Freiheit eingeschränkt sehen und „Öko-Diktatur“ rufen. Doch Klimaschutz ist bitter nötig, um unsere Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit zu schützen und um unsere gesamte Zivilisation zu retten. Dafür werden wir Einschränkungen hinnehmen müssen, die wir beim Kampf gegen Corona wie selbstverständlich akzeptiert haben.

Der renommierte Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber begründet schärfere Klimaziele ( höchstens 2 Grad globale Erwärmung gegenüber dem Beginn der Industrialisierung) und entsprechende Einschränkungen so: Wenn wir alle fossilen Rohstoffe, die heute noch in der Erde sind, verbrennen, dann kann es bis zu fünf Grad oder mehr heißer werden. Zwei Grad plus wären schon die „absolute Grenze“, Ziel müsste es aber sein, die Erderwärmung auf null Grad zu bringen. Schellnhuber fügt hinzu, er glaube nur noch zu 10 Prozent daran, dass wir das Zwei-Grad-Ziel noch schaffen.

Der fundamentale Unterschied im Kampf der Corona-Krise und der Klimakrise

Corona bedroht uns alle spürbar jetzt. Die Klimakrise bedroht „nur“ unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Die Bewältigung der Klimakrise erfordert deshalb ein erweitertes Bewusstsein und Verantwortung für die Zukunft. Das aber fällt uns schwer, weil wir uns kaum vorstellen wollen, was wir für die künftigen Generationen heute anstellen.

Die Klimakrise erfordert eine nie dagewesene Solidarität mit den heute noch Ungeborenen und mit den Ärmsten, die weit von uns weg leben, die aber schon heute durch den von uns verursachten Klimawandel zu Flüchtlingen werden.

Alle Religionen und Weisheitslehren geben uns eine eindeutige Antwort: „Du sollst nicht töten“ und: „Du sollst Andere nicht krank machen oder in die Flucht treiben“. Dieses ethische Gebot aller Gebote gilt sowohl gegenüber unseren Enkeln wie gegenüber den Ärmsten. Ethisch unterscheidet sich die Corona-Krise überhaupt nicht von der Klimakrise.

Rasen auf der Autobahn oder das Fahren eines SUV ist so wenig ein Freiheitsrecht wie die Rücksichtslosigkeit in der Corona-Zeit. Ich darf weder mit Aerosole noch mit  Abgasen Andere krank machen oder gar töten.

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Über diesen Blog

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Franz Alt
Dr. Franz Alt, Jahrgang 1938, war 20 Jahre lang leitender Redakteur und Moderator des ARD-Magazins "Report". Heute arbeitet er als freier Autor und Kolumnist. In der edition chrismon gibt von ihm das Buch zu seinem Blog: "Die Alternative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft."

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