Herzchirurgin über Familie, Umgang mit Schuldgefühlen und Tod

"Weinen ist nicht so mein Ding"
Fragen an das Leben - Dilek Gürsoy

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Dilek Gürsoy

Dilek Gürsoy hat nicht geweint, als ihr Vater starb. Aber wenn sie heute Männer am Herzen operiert, denkt sie doch: "Was wäre, wenn mein Bruder hier läge ?"

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Dilek Gürsoy: Wenn meine Mutter mit ihrer Energie in der Nähe ist, wir wohnen in derselben Wohnung. Sie hat sich für uns ­Kinder aufgeopfert. Was ich tue, tue ich auch, um ihrer harten ­Arbeit gerecht zu werden. Ich habe das Gefühl, dass ich unter anderem dafür da bin, sie glücklich zu ­machen. Im Akt des Operierens bin ich unemotional. Wirklich entspannt bin ich erst, wenn ich den Patienten am nächsten Tag sehe. Es erfüllt mich mit Glück, wenn er oder sie mit den Augen zwinkert – weil mehr noch nicht geht.

Was macht Kranke gesund?

Ein guter Arzt nimmt seinen Patienten ernst und wertschätzt ihn. Man muss bereit sein, auch mal um Hilfe zu rufen, wenn man nicht weiterkommt. Man muss vor allem sehr gewissenhaft arbeiten. Beim Abwaschprozedere vor der OP bin ich immer dabei, Infektionen sind eine große Sache geworden. Das muss in der richtigen Reihenfolge gemacht werden – ich fange sicher nicht in der Leisten­gegend an, um dann noch mal an der Schnittwunde rumzuwaschen. Habe ich so oft gesehen! Das hat mit Schnelligkeit zu tun, denn die OP-Zahlen müssen stimmen.

Dilek Gürsoy

Dilek Gürsoy, 1976 als Tochter türkischer "Gastarbeiter" in Neuss geboren und aufgewachsen. Sie promovierte über Blutgerinnung und spezialisierte sich auf Herzchirurgie, eine bis heute von Männern dominierte Disziplin. 2012 implantierte sie als erste Frau in Europa ein komplettes Kunstherz. Sie hat eine Privatpraxis, arbeitet in einer Privatklinik in Düsseldorf und will eine eigene Herzklinik gründen. 2019 erhielt sie den German Medical Award und den Victress-Award für führende Frauen der Gesellschaft und Wirtschaft. Ihren Lebensweg beschreibt sie in dem Buch "Ich stehe hier, weil ich gut bin" (Eden Books, 16,95 Euro). Dilek Gürsoy lebt in Neuss.
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Dirk von Nayhauß

Fragen und Foto: Dirk von Nayhauß
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich glaube an die Macht Gottes, er wacht über uns. ­Blutet ein Patient nach der Operation, schicke ich schon mal ein Stoßgebet zum Himmel. Ich bin Muslimin, übe meine ­Religion aber nicht so aus, wie es im Koran steht, ich bete nur abends und faste auch nicht. Ich glaube, dass der liebe Gott mir einen Auftrag gegeben hat. Er hat mir die Hände gegeben, Leben zu retten. Ich habe zu hören bekommen, das sei überheblich. Das bin ich aber nicht. Ich bin geerdet, ich weiß, wo ich herkomme. Was ich erreicht habe, hat viel mit Glück zu tun, Fleiß, Arbeit – und Gottes Segen.

Fürchten Sie den Tod?

Nein, irgendwann müssen wir alle gehen. Ich möchte aber als Letzte sterben, nach meinen Brüdern und meiner ­Mutter. Die sind ein bisschen sensibler drauf und ich frage mich: Wie kommen die klar ohne mich? Mein Vater starb, da war ich zehn Jahre alt. Meine Mutter und ich schliefen neben ihm, als uns mein Bruder weckte, er hatte unseren Vater seufzen gehört. Meine Mutter rannte los, um einen Arzt zu holen, ich blieb allein mit ihm. Ich wusste, dass er tot war. Natürlich war ich traurig, aber geweint habe ich nicht. Weinen und schreien ist nicht so mein Ding. Wenn ich heute Männer operiere, denke ich: O Gott, wie wäre es, wenn mein Bruder hier liegen würde? Dass wir unseren Vater so früh verloren haben – er starb an einem Herzklappenfehler –, bringt immer eine Angst mit sich, dass den Verwandten etwas passieren könnte.

Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?

Ich will unbedingt dieses Herzzentrum in Düsseldorf aufbauen. Die Operation selbst macht 30 Prozent aus, das ist chirurgisch banal, das postoperative Management ist das Allerwichtigste. Allein das Lagern des Patienten vom OP-Tisch auf ein Intensivbett ist absolut kritisch, da fasse ich mit an. Wir brauchen auch Anästhesisten, die ­spezialisiert sind auf Herzpatienten. Oder die Reinigungskräfte: Wenn man kenntnislos auf dem Monitor des Kunstherzsystems rumwischt, verändert man dabei die Einstellungen. ­ Ich will ein Zentrum, bei dem alles passt.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich habe oft erlebt, wie in Besprechungen alle geschwiegen haben, keiner wollte einen Fehler zugeben. Ich habe kaum Geheimnisse, weder in der Familie noch im Beruf. Dinge, bei denen ich mich schuldig fühle, werden zugegeben oder ausdiskutiert. Mir hat das nie geschadet, im Gegenteil.

"Lobe dich bloß nicht, sonst wirkst du überheblich"

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Partnerliebe nicht, die ist vergänglich, der eine kommt, der andere geht. Der Richtige war halt noch nicht dabei. Aber die Liebe der Familie macht mich glücklich. Und wenn Patienten dankbar sind, dass ich ihnen geholfen habe – dafür mache ich das Ganze. Und da ist auch eine Liebe zu mir selbst. Ich habe noch gelernt: Lobe dich bloß nicht, sonst wirkst du überheblich. Aber wenn man darauf wartet, dass man gelobt wird, ist man alt und grau. ­ Mein Buch hat den Titel "Ich stehe hier, weil ich gut bin". Ich sage ja nicht: Ich bin die Allerbeste. Aber ich bin gut. Das zu sagen, ist doch legitim.

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