Strukturelle Gewalt: Blinde berichtet von ihren Erfahrungen

"Mir wurde ein schlechtes Gewissen einprogrammiert"
Eine Blinde lernt Selbstverteidigung

Felix Adler

Jennifer Sonntag, 43, mit ihrem Blindenführhund

Jennifer Sonntag ist seit Kindertagen sehbehindert. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie als Opfer gelebt. Nun löst sie sich aus der Erstarrung – mithilfe von Kampftraining.

Jennifer Sonntag, 43:

Schon als sehbehindertes Kind erlebte ich Gewalt. Eine Lehrerin der "Sonderschule" trat mich mal so heftig in den Hintern, dass ich in die Ecke fiel. Ich sollte in meinem Leben ­immer wieder von Menschen getreten werden und – fallen. Erst heute, mit 43, kann ich angemessene Gefühle dazu entwickeln: Wut und Traurigkeit.

Dann konnte ich aufs Gymnasium gehen, ich hatte mich wahnsinnig darauf gefreut. Ich hatte nicht geahnt, dass ich dort als das komische Mädchen mit der dicken Brille, als "Halbblinde" verspottet werden würde, dass man mir ein Bein stellte, mich mit ekligen Dingen bewarf.

Ich fand mich bespuckt am Boden wieder

Erst auf der Fachoberschule lief es besser, dort wollten alle in soziale Berufe. Außerdem war ich inzwischen ­Punkerin und fühlte mich gestärkt, wenn ich mich nachmittags in der City mit den bunten Jungs und Mädels traf. Aber hier kam es zu einer neuen Art von ­Übergriffen: durch Nazis! Ich fand mich bespuckt und mit ­zerfetzter Kleidung am Boden wieder. Wie froh war ich, wenn ich die Hand meiner Freundin spürte, die mich aus ­einer ­Gefahrenzone riss! Aber einmal hielt mir ein durchgeknallter Jugendlicher eine Waffe an den Kopf und ­dirigierte mich damit durch die Bahnhofshalle. Ich hatte Todesangst. Manche Menschen konnten, manche wollten keine Zivilcourage zeigen.

Oft vergingen sich Männer an uns jungen Punkerinnen. Selbst schuld, was liefen wir auch mit bunten Haaren rum. Das klingt unlogisch? Finde ich heute auch. Aber schon in der Sehbehindertenschule wurde mir ein chronisch schlechtes Gewissen einprogrammiert: Ich wurde zum Beispiel von einer Erzieherin bestraft für Taten, die ich nicht begangen hatte, und in einen dunklen Raum gesperrt. Ich war damals schon nachtblind und hatte Angst, vollständig zu erblinden – das machte der dunkle Raum nicht besser.

Ich stelle mich endlich meinen Ängsten

Als ein Pädagoge sexuelle Übergriffe beging, erfuhren meine Eltern das erst aus der Zeitung; aber das pädagogische Personal beschimpfte mich als Petze. Es gibt Mitschülerinnen, die waren viel schlimmer betroffen, und die haben bis heute nicht darüber gesprochen. Wie so viele Opfer dachte ich: Ich werde schon selber schuld sein; und wenn ich es anspreche, wird es nur schlimmer.

All das konnte ich nie gut verarbeiten und bekam mit zunehmender Erblindung immer mehr Angst, hilflos ausgeliefert zu sein. Trotzdem begab ich mich lebenshungrig in die Welt, studierte Sozialpädagogik, arbeitete viele ­Jahre in diesem Beruf, schrieb Bücher, widmete mich dem ­Journalismus. Die Übergriffe gingen weiter. Von ­einzelnen Taxifahrern und von "falschen Engeln", die mir nicht nur über die Straße, sondern auch gleich ins Schlafzimmer helfen wollten.

Nach meinem jüngsten Erblindungsschub verlor ich den letzten Rest an optischer Kontrolle. Da ich mobil bleiben wollte, beantragte ich einen Blindenführhund. Und ich wollte mich nun auch endlich meinen Ängsten stellen, die immer mehr nach oben drängten. Mit anderen erblindeten Frauen gründete ich einen Selbstverteidigungskurs, mit einem Trainer, der bereits Menschen im Rollstuhl schulte.

Nun trainiere ich meinen inneren "Mutmuskel"

Das Training hat so viel in mir geheilt! Es veränderte sich für mich ganz viel im Kopf. Vor allem weiß ich: Diese Übergriffe sind nicht meine Schuld. Schuld ist der Täter.

Dann kamen die praktischen Übungen. Früher fiel ich in Schockstarre, und als die Hände des Täters schon überall an mir waren, nahmen die Dinge ihren Lauf. Durch unser Training lernte ich Schläge, Tritte und Griffe, die meinen Sinnen und Möglichkeiten entsprechen. Mein Blindenstock dient mir nun im Ernstfall als effiziente Waffe. Noch wichtiger ist Prävention: Woran erkenne ich auch blind eine heikle Situation? Wo raschelt etwas? Wo rieche oder spüre ich eine unangenehme Annäherung?

Ich weiß jetzt, dass ich laut werden kann, dass ich auch körperlich werden kann. Ich bin mir sicher, dass ich heute Übergriffe anzeigen würde, ohne die Angst, dass sich der Täter dafür rächen wird. Als blinde Frauen scheinen wir die "perfekten Opfer" zu sein. Aber das sind wir nicht!

Ich habe schlimme Erfahrungen gemacht, und vieles kann ich noch gar nicht aussprechen, also für mich auch noch nicht bearbeiten. Aber ich löse mich immer mehr aus meiner Erstarrung und trainiere meinen inneren "Mutmuskel". Für diesen Schritt habe ich Jahrzehnte gebraucht.

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