Wie das Jugendwort "läuft" bis zur Kirche durchdringt

Läuft!
Läuft bei dir? Lieber nicht. Nicht nur Banker haben den Spruch annektiert, sondern sogar die Generation Ü70
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Foto: Katrin Binner

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Neulich waren wir chrismon-Leute laufen. Wir waren fünf von 80 000 beim „J.-P.-Morgan-Lauf“, und das Beste an unserem Team: Wir ­trugen KEIN T-Shirt mit dem dämlichen Aufdruck „läuft“. Oder: „läuft bei dir“. Das nämlich war der Renner (Achtung: Kalauer!) bei den Bankern, die diese „Challenge“ überwiegend bestreiten. Dabei läufts bei denen ja gar nicht sooo gut im ­Moment, man liest von Niedrigzinsen, Sanierungsfällen und Stresstests. Aber wer joggt schon gern durch Frankfurt mit einem Trikot, wo draufsteht: „stresst“.

Was Liebe aushält

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„Läuft bei dir“ war das Jugendwort 2014. Hallo! 2014! Schon damals gab es viel ­Exegese. „Läuft bei dir“ sei synonym für „krass“ oder „cool“, erklärte der Langenscheidt-Verlag, ­die „Welt“ vermutete in der Redewendung gar ein Symptom der verunsicherten Generation Z, die zu wenig Anerkennung von uns Alten bekomme. Hm. Anno 2016 sagt meine bescheidene Empirie mit zwei ­Söhnen, die übrigens ziemlich viel Anerkennung be­kommen: Auf klare deutsche Fragen wie „Wie viele Französisch­vokabeln hast du auf?“ oder „Wollen wir ­morgen zusammen frühstücken?“ sagen sie nicht etwa ­„40“ oder „Ja“ oder „Nein“. Sondern: „Läuft.“ Locker zu übersetzen mit: „Bitte, Mama, lass mich in Ruhe, ich habe alles im Griff.“ Und wenn sie die Bemerkung „läuft bei dir“ machen, dann eher ironisch, erläutern sie auf Nachfrage. Was bleibt ihnen auch übrig, wenn ihr Jugendwort nach zwei Jahren schon auf den Bankertrikots klebt.  

Und schließlich bei den Kirchen angekommen ist. „Läuft bei uns“ in der Kirchengemeinde Erding, „läuft bei dir“ in Oppenweiler. Im Bücherherbst 2016 hat „läuft“ endgültig die Generation Ü70 ­erreicht. Benediktiner Notker Wolf, 76, betitelt seine Aphorismensammlung mit „Läuft“. Die Sprüche – in 18 Punkt gesetzt und eher für ­meine Gleitsichtgeneration – gehen so: „Wir haben keine leichte Zukunft vor uns – aber eine tolle.“ Krass, Notker. Meinst du das ironisch?

Gibt es eigentlich das Wort „toll“ noch? Man sollte bei Langenscheidt nachfragen.

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