Frau Otts endgültige Ablage. Diesmal: das Grußwort

Ich habe heute Mittag mal gegoogelt und 391 531 Treffer bekommen. Ich bin kein großer Redner. Ich schließe mich meinem Vorredner an. Drei Einstiege in sogenannte Grußworte, die man sich schenken kann. Ach, überhaupt: Kann es nicht eine Welt ganz ohne Grußworte geben?


Erstens sind Grußworte fast immer langweilig. Googeln können wir Zu­hörer auch selber. Schlechte Redner sollen bitte schweigen. Und beim Stichwort Vorredner macht unser Hirn automatisch „gähn“. Wie, noch mal dasselbe? Hilfe, wann gibts endlich das verdammte Fingerfood?


Zweitens haben fast alle Grußworte dasselbe Problem: Sie sind zu lang. Da sitzen sie nun, der gut bezahlte Moderator, der sich eine lustige Anmoderation gebastelt hat. Die spannenden Gäste, ja, es wurde mehrfach gesagt, dass es wirklich spannende Gäste sind, die sich fleißig ihre Argumente auf DIN-A5-Karteikarten geschrieben haben. Und das interessierte Publikum, das sich diesen Abend mühsam freigeschaufelt hat.

Erstmal kommt der Grußwort-August

Aber erst mal kommt der Grußwort-August. Er hat entweder qua Amt oder qua Geldbeutel das Glück, als Erster oder Zweiter das Mikrofon gekapert zu haben. Und er lässt es nicht mehr los. Er redet so lange, bis der Moderator seine Anmoderation wegwerfen kann, ist ja eh schon alles gesagt, die spannenden Gäste immer tiefer in ihre Sessel rutschen und das Publikum ahnt: Das wird heute sehr spät, bis das Fingerfood kommt. Grußworte sind der Killer jeder Veranstaltung.


Wer braucht Grußworte? Die Empfänger bestimmt nicht, eigentlich nur die Absender. Die Bürgermeisterin, der Schirmherr, der Sponsor. Sie wollen wahlweise Volksnähe oder Großzügigkeit zeigen. Ach, können die nicht wie jede gute Brauerei einfach ihr Logo auf die Einladung drucken, eine Lage Bier stiften und bei Bedarf ihre E-Mail-Adresse per Facebook bekanntgeben? Man käme dann schneller zu den spannenden Gästen, wegen denen man eigentlich seinen Abend geopfert hat. Es gäbe früher was zu essen und trinken. In der Summe würde man viele Stunden ­Lebenszeit sparen. Ach, eine Welt ohne Grußworte!

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Lesermeinungen

Frau Ott hat ja nur zu Recht, wenn sie beklagt, dass Grußworte fast immer zu lang und fast immer langweilig sind. Ich weiß das sehr gut aus einschlägigen Erfahrungen. Aber das muss nicht so sein, es geht auch anders.

Wer ein Grußwort sagen soll oder will, sollte sich vorher gut vorbereiten und genau überlegen, was er sagen will. Mir fällt in solchen Fällen immer etwas ein, von dem ich ziemlich sicher sein kann, dass es so kein Anderer sagen wird. Dabei kann ich auf die üblichen, wohl bekannten und abgedroschenen Floskeln leicht verzichten, und wenn ich dann auch die vorgegebenen zwei oder drei Minuten einhalte und die Kürze mit etwas Humor würze, ist mir der Beifall sicher. Wichtig ist allerdings, dass ich in einer längeren Reihe möglichst früh drankomme, denn wenn schon sechs Langweiler gesprochen haben, wird man vom siebten kaum noch Überraschungen erwarten.

Grußworte können kurz, spritzig, humor- und trotzdem gehaltvoll sein. Sie können dadurch aufgewertet und von ihrem schlechten Image befreit werden.

 

16.1.2012

 

Welch eine Erleuchtung, die einem nach diesem Artikel überkommt. Da sieht man sich als ewiger Grußwortredner doch plötzlich in einem ganz anderen Licht, wenn man weiß, dass den zuhörenden Journalisten – und auch das übrige Publikum? – nur eine einzige Frage quält: „Hilfe, wann gibt es endlich das verdammte Fingerfood?“ So jedenfalls steht es auch in dieser aufklärerischen Glosse. Ich werde künftig alle Journalisten grußlos zu einem Fingerfood-Essen einladen, um wenigstens dieser Spezies von Mensch Genüge zu tun. Übrigens werden die allermeisten meiner Amtskolleginnen und –kollegen auf keine der vielen Einladungen mit der Bemerkung reagiert haben und reagieren, dass sie selbstverständlich nur dann kommen würden, wenn sie ein Grußwort sprechen dürften. Dummerweise steht in den Einladungen der Institutionen, Vereine und Veranstalter meist der dezente Hinweis am Ende: „Lieber Herr Bürgermeister, wir dürfen Sie herzlich bitten, bei unserer Veranstaltung ein Grußwort zu sprechen.“

Was lernen wir daraus? Die Weltsicht der Menschen kann sehr verschieden sein und Journalisten, die sich in der Regel immer und überall für befugt halten, zu erklären, wie es in der Welt wirklich zugeht, haben zwar oft eine Meinung, aber möglicherweise nicht ganz so oft eine Ahnung.

Mag ja sein, dass übrigens auch Briefe eines Bürgermeisters gelegentlich etwas banal, dröge oder holprig daher kommen.  Und danach gibt es nicht einmal eine kostenlose Verköstigung. Aber wollen wir wirklich ganz auf Grußworte und Briefe verzichten? Vielleicht sollte man einen Deal machen; Journalisten hören auf, Unsinn zu schreiben und Bürgermeister, Schirmherren und Sponsoren verzichten auf Grußworte.

13.1.2012