Wie polygame Ehen in Kamerun Frauen unter Druck setzen

Wir sind keine Schwestern!
Wir sind keine Schwestern!

Bruno Fert

Djaïli Amadou Amal

Wir sind keine Schwestern!

Erstfrau gegen Zweitfrau - der Roman "Die ungeduldigen Frauen" liefert einen verstörenden Einblick in polygame Ehen. Ein Interview mit der Kameruner Autorin Djaïli Amadou Amal.

chrismon: In Ihrem Roman "Die ungeduldigen Frauen" gibt es einen Schlüsselbegriff, "Munyal". Was bedeutet er?

Djaïli Amadou Amal: Munyal kommt aus der Fulbe-Sprache und heißt wörtlich "Geduld". In unserem Land heißt "Munyal": Die Frau muss der Familienehre zuliebe ihre gesamte Persönlichkeit opfern. Sie muss alles ertragen, darf sich nie beklagen. Das ist ein tief verwurzelter Wert in unserer Gesellschaft.

Mit "uns" meinen Sie Kamerun?

Das gilt für das gesamte Afrika südlich der Sahara.

Es gibt drei starke Frauenfiguren in Ihrem Roman: Hindou …

... Hindou wird mit einem Cousin verheiratet. Er ist extrem gewalttätig, und sie bekommt viele psychosomatische Krankheiten. Das Schlimmste ist: Alle verschließen ihre Augen. Wenn überhaupt jemand aus der Familie reagiert, dann mit der Frage: Was hast du ihm getan, dass er so austickt? Selbst der Arzt, zu dem sie geht, erkennt ihre Schmerzen nicht an, denn die Gewalt passiert ja im Rahmen der Ehe. Sie fängt an, Stimmen zu hören, sie bekommt keine Luft mehr – aber keiner hilft ihr.

"Wie ich im wirklichen Leben"

Ein sehr gewalttätiges Kapitel. Fiel es Ihnen schwer, es zu schreiben?

Ja, denn auch ich war mit einem gewalttätigen Ehemann verheiratet, ich habe mich später vollständig aus dieser Ehe gelöst. Mein jetziger Ehemann kam einmal ins Zimmer, als ich dieses Kapitel schrieb, und er sah mich schluchzen. Er sagte: Vielleicht bist du noch nicht bereit, dieses Buch zu schreiben. Aber das Schreiben hat mich auch befreit.

Djaïli Amadou Amal

Djaïli Amadou Amal ist 1975 in Kamerun geboren und hat mehrere halb autobiografische Romane geschrieben über Frauenrechte, Zwangsehe und Polygamie. Sie ist - nach einer gewaltttätigen und einer erzwungenen Ehe - zum dritten Mal verheiratet und hat fünf Kinder. Sie gründete die Menschenrechtsorganisation "Femmes du Sahel".
Bruno FertDjaïli Amadou Amal

Die zweite Figur in Ihrem Roman heißt Ramla – sie ähnelt am meisten Ihrer eigenen Biografie, oder?

Ja, Ramla teilt mein Schicksal: Sie wird sehr früh mit einem älteren Mann verheiratet und soll für ihn ihre Schulbildung aufgeben. Für mich ist das die schlimmste aller Gewalttätigkeiten: ein Mädchen daran zu hindern, zur Schule zu gehen und einen Beruf zu lernen. Daraus folgen alle anderen Ungerechtigkeiten. Ich kenne all das, was ich Ramla im Roman zuschreibe: die Polygamie, die psychologische Erpressung, die Angst um den Ruf der Familie. Aber Ramla ist auch die Einzige der drei, die sich auflehnt, die am Ende ihre Träume verwirklicht. So wie ich im wirklichen Leben.

Die dritte Frau ist Safira, die Erstfrau von Ramlas Mann. Sie ist sehr eifersüchtig auf Ramla. Warum solidarisieren sich die Frauen nicht gegen den Mann?

Die Entscheidung zur Polygamie fällt immer der Mann. Und nur er. Verwechseln Sie das bitte nicht mit der Polyamorie in Ihrem Land! Der Mann entscheidet: Eine dritte Person kommt in unser Leben – natürlich fühlen Sie sich nicht wie deren Schwester oder deren Freundin. Sie bekommt Zeit, Liebe und nicht zuletzt einen Teil vom Erbe Ihres bisherigen Mannes.

 "Die ungeduldigen Frauen", Orlanda-VerlagPR

Welche Rolle spielen die Mütter und Schwiegermütter?

Sie leiden auch unter der Polygamie, sehr sogar. Und deren Mütter auch. Das Unheilvolle ist: Sie denken, wenn sie die Tradition nicht an ihre Töchter weitergeben, haben sie in ihrer Mutterrolle versagt.

Wie sind Sie aus diesem Teufelskreis rausgekommen?

Ich kenne alle Sorten von Gewalt, die in dem Buch vorkommen. Zwangsheirat, Polygamie, Vergewaltigung. Und alle Frauen im südlichen Afrika kennen diese Geschichten, egal ob in Mali oder im Senegal oder in Kamerun, ich bin nichts Besonderes. Mir hat am Ende meine Bildung geholfen …

Wo haben Sie lesen und schreiben gelernt?

Ich habe als Kind alles gelesen, was mir in die Finger kam. Es gab keine Bücherei in meinem Dorf, aber in der katholischen Kirche standen ein paar Regale mit Büchern. Da war ich jeden Nachmittag und habe alles verschlungen. Ich habe auch als Kind schon kleine Geschichten erfunden, später schrieb ich in einem Schulheft Tagebuch über meine Gewalterfahrungen. Daraus wurde später mein erster Roman.

"Ein Junge schrieb, er wolle ein besserer Ehemann werden als der im Buch"

"Die ungeduldigen Frauen" war 2020 auf der Shortlist für den Prix Goncourt und bekam den Nachwuchspreis "Prix Goncourt der Gymnasiast*innen". Was bedeutet Ihnen das?

Neben der Freude, dass so ein heikles Thema für so wichtig gehalten wird - etwas sehr Handfestes. Durch die Prix-Goncourt-Nominierung hat die kamerunische Regierung das Buch auf den Lehrplan gesetzt. Jede und jeder in der Abschlussklasse muss es lesen.

Und wie reagieren die Schülerinnen und Schüler?

Mädchen schreiben mir, sie wollen nach der Lektüre alles daran setzen, so lang wie möglich zur Schule zu gehen. Ein Junge schrieb mir, er dachte immer, seine Mutter ertrage eben alles in vorbildlicher Geduld. Erst jetzt sei ihm klar geworden, dass sie leidet. Und ein Junge schrieb mir, er wolle ein besserer Ehemann werden als der im Buch. Ein Buch kann wirklich die Welt verändern.

Wenn die kamerunische Regierung das Buch so toll findet, warum verbietet sie dann nicht die Polygamie und die Zwangsheiraten?

Kamerun hat alle internationalen Abkommen zur Gewalt gegen Frauen ratifiziert, auf dem Papier ist Kinderheirat verboten. Aber dieselbe Regierung schaut zu, was in den Vierteln passiert, das ist ja nichts Geheimes. Mädchen werden mit zwölf verheiratet, und die Eltern werden nicht belangt. Was die Polygamie angeht: Auf dem Papier steht, dass ein Ehepaar bei der Trauung zwischen Monogamie und Polygamie entscheiden kann. Oft sagt der Mann: Lass uns sicherheitshalber die Polygamie nehmen, glaub mir, ich nehme keine Zweitfrau. Und die Frau glaubt ihm. Oder sie stimmt zu, weil sie fürchtet, von der Verwandtschaft schief angesehen zu werden.

Wie sieht die Zukunft Ihrer eigenen Töchter aus?

Die beiden großen sind schon fertig mit der Uni, eine hat Jura studiert, die andere Journalismus. Keine meiner Töchter wird je einen Mann heiraten, den sie nicht heiraten möchte, da bin ich ganz sicher.

Das Buch "Die ungeduldigen Frauen" ist auf Deutsch im Orlanda-Verlag erschienen und steht aktuell auf der Hotlist zum "Buch des Jahres aus unabhängigen Verlagen".

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