Mail aus Ägypten: Christen und Muslime in einem Klassenraum

"Wahrscheinlich lernt niemand mehr als ich"
Symbolfoto, zwei Schüler aus einer ägyptischen Schule, eine Schülerin mit Jesus-Kreuz

DEO Kairo

Siegerehrung nach dem „Pyramidenlauf“ der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo

A pupil wears a cross at the Mahaba school in Ezbet al-Nakhl, a shanty town north of the Egyptian capital Cairo, on October 13, 2018. - In a Cairo slum the poorest of Egypt's poor who eke out a living as scavenging through garbage have been struggling to keep their children in school and lead them out of their misery.
Mahaba, love in Arabic, was set up 30 years ago in Ezbet al-Nakhl by French nun Sister Emannuelle whom the Vatican once compared to Mother Teresa for her charitable work with slum dwellers. (Photo by Mohamed el-Shahed / AFP) (Photo credit should read MOHAMED EL-SHAHED/AFP via Getty Images)

In Kairo unterrichtet der Auslandspfarrer im Tandem mit einer Muslimin. Das Interesse der Schüler verblüfft ihn.

Was mich beschäftigt und was zu meinen Aufgaben gehört, ist der Religionsunterricht an der Deutschen Evangelischen Oberschule, kurz DEO. Die DEO ist eine Privatschule in unserer Trägerschaft als evangelische Kirchengemeinde. Doch die circa 1.300 Schüler*innen sind fast ausnahmslos Ägypter, gut 75 Prozent davon sind Muslime. Die anderen gehören meist der koptischen oder der orthodoxen Kirche an.

Muslimin studierte Islam in Deutschland

In meinen Klassen in der Oberstufe wird Religion im Klassenverbund unterrichtet - interreligiös, im Tandem von zwei Lehrkräften. Ich übernehme den christlichen Teil, eine ägyptische Lehrkraft ist für den Islam zuständig. Nadja Elkadi, eine Muslimin, ist für diese Aufgabe sehr gut vorbereitet: Sie hat in Deutschland Islamwissenschaft studiert und spricht zudem ausgezeichnet Deutsch. Dass sie weiblich ist, spielt keine Rolle. Viele Lehrkräfte an der DEO sind Frauen, das ist dort längst akzeptiert. Unsere Themen richten sich nach dem Lehrplan; gerade geht es um die Heiligen Schriften. Die Schüler*innen sind mit ihrer eigenen Heiligen Schrift schon gut vertraut, kennen aber die der anderen Religion kaum.

Prüfung in eigener und fremder Religion

Bibel- und Korankunde gehören daher zu unseren Themen; wir untersuchen aber auch, wie beide Schriften entstanden sind. In meinem Unterricht geht es zum Beispiel um den synoptischen Vergleich: Welches Evangelium ist älter und warum? In der nächsten Stunde erläutert die Kollegin die Kanonisierung des Korans. Dieser Prozess wurde zwar wesentlich schneller abgeschlossen als bei der Bibel. Trotzdem gibt es unterschiedliche Handschriften und somit eine Entstehungsgeschichte. Wir lernen also miteinander und voneinander. Wahrscheinlich lernt aber zurzeit niemand mehr als ich. Denn ich erlebe die Schüler*innen als sehr engagiert. Stelle ich im Unterricht eine Frage, so melden sie sich manchmal, noch bevor ich zu Ende formuliert habe. Das liegt wohl daran, dass Religion hier in Ägypten allgemein als existenziell wichtig gilt. Natürlich spielt aber auch der Notendruck eine Rolle. Überhaupt Noten: Die Klausuren haben jeweils einen christlichen und einen muslimischen Teil - alle werden also in der eigenen und in der anderen Religion geprüft.

Riley Edwards-Raudonat

Riley Edwards-Raudonat arbeitet zurzeit als Vakanzvertreter bei der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Kairo. Der Ruheständler ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Ursprünglich stammt er aus den USA.
privat

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