Die Publizistin Liane Bednarz warnt davor, dass rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Wo die Rechten predigen
Bautzen im Dunkel. Hier hat etwa jeder Dritte AfD gewählt. Sie wurde stärkste Kraft.

Jonas Walter

Die im Dunkeln sieht man nicht. Aber in Gemeinden muss Klartext gesprochen werden

"Denk ich an Deutschland in der Nacht..." Bautzen im Dunkel. Hier hat etwa jeder Dritte AfD gewählt. Sie wurde stärkste Kraft. In Anbetracht der Berichte über rechte Übergriffe und Tendenzen bleibt ein Unbehagen.

Bautzen ist keine Ausnahme. Die Publizistin Liane Bednarz warnt davor, dass rechte Christen Gesellschaft und Kirchen ­unterwandern – nicht nur im Osten

chrismon: Worin unterscheiden sich Rechte von Konservativen?

Liane Bednarz: Konservative – dazu zähle ich mich selbst auch – wollen die westliche Welt, wie wir sie seit 1945 kennen, bewahren. Sie haben einen positiven Blick auf die Gesellschaft und überziehen diese – anders als viele Rechte – nicht mit Verfalls­rhetorik oder Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien?

Etwa die Rede davon, in Europa finde ein Bevölkerungsaustausch und eine Islamisierung statt. Rechtes Denken zeichnet sich im Kern durch drei ­Elemente aus: Es ist illiberal, anti­pluralistisch und oft auch völkisch.

Liane Bednarz

Liane Bednarz, Jahrgang 1974, ist Juristin und ­Publizistin. In ihrem Buch "Gefährliche Bürger" ­(mit Koautor Christoph Giesa, Hanser Verlag, 17,90 Euro) warnt sie davor, dass die neue rechte Bewegung in die Mitte der Gesellschaft vordringt.
Foto: Privat

Warum verfangen Ideen der Rechten heute in der Mitte der Gesellschaft?

Die CDU hat sich unter Angela Merkel in die Mitte bewegt und ihren konservativen Flügel inhaltlich wie personell brachliegen lassen. Viele Konservative ­
sind deshalb aus der Union ausgetreten und zur AfD gegangen, haben aber nicht erkannt, dass dort immer schon dezidiert rechtes Gedankengut vorhanden war. Ein anderer Grund ist Thilo Sarrazin, der die Tür des rechten Denkens hin zur bürgerlichen Mitte weit aufgestoßen hat.

Alice Weidel, AfD-Chefin und Oppositionsführerin im Bundestag, zitierte Sarrazin in der Haushaltsdebatte . . .

. . . indem sie von "Kopftuchmädchen" sprach. Das entsprechende Zitat stammt aus dem Jahr 2009, Sarrazin redete damals von Kopftuchmädchen, die "produziert" und Bräuten, die aus Anatolien "nachgeliefert" würden. Die Verben "nachliefern" und "produzieren" beziehen sich auf Sachen, nicht auf Menschen. Das ist eine Enthumanisierung. Sarrazins Wortwahl hat also zur Verrohung der Sprache beigetragen, die heute weithin wahrnehmbar ist.

Ihr Buch zeigt, dass auch Christen denken wie Sarrazin. Haben die ­Kirchen etwas übersehen?

Es ist falsch, Probleme wie Parallelgesellschaften nicht anzusprechen, weil man Angst hat, das könnte Rechten in die Karten spielen. Wenn wir Migrationsdebatten ehrlich führen, haben die Rechten es mit ihrer Stimmungsmache schwerer. Aber auch im Umgang mit Rechten passieren Fehler.

Welche?

Die evangelische wie die katholische Kirche haben es versäumt, sich mit rechtem Gedankengut in ihren Reihen aus­­ei­nanderzusetzen. Nach außen haben sie sich immer gegen Rechtspopu­lismus und die AfD positioniert. Aber in den Gemeinden wurde kaum ­debattiert. Man dachte wohl, dass 
sich krude Parolen nie so ausbreiten ­würden. Viele Pfarrer sagen mir, dass eine große Ratlosigkeit darüber besteht, wie mit Glaubensgeschwistern umzugehen ist, die gen rechts driften.

Es ist anstrengend mit Rechten zu reden. Aber als Christ soll man zeigen, dass man um Menschen kämpft

Was raten Sie Pfarrern, wenn Gemeindeglieder Flüchtlinge "muslimische Invasoren" nennen?

Es ist anstrengend und erfordert Geduld, mit Rechten zu reden. Ich rate dazu, Streitfragen in Predigten oder Bibelkreisen aufzugreifen. Ein Beispiel: Es ist unter rechten Christen 
beliebt, die Nächstenliebe örtlich zu verengen und Flüchtlinge als "Fernste" davon auszuschließen. Ein Pfarrer kann in Bibelkreisen theologisch auffächern, wer in der Bibel der Nächste ist: nämlich der Nächste in der jeweils konkreten Situation. Damit kann er Rechte konfrontieren, in der Hoffnung, Zweifel zu säen. Ich halte das für den einzigen Weg, den die Kirchen aber besser unterstützen müssen. Man darf die Leute an der Basis nicht allein lassen.

Rechte Pfarrer behaupten mit Blick auf den Missionsbefehl "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker", es sei Gottes Wille, die Welt in Völker zu gliedern . . . 

. . . und stützen sich auf neurechte Vordenker. So argumentiert der Verleger Götz Kubitschek: Das deutsche Volk sei ein Entwurf Gottes. Hans-Thomas Tillschneider, Kopf der "Patriotischen Plattform" in der AfD, sagt: Die Völker 
seien Gedanken Gottes, niemand ­habe das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Aber: Diese Leute basteln sich ihr eigenes Christentum. Der Missionsbefehl besagt ja gerade, aus Völkern sollen Jünger werden – und nicht Jünger zu Völkern.

Man könnte rechte Christen auch einfach ausgrenzen!

Jesus liebt die Sünder, aber er hasst die Sünde – man muss mit Rechten reden, gerade als Christ soll man 
Menschen zeigen, dass man um sie kämpft und dass es einen Weg zurück gibt. Ängste und Sorgen kann ich ernst nehmen, aber ich muss es auch beim Namen nennen, wenn es fremdenfeindlich oder verschwörungs­theoretisch wird.

Ein Streit vor jedem Kirchentag: ­Soll die AfD aufs Podium?

Wenn man auf Podien mit der AfD spricht, hören das auch deren Anhänger. Natürlich sind viele Rechte längst so weit abgedriftet, dass man sie nicht mehr mit Argumenten erreichen kann. Auf dem Kirchentag in Berlin diskutierte ich mit Landesbischof Markus Dröge und Anette Schultner, damals Vorsitzende der "Christen in der AfD". Wir hatten die besseren Argumente, und Frau Schultner trat wenig später aus der AfD aus, die Partei war ihr zu rechts geworden, das konnte sie nicht mehr mit ihrem christlichen Glauben vereinbaren.

Was soll das heißen? Dass ein Mensch mit dunkler Hautfarbe nicht mehr Deutscher sein darf?

Manche Landeskirchen fürchten ­offenbar, AfD-Wähler zu verlieren.

Man muss aber doch sehen, was in der AfD mittlerweile gedacht und gesagt wird. Das neue Positions­papier der AfD in Thüringen beklagt, dass "bunte Vielfalt" inzwischen ­eine "Werteformel", sei, die "auf die Durchmischung der Bevölkerung mit Personengruppen anderer Hautfarbe" abziele. Was soll das heißen? Dass ein Mensch mit dunkler Hautfarbe nicht mehr Deutscher sein darf? Und was meinen Rechte eigentlich genau mit der "Remigration", die sie fordern? Der Begriff wird jedenfalls nicht auf die Abschiebung illegaler Flüchtlinge begrenzt. Wer also soll raus Deutschland, wie soll das umgesetzt werden?

Welche Rolle spielt die AfD für ­rechte Christen?

Erstmals verfügt die Rechte in der Bundesrepublik über einen parlamentarischen Arm im Bund und vielen Ländern. Weil die AfD anfangs einen professoralen Anstrich hatte, konnte sie sich einem Schmuddelimage entziehen. Davon profitiert sie bis heute. Christen, die sich früher nicht getraut hätten, rechte Gedanken zu äußern, tun das jetzt, weil die AfD ja im ­Bundestag vertreten ist.

Wäre der Aufstieg der Rechten ohne Internet denkbar?

Nein, es hätte sich niemals so ausgebreitet. Es entstehen Filterblasen, in denen man den ganzen Tag mit ­eigenen Feindbildern gefüttert wird. Das beschleunigt die Radikalisierung. Die AfD war die erste Facebook­partei, bis heute hat sie dort mehr Abonnen­ten als andere Parteien.

Gibt es Rechte gleichermaßen unter Katholiken und Protestanten?

Bei den Katholiken gibt es sie besonders unter Menschen, die sich – vor Papst Franziskus – als romtreu verstanden, unter Protestanten besonders in evangelikalen Milieus. Das reicht bis in die Pfarrerschaft. Der Umgang mit rechten Pfarrern fällt in Freikirchen oft leichter. Dort werden Pfarrer von der Gemeinde bezahlt. Wenn ein Pfarrer nach rechts driftet, die Gemeinde das aber nicht mitträgt, ist er weg. In der Amtskirche hat, wer erst mal Pfarrer ist, viele Freiheiten. Erstaunlich viele landeskirchliche Pfarrer verbreiten rechtes Gedankengut, besonders in Ostdeutschland.

In der sächsischen Landeskirche ist zu hören: "Wir sind keine politische Polizei, wir können nichts tun . . ."

So leicht darf man es sich nicht ­machen. Wir reden über manifestes völkisches Denken, das gefährlich ist, das sollte uns in Deutschland bewusst sein. Man kann es nicht einfach so hinnehmen.

Ist Ostdeutschland ein Sonderfall?

Dort ist die Bewegung stärker ausgeprägt. Im Osten ist nach 1989 versäumt worden zu erklären, was Plura­lismus und liberale Demokratie bedeuten. Daher sind Ostdeutsche anfälliger für Gedanken wie zum Beispiel, dass wir einer "Kanzler-Dikta­torin" und "Lügenmedien" ausgesetzt 
sind. Aber im Westen gibt es diese Ansichten ebenfalls. Die Radikalisierung der AfD schadet der Partei ja auch nicht in Westdeutschland, wie wir zum Beispiel in Umfragen in Baden-Würt­temberg sehen. Der Publizist ­Matthias Matussek – ein Westdeutscher – zeigt sogar offen Sympathien für die Identitäre Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

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Lesermeinungen

Ich bin entsetzt über die Ausgrenzung politisch kritischer Glaubensbrüder, die sich demokratisch äußern und ihre Gedanken formulieren. Sie bewegen sich und bekennen sich zu ihrem Glauben und zur FDGO. Dargestellt werden sie hier jedoch wie ein Haufen ewiggestriger, schwer erziehbarer Dumpfbacken. Ganz gleich, ob es sie gibt, wenn eine so große Masse eine zB Islamisierung zu sehen meint, dann müssen die das auch artikulieren können. In den Parteien finden sie kaum Gehör, für Ihre realen Sorgen. Dann sollte die Kirche sie nicht auch noch wie Aussätzige behandeln.

Auf das Problem mit dem völkisch predigenden Pfarrer in Gaussig wurde seit Jahren hingewiesen und es geschah nichts. Bloss gut, dass meine Kinder gefestigt genug waren und ihm nicht auf den Leim gegangen sind.