Schauspieler Matthias Matschke über Humor und Heimat

"Ich halte mich für eine Witzfigur"
Schauspieler Matthias Matsche nimmt sich selbst nicht so ernst Foto: Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß

Schauspieler Matthias Matsche nimmt sich selbst nicht so ernst

Schauspieler Matthias Matsche nimmt sich selbst nicht so ernst

Humor erdet ihn. Und wenn nach der Nacht der Morgen graut, gehts ihm gut. Der Schauspieler Matthias Matschke über den Sinn des Lebens.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Matthias Matschke: Wenn ich ganz allein bin mit einem Problem, nur auf mich gestellt – wie ein Segler, der die Welt umrundet und weiß, die nächsten 2000 Kilometer kommt nichts. Das Leben drängt sich dann mit all seiner Tatsächlichkeit auf, das gefällt mir. So wie mir diese gemeinsame Einsamkeit in einer Stadt wie Berlin gefällt. Man spürt, dass man nur ein Mosaikstein in einem Gesamtbild ist. Das ist ein Moment von Verlorenheit, der eine Geborgenheit und damit eine Lebendigkeit in sich führt.

Matthias Matschke

Matthias Matschke, geboren 1968, ­studierte Deutsch und ­Religion auf Lehramt, bevor er an die Hochschule ­​der Künste ­Berlin wechselte. Zwölf Jahre war er an der Berliner Volksbühne, später an der Berliner Schaubühne. Heute lässt Matschke sich nicht fest­legen, er spielt ­Krimi und ­Drama genauso wie ­"Ladykracher", oder "Pastewka" oder tritt in der ­"Heute-Show" auf. Gerade erschien sein erster, auto­fiktionaler Roman "Falschgeld" über eine Kindheit und Jugend in der westdeutschen Provinz der 1980er Jahre (Hoffmann und ­Campe, 24 Euro). Matthias ­Matschke lebt in Berlin.
Dirk von NayhaußMatthias Matschke

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich kann nur darüber sprechen, wie ich im Verhältnis zu Gott bin, und da habe ich den Eindruck: Würde ich ihn in die Wüste schicken, würde er spätestens nach 40 Tagen anklopfen. Ich fühle mich einsam, ich fühle mich gottverlassen, wie der letzte Mist, aber trotzdem ist da immer etwas, wo ich denke: Ich werde – egal, wohin ich gehe, was ich tue, was mir widerfährt – diese Geborgenheit nicht verlassen.

Fürchten Sie den Tod?

Den eigenen Tod muss man nicht fürchten. Denke ich aber an meine Liebsten und meine Nächsten, ergreift mich die Angst wie ein feuriger Dämon. Mein Vater ist im vergangenen Jahr gestorben. Das war bei seinem Alter und seiner Konstitution zu erwarten, aber es schlägt dennoch zu, als hätte man es nicht gewusst. Ich habe mein Leben damit verbracht, mich auf diesen Moment vorzubereiten – und dann ist man doch wieder drei Jahre alt.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die bedingungslose. Das ist sehr anspruchsvoll von mir, aber ich will nicht in Relation geliebt werden. Deswegen ist es so gnadenvoll, erkannt zu werden für das, was immer wieder durchdringt bei allem Mist, den man mit sich trägt.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Schuld ist mein zweiter Vorname, sie greift nach mir, wann sie will. Ich schlafe ein, aber nach zweieinhalb ­Stunden schrecke ich hoch. Ich bin schuld an allem, denke ich, bin eine Beschwernis für meine Nächsten. Irgendwann graut der Morgen, das ist meine Rettung.

Wie wäre ein Leben ohne Humor?

Das wäre kein Leben. Humor ist mein Grundgerüst, der Blick auf das Ganze wäre sonst nicht auszuhalten. Letztlich halte ich mich selber für eine Witzfigur. Wenn ich mich anschaue, wie ich mich bewege, wie ich rede – ­immer wieder denke ich: Was ist denn das für ein Typ? Humor hilft, vom hohen Ross herunterzukommen und mich nicht zu ernst zu nehmen.

"Wir sind Teil eines großen Gefüges"

Wo ist Heimat?

Mir waren schon immer Leute seltsam, die nationalistisch veranlagt sind, weil sie Werte beanspruchen, die sie sich selbst nicht erworben haben. "Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen", so heißt es bei Goethe. Diese Deutschtümelei ist schlimm. Das Einzige, was man qua Geburt hat – und das halte ich für gott­gegeben –, ist eine grundsätzliche Würde. Zu sagen: Wenn einer aus der Ukraine flieht, ist er ein Flüchtling, aber der aus dem Kongo nicht so richtig – das geht nicht.

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Wir sollten aufhören, Listen abzuarbeiten, die Glück­seligkeit als Ziel haben. Ich möchte vielmehr versuchen zu akzeptieren, dass ich wunschlos glücklich bin. Wenn ich mir doch etwas wünsche, dann Gesundheit für ­meine Mischpoke. Und dass Diktatoren nicht mehr unser ­Leben diktieren! Und am meisten wünsche ich mir, dass wir uns der Natur gleichstellen. Das bedeutet, dass wir "Macht ­euch die Erde untertan" aus der Bibel streichen. Wir sind Teil eines großen Gefüges – würden wir das endlich ­verstehen, würden wir für den Erhalt der Biodiversität kämpfen. ­Machen wir so weiter, zerstören wir alles um uns herum und damit auch uns selbst.

Wie sieht es aus, ein gelungenes Leben?

Freiheit zu finden, wäre ein gelungenes Leben. Es war höllenschwer, mir klarzumachen: Ich muss nicht das Bild erfüllen, das mir meine Eltern vorleben, bis heute ­erwische ich mich, dass ich das versuche. Wenn man sich nicht mehr um die Außenwirkung kümmert, ist man auf einem guten Weg.

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