Soll ich den Angehörigen kondolieren?

Beileid unerwünscht
Beileid unerwünscht

Kati Szilagyi

Beileid unerwünscht

Stefanie Schardien, Pfarrerin in Fürth und "Wort zum Sonntag"-Sprecherin, beantwortet für chrismon jeden Monat kniffelige Lebensfragen.

Ursula O. aus Kumhausen fragt:

Oft wird in Traueranzeigen darum ­gebeten, von Beileidsbekundungen am Grab abzusehen. Das stürzt mich ­regelmäßig in ­einen Konflikt. Ich weiß nicht, ob damit ­tatsächlich nur der Ort des offenen Grabes gemeint ist oder die gesamte Beerdigungs­zeremonie. Sollten damit auch Aussegnung und Gottesdienst gemeint sein, bedeutet es, dass ein persönliches Ansprechen, eine Begrüßung ebenfalls ­unerwünscht sind? Und wie verhalte ich mich dann?

Stefanie Schardien antwortet:

Während viele Menschen un­sicher sind, weil sie nicht um die Bedürfnisse Trauernder wissen, macht Sie gerade die klare An­sage unsicher. Neben Ihrem ei­genen – durchaus auch berechtigten – Wunsch, Anteilnahme ­ zu zeigen, höre ich die wichtige ­Frage: Kann eine Trauerfeier ohne Beileidsbekundung Trauernden guttun? In Trauergesprächen erzählen mir Angehörige oft von ­ihrer Furcht, bei der Beerdigung von Gefühlen übermannt zu werden. Darum geht der Trend zum "Weniger": Bitte kein Beileid, bloß nicht zu emotional predigen, ­lieber nicht singen . . .

Stefanie Schardien

Stefanie Schardien, geboren 1976, ist Pfarrerin in Fürth und "Wort zum Sonntag"-Sprecherin.
ARD/BR/Markus KonvalinStefanie Schardien

Meine seelsorgliche Erfahrung ist eine andere: Gerade solche gemeinsamen Momente tun dem Trauerprozess gut. Berührungen, Gefühle, Tränen fühlen sich oft ganz richtig auf dem Friedhof an. Und das erleben Trauergesellschaften auch so: Fast immer gehen die Gäste darum doch irgendwann zu den Angehörigen – und für die ist es umgekehrt dann stimmig. ­Gehören Sie zu den ferneren ­Gästen, vertrauen Sie auf das soziale Miteinander solcher Feiern. Sie sehen rasch, ob, wo und wie die Trauernden mit anderen ­sprechen oder Tröstliches an­nehmen. Im Zweifel: Einen Händedruck oder ein ernst gemeintes, liebes Wort wird Ihnen kaum jemand übelnehmen. Denn manchmal tut das ständige "Weniger" nicht gut. Dann darf es auch ein bisschen mehr sein.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Leseempfehlung

Da trauert jemand – und Freunde, Kolleginnen, Bekannte sind hilflos. Was tun? 31 Fragen und Antworten
Naturnah bestattet werden, das wollen viele. Geht auch auf vielen Friedhöfen. Starrsinnige Friedhofsverwalter und Regeln gibt es trotzdem noch
Viele Menschen geben etwas ab - aber woher weiß man, welcher Betrag gut ist?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen