Alltagsrassismus in Bautzen

"Der Ruf der Stadt soll nicht leiden"
Ely Rist

Jonas Walter

Ely Rist heiratete aus Brasilien nach Bautzen und kennt Alltagsrassismus aus eigener Erfahrung.

Ely Almeida hat dunkle Haut und unterstützt muslimische Frauen. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen in Bautzen

Ich bin 2007 nach Bautzen gekommen. Rassismus trifft mich persönlich, weil ich aus Brasilien stamme. Meine Haut ist dunkel, meine Haare auch. Wenn ich durch die Straßen gehe, nehme ich abfällige Blicke wahr. Mein schlimmstes Erlebnis mit Rassismus passierte 2014: Ich fuhr abends in einem Zug von Dresden nach Bautzen. Wenn ich mich auf einen freien Platz setzen wollte, hieß es, der sei besetzt. Andere Fahrgäste stellten demonstrativ ihre Tasche neben sich auf den Sitz.

 

Ely Almeida

Ely Almeida ist pädagogische Mitarbeiterin im Integrationsteam des Steinhaus e.V., Bautzen.
Jonas Walter

 

Ich traf auf eine Gruppe von Männern, die mich beleidigten und mich hin- und herschoben. Nur ein Mensch nahm mich in Schutz, der Rest guckte weg. Als der Mann, der zu mir hielt, ausstieg,  entblößten die Männer ihr Hinterteil und streckten es mir entgegen. Ich hätte am liebsten geweint, aber ich dachte: Wenn ich weine, gebe ich ihnen noch eine Bestätigung. Das wollte ich nicht!

Die Männer drohten mir: "Wir kriegen dich!"

Ich benachrichtigte meinen Sohn, dass er mir das Auto an den Bahnhof bringen und den Schlüssel verstecken sollte. Wir verabredeten, wo er den Schlüsselbund hinlegen sollte. Ich wollte, dass er nach Hause geht, damit ihm nichts passiert. Er sollte nicht warten. Denn die Männer drohten mir: "Wir kriegen dich!"

 

Ich hoffte, sie würden nicht in Bautzen aussteigen, aber das taten sie. Als ich den Zug verlassen hatte, rannte ich. So schnell ich konnte. Zum Glück entdeckte ich unser Auto sofort auf dem Parkplatz. Panisch griff ich nach dem Schlüssel, öffnete die Tür, stieg ein und fuhr los. Die Männer waren mir gefolgt und schlugen mit den Fäusten aufs Autodach. Ich war so geschockt, dass ich diese Tat nicht bei der Polizei anzeigte.

 

Rassismus betrifft aber auch andere Menschen in Bautzen. Ich arbeite in einer Einrichtung, die Geflüchtete dabei unterstützen soll, sich in die Bautzener Gesellschaft zu integrieren. Zu mir in die Sprechstunde kommen viele geflüchtete Frauen. Im April fand eine Fachtagung in Bautzen statt. Für einen Workshop waren sieben Frauen anwesend. Was sie uns berichtet haben, ist im März und April 2018 passiert. Wir arbeiten täglich mit Frauen, die hier ähnliches erleben müssen:

 

"Meine Kinder haben im Kindergarten schlechte Erfahrungen gemacht. Deutsche Eltern verbieten ihren Kindern, mit geflüchteten Kindern zu sprechen. Die Erzieherinnen und Erzieher sagen nichts und ignorieren das. Wie kann man einem kleinen Kind Rassismus erklären?"

 

"Jeden Tag wird mir in der Stadt der Mittelfinger gezeigt, ich werde ständig beleidigt: "Warum trägst du Kopftuch?" "Was willst du hier?" Wir sind Menschen, wir sind hierhergekommen, weil bei uns Krieg ist, warum passiert uns das? Ich möchte in meine Heimat zurück! Alle gucken auf uns, das ist schmerzhaft!"

 

"Im Bus erleben wir viel Rassismus, seit drei Monaten fahre ich nicht mehr mit dem Bus, weil ich Angst habe. Leute beleidigen mich, auch die Busfahrer. In solchen Momenten fühle ich mich so allein."

 

"Auf der Arbeit erlebe ich auch Rassismus, die Leute wollen von mir keine Gesichtspflege bekommen."

 

Die Arzthelferin sagte: "Hier wird keine Frau mit Kopftuch behandelt."

 

"Es gibt Probleme auch bei Ärzten. Viele von uns kennen das Problem. Vor kurzem bin ich zu einer Praxis gegangen, in der Hoffnung, behandelt zu werden, es ging um einen Termin für eine weitere Untersuchung. Die Arzthelferin sagte: Hier wird keine Frau mit Kopftuch behandelt, deswegen sind wir bis Niesky gefahren! Es hat so wehgetan."

 

"In Supermärkten haben wir immer Probleme. Dort gibt es einen Mitarbeiter, der uns nicht begrüßt, die Lebensmittel schmeißt er in den Korb und fleddert sie übers Band, den Zettel schmeißt er weg, er hat mich nie gefragt, ob ich ihn mitnehmen möchte. Ich bin aber nicht die Einzige, die dort so behandelt wird."

 

"Wir wurden vor einem Discounter in der Steinstraße beleidigt. Sie wollten unser Kopftuch wegmachen. Sachen wie ‚Ausländer raus‛ waren die nettesten Worte, die wir gehört haben. Es waren drei Männer und zwei Frauen, es ist schwierig, sie zu beschreiben, weil du in so einer Situation nicht hinschaust, du willst nur weg. Jetzt weiß ich, dass wir solche Sachen anzeigen müssen."

 

In der Stadt finden diese Stimmen viel zu wenig Beachtung. Rassismus wird kleingeredet. Der Ruf Bautzens soll nicht leiden.

 

Protokoll: Nils Husmann

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