Wie Frauen in Indien die Energiewende vorantreiben

"Erneuerbare Energien sind weiblicher: grüner, softer, leiser"
Indien, Frau mit Lichterkette

Asama Kumari/EyeEm/Getty Images

Werden dringend in den Unternehmen benötigt: Frauen in Indien (Symbolbild)

Photo taken in Lucknow, India

Mit der Initiative "Women energize Women" will die indische Hightech-Unternehmerin Rashi Gupta "Mutter Erde vom Klimadruck befreien". Sie berichtet vom Klimanotstand ihres Landes und von innovativen Ideen, diesen zu bekämpfen. Ein Interview.

chrismon: Was machen Sie und Ihre Firma genau?

Rashi Gupta: Wir haben mit Vision Mechatronics zunächst mit Robotik angefangen, mittlerweile bieten wir Batteriespeicher an, und zwar die smarteste Lithiumbatterie in Indien. Wir wollen Menschen helfen, sich zu dekarbonisieren. Wir leben in einem Klimanotstand, deshalb ist es wichtig, ohne Kohle, Öl und Gas auszukommen. Das ist unsere Aufgabe, und es wird teurer, wenn wir nicht jetzt durchstarten.

Was ist so smart an Ihren Speichern?

Eigentlich ist eine Batterie nur etwas, was uns mit Strom versorgen kann. Wir haben unsere Batterien smart und intelligent gemacht. Der Speicher weiß zum Beispiel, wann Sie nicht zu Hause sind und deshalb wenig Strom verbrauchen. Dann wird besonders viel Sonnenstrom gespeichert. Die Batterie überwacht auch Geräte und sendet Ihnen E-Mails, wenn ein Gerät plötzlich mehr Strom verbraucht als üblich.

Rashi Gupta

Dr. Rashi Gupta ist Gründerin von Vision Mechatronics. Die indische Firma verkauft Batteriespeicher.

 zoom

Ist der Speicher eher etwas für Firmen und Unternehmen oder für private Haushalte?

Für jeden!

Wie lange hält der Speicher, wenn er mit Strom vollgeladen ist?

Das hängt davon ab, welche Größe unsere Kunden wählen. Wir helfen dabei, das richtig zu berechnen. Wichtig ist: Wie viel Strom verbraucht ein Kunde in der Leistungsspitze, wie viel im Durchschnitt? Welche Geräte sind 24 Stunden am Stromnetz und müssen es auch sein, Kühlschränke zum Beispiel? Es ist möglich, 48 oder sogar 72 Stunden mit dem Speicher zu bestreiten. Wir bieten Lösungen an, die von 3,5 bis hin zu 55 Kilowattstunden reichen. Ich kann Ihnen gern ein Beispiel geben.

Bitte!

Bei Delhi haben wir eine Anlage installiert. Die Herausforderung bestand darin, dass unser Kunde seinen Stromverbrauch für wenigstens 24 Stunden über unseren Speicher abdecken kann, denn die Sonne scheint ja nachts auch in Indien nicht. Wir haben uns den Verbrauch des Kunden genau angesehen, um zu entscheiden, wie leistungsstark der Speicher sein muss. Seit einem Jahr läuft die Anlage reibungslos, wir haben sogar einen Preis dafür gewonnen.

"Wir alle sind Energie"

Die Angst in Deutschland ist groß: Was passiert, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht?

Unsere Energieversorgung muss grüner und sauberer werden. Ihre Frage kann also kein Argument dafür sein, an der Nuklearenergie oder der Kohle festzuhalten. Das zu schaffen, ist die Aufgabe von uns allen, es geht alle an, nicht nur die Regierungen, nicht nur die Wirtschaft, nicht nur Deutschland, nicht nur Indien. Wir brauchen Speicher, kleine, mittlere, große. Es hängt vom Stromverbrauch ab. Die Sonnenenergie ist unendlich. Wir müssen lernen, die richtige Größe der Speicher zu ermitteln und Systeme anzubieten, die wie Module funktionieren. Liefert das erste Modul nicht genug Strom, müssen wir problemlos ein zweites Modul installieren können. Das macht uns energieunabhängig, was auch geopolitisch sinnvoll ist.

Kann man Ihre Technik in Europa kaufen?

Wir beginnen damit, ja. Auch in den USA und in Australien möchten wir unser Produkt verkaufen.

Sie engagieren sich für eine Initiative namens "Women energize Women". Warum ist Ihnen die Rolle der Frauen in der Energiepolitik so wichtig?

Wir alle sind Energie. Sie beide, ich, wir alle sind lebendig, wir haben Energie und brauchen Energie. Wir sehen eine riesige Veränderung, hin zu erneuerbaren Energien. Wir müssen verstehen: Es ist ein riesiger Wandel, der alle betrifft, alle Menschen! Männer und Frauen. Es wird nicht klappen, wenn die Hälfte der Menschheit außen vor bleibt. Wenn nicht Frauen andere Frauen unter Strom setzen, sie begeistern von den Chancen, die diese Energierevolution bringt – wer soll es dann tun? Und wie?

Indien fördert Frauen in der Wirtschaft

Was meinen Sie genau?

Erneuerbare Energien sind, wenn Sie so wollen, weiblicher, und sie haben etwas mit Emanzipation aus alten Abhängigkeiten zu tun: Sie sind grüner, softer, leiser. Deshalb müssen Frauen die Führung übernehmen. Frauen werden oft auf Gefühle reduziert und darauf, dass sie besser organisieren, sich besser kümmern können. Deshalb ist nun die Zeit gekommen, dass wir Frauen uns zusammentun und das Energiesystem sauber machen, um Mutter Erde vom Klimadruck zu befreien, der auf ihr lastet.

Vielleicht ist es ein Vorurteil, aber wir haben den Eindruck, hier in Deutschland begeistern sich besonders Männer dafür, sich eine Solaranlage aufs Dach zu setzen. Es geht um Technik, um Energie. Welche Rollen spielen Frauen bei der Energiewende in Indien?

Lesen Sie hier: Wie Haushalte mit wenig Geld Energie einsparen können

Wir haben viele Unternehmen, die von Frauen geführt werden. Unser Präsident ist eine Frau. Darauf bin ich stolz. Unser Energieministerium fördert Frauen, bietet Fortbildungen. Das ist sehr wichtig, denn Frauen denken oft langfristiger als Männer. Sie wollen Sicherheit, auch Energiesicherheit. Kein Wandel kann gelingen, wenn immer nur die Männer mitdenken und daran arbeiten. Wir brauchen das Beste aus beiden Welten. In Indien haben wir das verstanden.

Und es beugt dem Fachkräftemangel vor.

Exakt! Wir arbeiten gerade an einem Programm, wie wir Frauen in Berufe rund um die Energiewende bringen. Das würde Ihnen in Deutschland auch helfen, wenn Sie so einen Fachkräftemangel haben.

Sebastian Drescher

Sebastian Drescher ist Redakteur beim JS-Magazin, der evangelischen Zeitschrift für junge Soldaten, und chrismon.
PrivatSebastian Drescher

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Sie sagten, wir leben in einem Klimanotstand. Spüren Sie in Mumbai, wie das Klima sich verändert?

Ja! Wir haben in diesem Jahr unter extremer Hitze gelitten. Wir hatten klare Jahreszeiten, aber nun überlappen sie sich. Flora und Fauna haben sich stark verändert, mir fällt zum Beispiel auf, dass es weniger Vögel gibt. Während der Hitzewelle sind leider viele verendet.

In Deutschland klagen viele Menschen: Was hilft es, wenn wir unser Energiesystem umstellen, wenn doch riesige Länder wie China oder Indien nichts tun und auf Atom- und Kohlestrom setzen. Aber stimmt das überhaupt?

Nein, wir kämpfen hart. Und das müssen wir auch, die Atmosphäre verträgt keine Klimagase mehr. Das ist den Menschen in Indien bewusst. Der Druck ist groß. Indien hat seine Klimaziele gerade erst übertroffen, die ja als zu niedrig kritisiert worden waren. Wir sind dabei, mehr und mehr an erneuerbarer Energie zu installieren. Wir sehen viel mehr Elektroautos als noch vor kurzer Zeit. Es tut sich viel, auch wenn wir hier - wie Sie in Deutschland - unter gestörten Lieferketten leiden.

Das Interview haben wir auf Englisch per Zoom-Konferenz geführt und es ins Deutsche übersetzt.

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