Ein Roadmovie übers Helfen für Geflüchtete

"Ich bin ein großer Fan von Stille im Film"
Luca Zug

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Filmemacher Luca Zug.

Der Regisseur Luca Zug arbeitet gerade an einem Roadmovie über die Hilfe für Geflüchtete in Polen. Worauf kommt es an?

Sie drehen einen Film über den 22-jährigen Moritz Baller aus Taufkirchen bei München. Er transportiert regelmäßig Hilfsgüter für geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer nach Polen. Wie kamen Sie auf die Idee zum Film?

Ich wohne auch in Taufkirchen und kenne Moritz aus der Schule, er war ein paar Jahrgangsstufen über mir. Er studiert Mechatronik, schreibt eigentlich gerade seine Bachelorarbeit. Aber die hat er zurückgestellt, weil er findet, dass es gerade Wichtigeres gibt: Er arbeitet rund um die Uhr, treibt Spenden ein, schreibt Supermärkte an und Firmen, damit sie Transporter und Anhänger zur Verfügung stellen, organisiert die Fahrten und Kontakte in Polen. Jetzt will er sogar ein Benefizkonzert in München veranstalten. Er sieht sich in der moralischen Pflicht, den Menschen zu helfen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Luca Zug

Luca Zug, 21 Jahre, wohnt in Taufkirchen bei München, studiert Politikwissenschaften und ist Geschäftsführer und Autor bei der eigenen Filmproduktionsfirma Moviejam. Die Firma wurde von einem jugendlichen Filmkollektiv gegründet.

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Was wollen Sie mit dem Film bewirken?

Unser Film richtet sich vor allem an Jugendliche. Sie können von Moritz lernen, dass Nächstenliebe und Selbstlosigkeit keine Floskeln sind. Sondern dass man konkret etwas machen kann. Moritz sagt: Wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht, aber dann hat man es wenigstens versucht. Außerdem wollen wir ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren, nämlich wie Menschen aus Deutschland im Krieg Menschen aus der Ukraine geholfen haben.

Wie und wo haben Sie gedreht?

Wir haben Moritz und sein Team Ende April zuerst in Taufkirchen dabei gefilmt, wie sie die Waren in vier Kleintransporter verladen: Hygieneartikel, Medikamente, Konserven, Generatoren, ein Ultraschallgerät, das eine Ärztin gespendet hat, auch Kinderfahrräder, Spielzeug und Hundefutter. Am Donnerstagabend haben wir alle zusammen gegessen, danach sind wir losgefahren.

Wie viele sind mitgekommen?

Moritz, sein Vater, drei weitere Helfende, mein Kameramann und ich. Um sechs Uhr morgens sind wir im polnischen Dzierżoniów angekommen und haben viele Sachen in einer riesigen, leerstehenden Lagerhalle einer Fabrik abgeladen. Von dort werden sie in die Unterkünfte verteilt. Später am Tag haben wir ein riesiges Hotel im Nirgendwo besucht, das noch nicht ganz fertiggestellt ist. Dort sind 300 Frauen und Kinder untergebracht.

"Die Leute wollen ja nicht hier sein"

Haben die Menschen mit Ihnen gesprochen?

Sie haben uns gleich zum Essen eingeladen, waren aber sehr schüchtern und haben uns Journalisten nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Wir haben uns dann mit der Kamera sehr zurückgehalten. Denn die Stimmung war extrem bedrückt. Die Leute sind jetzt zwar hier, aber sie wollen ja gar nicht hier sein und haben nichts zu tun. Sie kümmern sich um ihre Unterkunft, kochen und putzen. Aber das füllt den Tag nicht aus. Die Kinder können zur Schule gehen, aber es ist keine Stadt in der Nähe.

Wollen die Leute weiterziehen?

Wir konnten ein längeres Interview mit einer Mutter führen, die mit ihrem 16-jährigen Sohn aus einem Vorort von Kiew geflohen ist. Seitdem die Russen abgezogen sind, wollte sie unbedingt zurück. Mittlerweile ist sie auch wieder zurück. Sie sagte mir, sie habe zwar panische Angst vor dem Krieg, aber sie wolle ihr Land unterstützen und ihren Mann nicht alleine lassen.

Sind Sie weiter in die Ukraine gefahren?

Moritz und sein Team sind bis nach Riwne gefahren, eine kleine Stadt im Westen der Ukraine. Dorthin haben sie unter anderem Feuerwehrhelme gebracht. Aber mein Kameramann und ich hatten große Bedenken wegen der Sicherheitslage. Keine Versicherung wollte unser Equipment versichern. Wenn da was kaputtgegangen wäre, wäre ein großer Teil unseres Budgets weggewesen. Das wollten wir nicht riskieren. Wir haben Moritz eine GoPro mitgegeben, damit er selber filmen kann.

"Man muss die Grausamkeit schon auch verdeutlichen"

Wie viel Material haben sie beisammen? Wie lang soll der Film werden?

Wir produzieren zwei Filme für zwei Auftraggeber: einmal 17 Minuten für das Evangelische Fernsehen Efs in Bayern, einmal 23 Minuten für die evangelische Matthias-Film gGmbH, die Filme für Schulen bereitstellen. Material haben wir für sieben Stunden. Es soll ein Dokumentarfilm werden, eine Art Roadmovie. Wir wollen auch ein paar stilistische Elemente verwenden.

Ein Beispiel?

Bei der neunstündigen Fahrt von Taufkirchen nach Polen starrt man sehr lang auf den Horizont und wird ganz dösig im Kopf. Dieses Gefühl versuchen wir einzufangen, indem wir Aufnahmen mit geringer Belichtungszeit einbauen, bei denen die Farben etwas verschwimmen.

Welche Rolle spielt Musik?

Eine sehr große. Wir sind in Kontakt gekommen mit ukrainischen Musikern, die gerade ein Lied über die Ukraine geschrieben haben. Das würden wir gern in den Film verpacken, um auch viel Gefühl aus der Ukraine herauszutransportieren. Am Anfang des Films wollen wir klarmachen, was Krieg bedeutet, warum die Leute fliehen. Ich habe einen ukrainischen Filmemacher angeschrieben und gefragt, ob wir zusammenarbeiten können. Er lebt in einem Ort, der wohl unter russischer Kontrolle ist. Ich habe Filmmaterial von ihm gesehen. Bin gespannt, ob er antwortet.

Was für Kriegsbilder wollen Sie zeigen?

Aufnahmen von zerstörten Wohngebieten. Ich bin der Meinung, dass man die Grausamkeit verdeutlichen muss, um die Relevanz von Moritz Ballers Hilfsprojekt zu verstehen. Aber es gibt natürlich Grenzen, gerade bei einem Film für Schülerinnen und Schüler. Der Vorort, aus dem die geflüchtete Frau kommt, die wir interviewt haben, ist so groß wie Taufkirchen und ungefähr so weit von Kiew entfernt wie wir von München. Wir wollen deutlich machen, wie nah der Krieg an uns dran ist.

"Die Leere nach der Zerstörung zeigen"

Wo ist die Grenze?

In einem Film für Schüler würde ich keine Leichen zeigen. Das wäre auch respektlos den toten Menschen und ihren Angehörigen gegenüber.

Wie transportieren Sie die bedrückte Stimmung in der Flüchtlingsunterkunft?

Ich bin ein großer Fan von Stille im Film, weil das die Aufmerksamkeit der Zuschauer herausfordert. Ich denke, am Anfang des Films wird viel Ruhe herrschen. So könnte man vielleicht die Leere nach der Zerstörung zeigen.

Was ist in den kommenden Wochen zu tun?

Wir haben den Großteil gedreht, wir haben das Material gesichtet, diese Woche drehen wir noch ein Interview mit Moritz. Dann fangen wir Ende Juni mit dem Schneiden an. Ende Juli soll der Film fertig sein.

Der Film "Lebensformen: Nächstenliebe und ihre Grenzen" in der Version fürs Evangelische Fernsehen Efs wird am 30. Juli um 17 Uhr auf Sat.1 Bayern zu sehen sein. Die Version für Matthias-Film erscheint Ende August.

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