Umgang mit Kränkungen

Huch, dich hab ich glatt vergessen!
Kränkungen können wie ein Stein im Magen liegen. Was man tun kann, um mit ihnen fertig zu werden
Die Theologin Susanne Breit-Keßler

Monika Höfler

Die Theologin Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen

„Meine Liebe, dein Phlegma hat mal wieder dafür gesorgt, dass ein Mann dich sitzen lässt“, sagt Petra zu ihrer Cousine. So, dass es alle hören können. Was für eine Kränkung! Oder Inez – sie sieht ihren Mann wütend an: „Du bist kein Mann, du bist ein Waschlappen.“ Er hat bei seinem Chef die Gehaltserhöhung nicht durchsetzen können. – „Auf Fotos siehst du immer so toll aus“, sagt Alex zu seiner Julia. Auf Fotos? – Ilse sucht bei der Hochzeit ihrer Schwester nach ihrem Platz am Familientisch. „Huch“, meint die, „habe ich glatt vergessen. Setz’ dich doch da drüben hin.“

Susanne Breit-Keßler antwortet auf Fragen, die uns bewegen. Diesmal: Wie gehen wir mit Kränkungen um? Egal, ob sie aus Unachtsamkeit oder purer Absicht geschehen: Demütigungen schmerzen sehr. Wann wir Kränkungen besser an uns abtropfen lassen sollten und inwiefern Humor hilft, erklärt die Münchner Regionalbischöfin.

Was nun? Im Magen liegt ein Stein, das Herz tut weh, und man denkt nicht mehr klar. Eine schlimme Kränkung kann dazu führen, dass man mit dem anderen nie mehr etwas zu tun haben will – er ist für einen gestorben. Oder man rast innerlich vor Wut, sinnt auf Rache. Manche Menschen dagegen scheinen Kränkungen wegzustecken. In Wahrheit archivieren sie sie in ihrer Seele, häufen eine auf die andere und bemitleiden sich selbst. Das alles tut einem nicht gut. Es hilft nicht.

Heilsamer ist es, erst einmal durchzuatmen. Nicht gleich hoch­emotional zu reagieren – sonst vergibt man die Chance, bei sich zu bleiben. Danach empfiehlt es sich, darüber nachzudenken, ob einem die Kränkung eine Auseinandersetzung wert ist. Kann mich das wirklich meinen, was der andere gesagt hat? Oder weiß ich von vornherein, dass er oder sie gerne mal austeilt – aus Neid, weil er unzufrieden ist mit seinem Leben. Oder weil sie schon ­lange Probleme mit sich selber hat. Da kann man sich getrost sagen: „Lass fahren dahin, sie haben kein Gewinn.“ Wenn man nicht so lässig bleibt, muss man nachhaken.

"So sprichst du bitte nicht mit mir!“

Es könnte sein, dass man etwas falsch verstanden hat. Oder dass das Gegenüber bei Nachfrage mit den wahren Motiven der Kränkung herausrückt. Vielleicht hatte Inez gehofft, sich mit ­ihrem Mann endlich eine USA-Reise leisten zu können. Ihre Enttäuschung hat sie in Aggression verpackt, über die sie erst reden kann, als er sie auf ihre Attacke anspricht. Um selber gesund ­ zu  bleiben, ist es übrigens wichtig, deutlich zu machen, was kränkende Worte in einem ausgelöst haben. Der Schwester kann man irgendwann nach ihrer Hochzeit offen sagen, dass und wie sie einen verletzt hat. 

Möglicherweise klären sich bei Nachfragen sogar Irrtümer auf. „Auf die nächsten zehn Jahre“, sagt Roland am Hochzeitstag. Als seine Frau sich gekränkt erkundigt, ob er gedenkt, sich danach von ihr zu trennen, nimmt er sie in den Arm. „Schatz, ich meinte, dass jedes Jahrzehnt ein neues Geschenk ist!“ Es kann natürlich auch mal sein, dass die Kränkung einen wunden Punkt berührt. Petras Cousine rafft sich tatsächlich selten auf, etwas zu unternehmen. Manchmal vernachlässigt sie sich sogar äußerlich. Sie könnte sich selbstkritisch anschauen und fragen, was an der Kränkung Wahres dran ist. 

Wer mit einer Verletzung allein nicht fertig wird, sollte sich Hilfe suchen, um innerlich wieder stark zu werden. Ein ordentliches Selbstwertgefühl hilft bei Kränkungen sowieso immer. Man lässt dann gar nicht mehr zu, dass hinterhältige, unachtsame oder dumme Worte einen treffen. Und man setzt im Zweifelsfall Grenzen: „So sprichst du bitte nicht mit mir!“ Wer selbstbewusst ist, hat zudem Humor: „Auf Fotos sehe ich toll aus? Danke für das Kompliment. Es lässt aber für die Realität Fürchterliches ahnen . . .“ Und weiß, dass das Gegenteil der Fall ist.

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