Johannes Friedrich über die "Künst des Sterbens"

Die "Kunst des Sterbens" hat es heute schwer

Foto: Gerald von Foris

Die Angst vor dem Tod hält die Menschen im Griff. Besonders wichtig ist es deshalb, nicht allein zu sein

Haben Sie Angst vor dem Tod? Ich persönlich nicht. Aber ich habe Angst vor dem Sterben, davor zum Beispiel, lange Zeit leiden zu müssen, viele Schmerzen zu haben, beim Sterben allein zu sein. Ich habe Angst davor, viele Monate, ja vielleicht Jahre künstlich am Leben erhalten zu werden.

So wie ich werden heute wohl viele Menschen empfinden. Die „ars vivendi“, die Kunst des (bewusst gelebten) Lebens hat – vielleicht gerade besonders unter den Lesern dieses Magazins – an Bedeutung gewonnen. Die „ars moriendi“ hingegen, die Kunst des Sterbens, hat es heute schwer. Darüber war ich mir mit den ­Spitzen­-­vertretern des Deutschen Bestatterverbandes einig, die ich in ihrem Ausbildungszentrum in Münnerstadt in Unterfranken traf.
Der Beruf das Bestatters hat sich positiv gewandelt

Ich bin beeindruckt von diesem Zentrum, das nicht nur deutschland-, sondern weltweit einmalig ist. Der Ruf des Bestatters hat sich positiv gewandelt. Das liegt auch daran, dass es für diesen Beruf inzwischen einer qualifizierten Ausbildung bedarf: Medizinisch-hygienische Kenntnisse sind genauso gefragt wie ein grundlegendes Wissen im Schreinerhandwerk und im Gartenbau. Besonders aber geht es um ­psychologische Kenntnisse, Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis. Diese große Bandbreite macht diesen Beruf interessant und attraktiv. Ich fragte einen jungen Auszubildenden nach seiner Motivation. Er antwortete: „Weil ich hier viel mit Menschen zu tun habe.“

Bedrückend fand ich bei diesem Gespräch zu hören, dass immer mehr Menschen bei einem Trauerfall auf die Hilfe eines kirchlichen Seelsorgers verzichten. Was sind die Gründe dafür, dass Menschen  oft nicht mehr von Pfarrern und Pfarrerinnen begleitet werden wollen, wo dies doch eine kirchliche Grundkompetenz ist? Es stimmt mich nachdenklich, dass sich immer weniger Menschen angesprochen fühlen von der Hoffnung, die weit über den Tod hinausgeht, und dem Trost, der nicht Halt macht an menschlicher Unzulänglichkeit. Denn dieser Trost gilt ja Glaubenden und Zweifelnden gleichermaßen. Im Gespräch erzählte mir jemand, dass er nicht an Gott glaube, dies aber am Grab von Freunden doch als Mangel empfände.

Die Bestattung gehört zu den kirchlichen "Werken der Barmherzigkeit"

Es ist gut, wenn Sterben und Tod be­gleitet werden. Wenn jemand da ist, dem wir vertrauen, ein Verwandter, ein Freund oder ein Pfarrer, bei dem wir uns mit unserer Angst aufgehoben fühlen, sei es die Angst vor dem eigenen Sterben oder vor dem Tod von nahen Angehörigen, jemand, der uns von der Hoffnung sagen kann, die über den Tod hinausreicht.

Und wenn der Tod eintritt, ist es guter kirchlicher Brauch, eine kleine Feier, die Aussegnung, am Sterbebett zu halten, um Trauer und Schmerz, aber auch den Dank für das Leben des Verstorbenen vor Gott zu bringen.

Die Bestattung gehört nach der kirchlichen Tradition zu den „Werken der Barmherzigkeit“: weil Christinnen und Christen in der Trauerfeier ihrer Liebe für den Verstorbenen ein letztes Mal Ausdruck geben können. Weil sie seine Würde achten und ihm die letzte Ehre erweisen. Und weil die Gemeinde den Hinterbliebenen helfen kann, mit dem Tod eines geliebten Menschen weiterzuleben.

Pfarrerinnen und Pfarrer sind dafür da, zu begleiten, zuzuhören und, wenn Sie dies möchten, Angst, Klage und Dank im Gebet vor Gott zu bringen. Ich selbst bin dankbar, dass ich in meiner Angst Gott ­anrufen kann und weiß: Er ist mein Hirte, auch im Sterben und im Tod. Er führt mich durch die tiefen Täler meiner Angst und meines Leides.

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Lesermeinungen

mit großem Interesse habe ich diesen Beitrag gelesen und kann aus der Sicht eines Menschen, der nach dem Tod des Sohnes auf all das, was Sie schreiben, Sterbebegleitung, Aussegnung, seelsorgerliche Begleitung gehofft hatte, nur fragen, wo sind die Seelsorger, wo sind die Pfarrer, die eigentlich dafür da sein sollten? Oder vielleicht anders formuliert: Warum werden sie Seelsorger genannt und können diese Tätigkeit absolut nicht wahrnehmen? In der Zeit nach dem qualvollen Sterben meines Sohnes musste ich feststellen, dass die Christliche Gemeinde (einschließlich der professionellen Christen – Pfarrer) keine Hilfe, keinen Trost zu geben imstande war. Ich musste mir regelrecht Gespräche erbetteln, die dann aber kaum Trost für die Seele brachten.
Das schildert den Gegensatz, der von Ihnen bemängelten Bereitschaft, Seelsorge in Anspruch zu nehmen.

Gabriell (nicht überprüft) schrieb am 22. September 2011 um 11:54: ""Korrelationen" führen mitunter auf Abwege" _____________________________ Das kann durchaus sein, auch wenn die eigentliche Verführung selbstverständlich durch die Schlange an Eva vorgenommen wurde und bei dieser günstigen Gelegenheit gleich die ganze Vernunft mit verführt wurde. Aber welcher Abweg soll sich hier auftun? ----------------------------- Zitat: "...und bleiben an der Oberfläche stecken". Also sehr tiefsinnig war und ist das nicht, wenn der Glaube den Menschen eintrichtert, dass sie, obwohl Gottes Ebenbild, dennoch ziemlich missraten sind. Ich wollte natürlich sagen, in Schuld verstrickt und von Sünde beladen sind. Wo soll da der Tiefsinn verpasst sein, wenn JMX darauf hinweist, dass der Glaube häufiger dazu führt, dass insbesondere im höheren Alter ordentlich Angst sich breit macht?

"JMX", Eine Korrelation auf zwei Größen beruhend, übersieht sehr viel und kann zu falschen Urteilen, oder Schlüssen führen. Besser als solche Korrelationen aufzustellen, ist es außerdem, nicht das Unmögliche zu erwarten, also die Angst zu leugnen. besser also ins Gespräch zu gehen, zuzuhören. Es ist ferner oberflächlich, weil Ihre Korrelation nur eine weit verbreitete Meinung wiedergibt. Senioren haben ein Leben hinter sich, das sehr vielen kulturellen und sozialen Einflüssen unterworfen war und ist. . Ihre Korrelation bildet s.z.s. nur die Spitze eines Eisbergs, und Korrelationen gehören nicht in den Alltag. Wenn "Abwege und Oberflächen " für sie in den Beriech der "Fabulierung " gehören, dann beschäftigen Sie sich damit, lernen Sie etwas darüber, dann verstehen Sie besser, was ich meine,:.). Wer übrigens an die "Hölle" nicht glaubt, der erlebt, wenn er Pech hat, die Hölle auf Erden, oder schlimmer noch, er wird zum Anhänger anderer Gruppierungen, oder er wirkt an einer Demokratie mit, die kaum Grenzen kennt ! Was sich aber geändert hat, glaube ich, ist das VERSTÄNDNIS von der "Hölle". Das VORURTEIL, der Aberglaube sind gewichen? Höchste Zeit ! Ich dachte, das gäbe es heute überhaupt nicht mehr ?! Wahrheit und Dichtung korrelieren gut zusammen ! Auch Epikur ist heute mehr Dichtung als Wahrheit, was nicht heißt, dass er weniger wichtig ist, im Gegenteil. Ich weiß wenig über Sie, könnte also nur Vermutungen anstellen. Todesangst ist eine natürliche Empfindung. Ich versuchte Ihnen mit meinem Beitrag, einen Hinweis zu einem besseren Verständnis zu geben, mehr nicht. Ihre Aussage beruht, in meinen Augen, auf einem weit verbreiteten Vorurteil. Das passt nicht mehr in unsere Zeit, will man Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft übernehmen !

Gabriell (nicht überprüft) schrieb am 22. September 2011 um 12:09: "ein Kind kann sich vielleicht nicht wie ein Erwachsener wehren, aber es kann lernen, selbständig zu denken." ------------------------------ Dass ein Kind alles erst mal lernen muss, ist richtig. Somit muss es auch das Denken im Sinne des bewussten und zielgerichteten Gebrauchs seines Verstandes erlernen. Aber muss es dabei extra eine Selbstständigkeit erlernen? Kommt es diesbezüglich von einer Unselbstständigkeit her? Ist es nicht so, dass es von Anfang an selbstständig denkt? Dieses selbstständige Denken, z.B, die Herdplatte glänzt, die will ich anfassen, stösst dann auf neue Erfahrungen, z.B. autsch, die Platte ist heiß. Noch häufiger als auf Überraschungen dieser Art stößt das selbstständige Denken des Kindes allerdings auf die Worte und Taten von Mammi, Papi und der hochmodern geschulten Kindergottesdiensttante. Die sorgen schon dafür, dass das Kind selbstständig und ziemlich schnell spitz kriegt, dass seine Meinung, wo abweichend, nur sehr bedingt erwünscht ist. Dem Kind wird das selbstständige Denken also ausgetrieben. ------------------------------ Früher verlief dieser Vorgang wenigstens umstandslos. Wenn das Kind nicht so wollte wie Papi, setzte es Prügel. Wenn es nicht so wollte wie der liebe Gott, kam es in die Hölle. Heutzutage verläuft die Angelegenheit hinterfotziger. Das Kind darf sich ganz frei und selbstständig entwickeln. Hauptsache, es führt sich von sich aus nur in den Grenzen auf, die die Eltern für es vorgesehen haben. Und denken darf es, was es will. Wichtig ist nur, dass es aus ganz freien Stücken bei Gottes Liebe landet. ------------------------------ Zitat: "Und was wissen Sie schon über die Wahrheit, oder Unwahrheit des Einzelnen ?!" Diese Frage will ich Ihnen gerne beantworten. Ich weiß, dass die Behauptung, es gäbe die Wahrheit eines Einzelnen, Unsinn ist. Die Wahrheit gehört niemandem, weder einer Partei, noch einer Kirche, noch einem Einzelnen. Wahrheit ist objektiv, nicht subjektiv. Ob eine Vorstellung wahr ist, muss ausschließlich am Inhalt der Vorstellung überprüft werden und nicht daran, wer der Vorstellung anhängt. Deshalb stört es mich nicht, dass eine allerdings anders geartete Ablehnung des Relativismus in Wahrheitsangelegenheiten auch vom aktuellen Heiligen Vater gepredigt wird.

in diesem Zusammenhang scheint Ihnen nicht ganz klar zu sein, Gabriell. Gemeint war: Je religiöser desto mehr Todesangst und je weniger Religiosität desto weniger Todesangst. Abwege und Oberflächen haben Sie sich dazufabuliert.

@Iwan, ein Kind kann sich vielleicht nicht wie ein Erwachsener wehren, aber es kann lernen, selbständig zu denken. Und was wissen Sie schon über die Wahrheit, oder Unwahrheit des Einzelnen ?!

Gabriell (nicht überprüft) schrieb am 20. September 2011 um 15:50: "Der Glaube ist keine starre Angelegenheit" --------------------- Sehr richtig. Der Glaube ist sehr wandlungsfähig. Sonst könnte er ja nicht seiner Bestimmung nachkommen, die Menschen systematisch in herrschaftsdienlicher Weise hinter das Licht zu führen. Das musste im Altertum anders ausschauen als im Mittelalter und wieder anders in der Neuzeit. Das muss bei einem Hungerleider in der Sahelzone anders vonstatten gehen als beim mitteleuropäischen Normalverdiener und erneut anders bei einer Gestalt auf der Forbes-Liste. --------------------- Zitat: "er wächst mit dem Menschen mit". Ebenfalls richtig. Der Erwachsenenglaube muss sich vom Kinderglauben unterscheiden. Erwachsene wollen anders betört werden als Kinder, die sich sowieso nicht wehren können. Ob man kurz vor dem Sterben dann nochmal Bock auf eine neue Variante des Glaubens hat oder doch lieber bei der über Jahrzehnte eingeübten und bewährten Unwahrheit bleibt, ist eine Geschmacksfrage, die unterschiedlich beantwortet wird.

hat die Schrecken der Nazizeit erleben müssen (A propos, woher hatten die Nazis eigentlich die Idee mit dem Judenhaß?...) .Außerdem haben auch viele z.B. in der Shoa ihren Glauben verloren. Aber was hat das mit der Angst vor dem Tod und mit Epikur zu tun? Weil das Leben schrecklich war/ist, hat man automatisch mehr Angst vor dem Tod?!?!?

@JMX Der Glaube ist keine starre Angelegenheit, er wächst mit dem Menschen mit, wenn sich Menschen darin verkriechen, aus Furcht, aus Not, aus Trauer, e.t.c.,, und alte Menschen heute, (möglicherweise rettete der Glaube ihr Leben ? )haben schlimme Zeiten durchgemacht, dann geht es nicht um Schuldzuweisungen, oder "Korrelationen ", sondern darum, die Nöte dieser Menschen kennen zu lernen, denn vielleicht gab es in ihrem Leben ja nie eine Gelegenheit darüber zu sprechen ? Epikur musste auch die Schrecken der Nazizeit nicht erfahren !

dass man vor dem Tod keine Angst zu haben braucht. Angst vor dem Tod aber haben eben viele Religiöse, z.B. aus Angst vor der Hölle. Da aber viele heute nicht mehr an die Hölle glauben, ist eben auch die Angst vor dem Tod und dementsprechend der Bedarf an "Seelsorge" geschwunden. Ich arbeite in einer Wohngemeinschaft für Senioren. Meine Erfahrung dort ist, dass mit der Religiosität auch die Angst vor dem Tod korreliert.