Der andere Erfolg

"Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen", schrieb vor 200 Jahren Friedrich Hölderlin in seinem "Hyperion". Das Buch war eine verzweifelte Auseinandersetzung mit Kleinmut und Kleinkariertheit in Deutschland. "Handwerker siehst du, aber keine Menschen. Priester, aber keine Menschen. Junge Leute und gesetzte Leute, aber keine Menschen ­ ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?"

Wäre die Sprache nicht von gestern, könnte man glauben, der Dichter beschriebe unsere Situation. Gegen den Reformstau in der Arbeitsmarktpolitik wurde die Hartz-Kommission eingesetzt, der nun, bevor noch die Ideen um-gesetzt sind, eine Neuauflage des "Bündnisses für Arbeit" hinterhergeschickt wird. Gegen den Reformstau in der Gesundheitspolitik folgt die Rürup-Kommission, die nun Ergebnisse präsentieren muss, bevor die Herzog-Kommission der CDU punkten kann. Während eine Reformkommission der nächsten folgt, formiert sich die Blockade. Und während alle von Konsens, Kooperation und Synergien reden, denkt jeder an sein Budget, an seine Mitglieder. So verläuft jeder Aufbruch im Sande. Aus Lobbyismen und Zerrissenheit herauszufinden scheint unendlich schwer. Aber eine Gesellschaft, in der die eigenen Interessen ganz oben stehen, wird perspektivlos und verliert ihre Bindekraft.

Viele wünschen sich mehr Mitmenschlichkeit. Und manche tun etwas dafür. Wie die Chefsekretärin, die mit Mitte 50 in den Vorruhestand entlassen wurde und seitdem bei der "Düsseldorfer Tafel" die Verteilung von gespendeten Lebensmitteln koordiniert ­ ehrenamtlich. Auf den ersten Blick hat sie nur ihr Büro gewechselt, sie arbeitet genauso professionell wie zuvor. Doch ihre Ausstrahlung zeigt, wie glücklich sie darüber ist, Menschen zu helfen. Oder der Familienvater mit dem behinderten Sohn, der wegen all seiner beruflichen Verpflichtungen lange das Gefühl hatte, seine Frau im Stich zu lassen. Jetzt, da die beiden den Sohn in einer Wohngruppe untergebracht haben, stattet der Vater das Bistro aus, das die behinderten jungen Leute betreiben. Und freut sich sehr, wenn alles gut läuft.

In einer Rede zum Jahr der Behinderten hat Bundespräsident Johannes Rau kürzlich für mehr Menschlichkeit geworben. Vielleicht ist das der entscheidende Schritt: dass wir nicht nur über soziale Sicherungssysteme, Gesetze und Trägerstrukturen nachdenken, sondern die ganz persönliche Solidarität wieder entdecken.

Menschlichkeit kann man nicht planen, berechnen und verordnen. Aber wie wäre es mit dem Rezept von Albert Schweitzer: "Such dir ein Ehrenamt, in dem du Mensch unter Menschen sein kannst, eine Aufgabe, die dich neue Welten entdecken lässt, dir neue Perspektiven gibt. Das bewahrt vor Resignation und Verzweiflung ­ dich selbst und andere auch."

Der sensible Dichter Friedrich Hölderlin war am Ende seines Lebens völlig verzweifelt, er wurde psychisch schwer krank. Recht behalten hat er nicht. Es gab und es gibt eben doch Menschen, die sich herausfordern lassen. Zum Beispiel den Handwerker Ernst Zimmer aus Tübingen. Er nahm den kranken Autor in seiner Familie auf und pflegte ihn jahrelang. Er hatte Hölderlins "Hyperion" gelesen ­ und seine ganz eigenen Schlüsse daraus gezogen.

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