Hanna Lucassen über Nägelschneiden und Sonntagsdienste

Hanna Lucassen über Nägelschneiden und Sonntagsdienste
Feiertage der Pflege
Drei bunte künstliche Tulpen liegen neben einer Nagelschere auf einer hellgelben Decke

privat/Hanna Lucassen

Eigentlich wollte ich so anfangen: "Was machen Pflegende am Tag der Arbeit? Sie arbeiten. Was machen sie an Ostern, an Weihnachten, an Feiertagen? Sie arbeiten…" um dann darzustellen, wie hart und familienunfreundlich das alles ist. War ja gerade erster Mai!

Aber dann fiel mir ein, dass ich das manchmal gar nicht so schlecht fand: Sonntags mittags meine Sachen zu packen, wenn auf dem Tisch noch die Frühstücksteller mit dem angeklebten Eiresten standen und die Restfamilie sich in den typischen Sonntagsverhandlungen verzettelte (Kommt, lasst uns raus! Och nöö… Wir nehmen auch das Laufrad mit! Steht noch im Kindergarten…).

„Tschüß, Ihr Süßen, bis heute abend!“ - Das hatte schon was Befreiendes. Und ich fand es auch nicht schlecht, dass der wochentags arbeitsabwesende Vater mit den Kindern alleine war: in der Regel jedes zweite Wochenende, samstags und sonntags.

Blumenvasen und Kuchenteller

Und dann fiel mir auch noch ein, dass ich die Feiertagsdienste manchmal ganz schön fand. Sie waren ruhiger. Keine geplanten Untersuchungen, Operationen, Neuaufnahmen. Angehörige kamen zu Besuch, fragten nach Blumenvasen und Kuchentellern und standen manchmal gedankenverloren im Flur. Wir kochten eine Kanne Kaffee mehr. Ja, wir waren schlechter besetzt, aber trotzdem war manchmal mehr Zeit für die Menschen. Vor allem für die, die auch sonntags alleine waren.

Es ist für uns eine Zeit...

2008 arbeitete ich in einer anthroposopischen Demenz-WG. Es war ein Adventssonntag. Ich saß mit einer zerbrechlichen alten Dame in ihrem Zimmer. Sie war sehr scheu, seit Tagen hatte sie gar nicht mehr gesprochen. Ich hatte ihr beim Anziehen geholfen, saß nun neben ihr und begann ihre Fingernägel zu schneiden. Ganz sanft lagen ihre Hände in meinen. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, irgendwann begann ich zu singen: „Es ist für uns eine Zeit angekommen.“

Die Frau lächelte ein bisschen, hörte zu, und fiel dann mit zarter Stimme ein. Ich feilte einen Finger nach dem anderen, ganz sanft. Wir sangen Strophe um Strophe. Noch einmal und noch einmal. Manchmal lachten wir uns an. Die Frau starb einige Wochen später.

Solche Momente, die sind kein Alltag in der Pflege. Das sind echte Feiertage.

 

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Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank – bis jetzt die Corona-Krise kam. Nun hat sie sich als ehrenamtliche "Pflege-Reservistin" gemeldet.

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