Erledigt. Frau Otts endgültige Ablage, diesmal: Revolution

Mandelmus statt Magermilch, Zucchini statt Hackfleisch - eine abwechslungsreiche Ernährung tut gut, aber ist das gleich eine Revolution?

Foto: Katrin Binner

„In Deutschland“, schreibt uns ein Buchverlag, „tobt eine Essensschlacht.“ Hilfe! „Die Gräben zwischen den Verfechtern der fleischlosen Ernährung und den Fleischverzehrern scheinen unüberwindbar.“ Wirklich? Ein beherzter Sprung über den Graben, rein in den Buchladen, und tatsächlich: „Vegan Revolution“,  „Die Diät-Revolution“, „Die Entsäuerungs-Revolution“, „Die Rohkost-Revo­lution“ – so heißen die Bücher zur Essensschlacht.

Oder gar: „Letzter Ausweg vegan. Wie eine Ernährungs-Revolution unser Leben retten kann.“ Leben retten? Dafür reichen mir die Johanniter-Unfall-Hilfe und mein gesunder Menschen- verstand. Letzter Ausweg? Klingt so schlicht wie „alternativlos“. Und die Revolution, ach ja, die Revolution... Da bin ich skeptisch, seit die realen Revolutionäre in Ägypten schon mal ihre Frauen vergewaltigen und in Syrien aus einer Revolution ein Gemetzel sondersgleichen wurde. Und dennoch: Die Revolutionäre in der arabischen Welt, sie haben etwas riskiert, ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um die Verhältnisse grundlegend umzuwälzen – genau das versteht der Duden unter einer Revolution.

Was, bitte, riskiert ein deutscher Großstadtbürger, der statt Magermilch jetzt Mandelmus ins Müsli rührt? Und was wälzt er um außer Korn und Schrot? Warum kommt kaum ein Bericht über fleischlose Ernährung ohne das Suffix „Revolution“ aus? Fleischlos-Revolution, Teller-Revolution, Kantinen-Revolution – Letzteres kommt von Tageszeitungs­kollegen, die über einen, EINEN, Veggie- Tag in der Woche schreiben. Fast schon rührend, dass wir Deutschen es ­revolutionär finden, wenn die Kantinenköchin mittwochs statt Hackfleisch gehäckselte ­Zucchini in die Nudelsauce rührt.

Kann nicht gut für die Verdauung sein, so viel Schaum vorm Mund. Prima, dass weniger Fleisch gegessen wird, auch in der chrismon-Kantine und im Kanzleramt. Das ist sehr gut für den Planeten, für die Tiere, für die Euros und für die Kilos. Aber eine Revolution ist es nicht. Bitte regelt euren Säurehaushalt, Fleisch­konsum und Rohkostbedarf nach bestem Wissen ­und Gewissen. Und lasst uns über die wahren Re­volutionäre reden. Rosa Luxemburg war vielleicht eine, ja, oder Jesus Christus. Auch Martin Luther hat Revolutionäres geleistet. Der aß übrigens gern Schweinefleisch. Aber seine 95 Thesen hat er über wichtigere Dinge verfasst. Danke, Martin!

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Lesermeinungen

Ich halte folgende Aussage von Frau Ott:

„Auch Martin Luther hat Revolutionäres geleistet. Der aß übrigens gern Schweinefleisch.“

für etwas ignorant.

Im Wort „Schweinefleisch“ befindet sich auf der einen Seite das Fleisch, was Luther gerne aß, aber auf der anderen Seite die Schweine, deren unendliches Leid nicht mehr vereinbar sein darf mit den Gedanken, die in der Bibel zu finden sind und daher in den Kirchenhäusern wahre Stürme des Protestes entfachen müssten.

Ja, vielleicht hatte Luther damals noch gerne Schweinefleisch gegessen, weil die Schweine zu Luthers Zeiten ein Schweinedasein haben konnten, bevor sie in diversen Töpfen landeten.. Vielleicht. Ich möchte allerdings denken, dass uns Luther heute, angesichts dieser entsetzlichen Massentierhaltung, jede Woche wenigstens einmal den Verzicht auf Tierprodukte predigen würde. Wer weiß?

Vier Bedeutungen für „Revolution“ fand ich auf die Schnelle im Online-Duden:

1. auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, gewaltsamer Umsturz[versuch]
2. umwälzende, bisher Gültiges, Bestehendes o. Ä. verdrängende, grundlegende Neuerung, tief greifende Wandlung
3. (Astronomie veraltet) Umlaufbewegung der Planeten um die Sonne
4. (Skat) Null ouvert Hand, bei dem die gegnerischen Spieler die Karten austauschen

Zumindest Zweitens könnte die Verwendung des Begriffes etwa als „Vegan Revolution“ legitimieren. Aber will ich das im Zusammenhang mit diesem Tierleid, vor allem auch mit der auch von uns zu verantwortenden weltweit herrschenden Nahrungsmittelknappheit unbedingt wissen?

Weitaus mehr, als die Frage, ob die Verwendung des Begriffes Revolution inflationäre Formen angenommen hat, würde mich interessieren, womit zu rechnen wäre, ob Luther heute noch Schweinefleisch essen würde oder ob er mit seiner Unbeugsamkeit nicht etwa ganz gewaltig die Massentierhaltung geißelte.

Die Artikel von Frau Ursula Ott haben es in sich. Da spürt man die ganze weibliche Leidenschaft in bester religiöser revolutionärer Umgebung.
[...] Fleischlose Ernährung ist ungesund. Religiöser Fanatismus zerstört die Welt. Dem Schöpfer sei Dank. Ich gehöre keiner fanatischen Gruppierung mehr an.
Ich erlaube mir aus dem Phrasenkoffer von Frau Ursula Ott zu zittieren:
➢ Allianz aus Hormonherstellern (Männer)
➢ Demografischen Wandel
➢ Die Bibel spricht von „schon“ und von „noch nicht“
➢ Existenzbedrohend
➢ Grenzenlos naiv
➢ Herrlich pragmatisch
➢ Herzenskrieger
➢ Ich war auf einem Medienkongress (Schlaumeier-Kongress)
➢ In beetween
➢ Inszeniert und problematisiert
➢ Klare Ansage (Werbeslogan von EON)
➢ Phase des Übergangs
➢ Pubertier
➢ Ressourcennutzer zum Potenzialentwickler
➢ Ungewissen Phase des Übergangs

Mit mehr Respekt, Toleranz und Achtung vor anderen Menschen wären Sie mit Sicherheit glubwürdiger!

Querdenker

//Anmerkung der Redaktion: Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich.

Meiner Meinung nach müssen nicht unbedingt Menschen Uhr Leben opfern, um von einer Revolution sprechen zu können. Der Versuch, die Verhältnisse umzuwälzen ist hingegen entscheidend, da haben sie recht. Genau aus dem Grund sind die Parolen der fleischlosen Ernährung auch vollkommen korrekt. Es geht nämlich nicht nur um die Verschonung der armen Tiere, sondern auch um das Aufdecken der Machenschaften der Fleisch- und Milchproduktion und deren Zusammenhang mit der Politik. Es geht auch darum, die Lebensmittelindustrie und das Konsumverhalten so zu verändern, dass nicht für das Steak der Deutschen einige Brasilianer direkt neben einem Futtersoja-Feld verhungern. Es geht also auch um die Veränderung von Machtverhältnissen in der Welt. Das ist ja wohl ziemlich revolutionär.

Sehr geehrte Frau Ott, Revolution als Slogan benutzen die, welche echte Revolutionen nie erlebten oder zu feige dazu wären. Doch mir schwerer wiegt: sind Sie eine Karnistin? http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/karnismus-die-psychologie-d... - Sie verharmlosen (wie die Kirche schon immer) unseren Umgang mit Tieren. Für Tiere ist jeden Tag Treblinka. ----Und erwähnten Sie unsere Revolution 1989 nur deshalb nicht, weil sie erfolgreich und friedlich war? Oder war in der DDR-Diktatur in Ihren Augen etwa „nicht alles schlecht“? -----Eine Lese-Empfehlung für Sie: chrismon.de Juni 2014 „Wiesenglück“ und „Man müsste mal...“