Naiv? Evangelische Friedensethik im Ukrainekrieg

Ist christliche ­Friedensethik überholt?
Religion für Neugierige

Lisa Rienermann

Religion für Neugierige

Putins brutaler Krieg gegen die Ukraine stellt die Friedensbewegung vor ein Dilemma.

Schon im März hatte die russische Armee Mariupol umzingelt. Sie ließ kaum noch Transporte in die belagerte Stadt, hungerte die Zivilbevölkerung aus, ließ Gebäude über Schutzsuchenden einstürzen, zerstörte gezielt Kliniken, Supermärkte, Wohnhäuser: Kriegsverbrechen in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, geschürt mit Propagandalügen.

Burkhard Weitz

ist bei chrismon der theologische Redakteur. Er ist verantwortlich für die Abo-Ausgabe chrismon plus
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, viel zu spät in ihrer Geschichte, begannen deutsche Protestanten, ihre friedenspolitische Haltung zu definieren. 2007 formulierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) etwa in einer sogenannten Denkschrift: Mit militärischen Mitteln lasse sich kein Frieden herstellen; zivile Konfliktbearbeitung müsse an erster Stelle stehen; nicht ins Militär, in den Frieden solle das Land inves­tieren: ­geschehenes Unrecht aufarbeiten, Spiralen der Gewalt durchbrechen, soziale Gerechtigkeit herstellen; in Krisengebiete dürften keine Waffen mehr geliefert werden. – Dass eine Atommacht ein Nachbarland angreift, um es zu er­obern, zieht die Denkschrift von 2007 gar nicht in Betracht. Muss nun die evangelische Friedensethik neu überdacht werden?

Recht auf Selbstverteidigung

Auch von gewaltfreiem Widerstand ist oft die Rede. In den ers­ten Wochen des Überfalls auf die Ukraine zeigten Videoclips, geteilt auf sozialen Netzwerken, wie sich Zivilisten Panzerkonvois in den Weg stellten und russische Soldaten aufforderten, heimzukehren. Das aggressive Vordringen der russischen Armee hielten sie damit nicht auf. "Lieber rot als tot" ­hätten sie sagen können. Aber sehr viele Menschen wollen sich nicht kampflos ergeben. Sie wollen selbst bestimmen dürfen, wohin sie gehören, wie sie leben und sich informieren, welche Meinung sie offen vertreten – ­Rechte, die ihnen das autokratische Putin-­Regime allem Anschein nach nicht gewähren würde. Lieber ­harren sie in belagerten Städten aus, als durch ­russisch vermittelte Korridore ins Land des Besatzers zu entkommen. "Die Ukraine muss gewinnen", sagte eine in die EU geflüchtete Frau, ­"damit wir nach Hause können."

Ist alle Diplomatie am Ende, bleibt das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstverteidigung. Legitim, sagen die Kirchen, egal ob evangelisch, katholisch oder orthodox, aber eben das äußerste Mittel. So eindeutig wie nun in der Ukraine lag der Fall lange nicht mehr. Ist es auch richtig, Waffen in das Kriegsgebiet zu liefern? Natürlich, sagen die einen, womit sollen sich die Ukrainer sonst verteidigen? Wer ­Waffen liefert, muss auch wissen, dass es noch mehr Tote und noch mehr Zerstörung geben wird, sagen die anderen. Ein unumgängliches Dilemma.

Deserteuren und Befehlsverweigerern Zuflucht bieten

Die EU wird nun aufrüsten, weil die Atommacht Russland dabei ist, ­eine neue Weltordnung herbeizu­bomben. Man weiß sich nicht anders zu helfen. Doch auf Dauer sichert angstgetriebene Sicherheitspolitik den Frieden nicht. Die bessere Investition für den Frieden ist alles, was Vertrauen schafft, Völker zusammenbringt, ­Demokratie fördert und was hilft, Konflikte gewaltfrei zu bearbeiten.

Auch Feindesliebe bleibt aktuell. Das biblische Gebot fordert, im Feind den Menschen zu erkennen. Videoclips in sozialen Netzwerken zeigen: Das tun Ukrainer*innen, wenn sie russischen Soldaten entgegentreten. Klar, sie können sich verständigen, ­haben die gleichen Umgangsformen, den gleichen Sarkasmus, haben Verwandte im anderen Land. ­Diese Ebene fehlt zuweilen, wenn etwa Araber, Kurden und Türken oder ­Serben, Bosnier und Kosovaren einander misstrauen.

Wer Menschen zusammenführt, sie gemeinsam arbeiten lässt, ihre Kinder auf die gleiche Schule schickt, arbeitet am Frieden. Je näher Menschen einander sind, desto größer die Hemmung, Gewalt auszuüben. – Es heißt, russische Wehrpflichtige seien wenig motiviert zu kämpfen. Auch, Deserteuren und Befehlsverweigerern Zuflucht zu bieten und sie zu unterstützen, ist christliche Friedensarbeit.

Gewalt schafft keinen Frieden

Evangelische Friedensethik muss künftig den Fall mitbedenken, dass eine Atommacht ein Nachbarland er­obern will und ihr Autokrat zu ­Unrecht seinen Krieg für ein Mittel der Politik hält. Ansonsten bleibt es dabei: Mit militärischer Gewalt kann man sich wehren. Frieden schafft man so nicht.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Leseempfehlung

"Für uns zählt auch die Feindesliebe"
Ist Gewaltverzicht angesichts von Krieg und Verfolgung möglich? Fragen an den Pazifisten Fernando Enns

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Weitz,

ich kenne kein Argument, das gegen Gespräche spricht.
Leider hat die Friedensbewegung (sind automatisch alle für Krieg, die sie nicht unterstützen?) völlig ausgeblendet, was Schiller im "Wilhelm Tell" sagen lässt:
"Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt".
Dann hätte es vielleicht einige realistische Einschätzungen gegeben.

Mit freundlichen Grüßen
Annegret Tilk-Kann

Dass man selber ganz fromm ist und nur leider wegen der unfrommen Nachbarn Krieg führen muss, das unterschreiben die Herren Biden, Putin, Selenskyj und Scholz sofort. Daran kann man erkennen, wie völkerverbindend und weiterführend doch die Gedanken der großen Dichter und Denker sind.

Max Zirom

In seinem Artikel " behauptet Burkhard Weitz: "Mit militärischer Gewalt kann man sich wehren, Frieden schafft man so nicht".
Mit militärischer Gewalt haben die Alliierten Hitler bezwungen und so Frieden geschaffen!
In dem Interview mit Dagmar Pruin und Düzen Tekkal zum Thema Chancengleichheit meinen die Moderatoren: "Mehr als in vielen anderen Ländern bestimmt in Deutschland die soziale Herkunft über den Schulerfolg". Gerade Deutschland hat eine sehr durchlässige Gesellschaft - im Gegensatz z.B. zu England und Frankreich die sehr viel ausgeprägtere Klassengesellschaften haben. Die Mehrzahl der Dax-Vorstände in Deutschland stammen aus kleinen Verhältnissen!
Fakten scheinen Ihre Autoren wenig zu interessieren nach dem Motto:
"My mind is made up already, don't confuse me with facts".

Mir freundlichen Grüssen

Peter Lüttgen

"Mit militärischer Gewalt haben die Alliierten Hitler bezwungen". Ja, klar. "und so Frieden geschaffen." Ach, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa gibt es keine Kriege mehr? Hiroshima, Korea, Dien Bien Phu, Vietnam, 6-Tage, Balkan, Iran, Irak, Libyen, Afghanistan, Ukraine....

Also, die krachende militärische Niederlage Deutschlands hat dazu geführt, dass die Wehrmacht nicht mehr schießen konnte und Deutschland bedingungslos kapitulieren musste. Inzwischen ist die Nation wieder irre stolz darauf, Russland drohen zu können und schweres Kriegsgerät in den aktuellen Krieg zu schicken.

Diese Sorte von Frieden wurde durch das alliierte Militär damals geschaffen und wird heute laufend durch das Militär weltweit geschaffen. Die Bundeswehr hat dabei wieder einen der vorderen Plätze zurückerobert.

Fritz Kurz

Man kann jeden Sinn solange hinundherdaddeln, bis er selbst vom besten Formulierer nicht mehr zu entschlüsseln ist. Es bleibt bei allen kuriosen gedanklichrn Turbulenzen dabei: Die Sonne geht im Osten auf und auch Putin hat am 24.2. mit dem Angriff begonnen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
nachdem ich Ihre Position früher bei anderen Themen kritisiert habe, möchte ich die Revision Ihrer bisherigen Friedensethik und die Entwicklung vorsichtiger neuer Positionen - noch in Frageform - hiermit anerkennen.
Wie leider in anderen Fällen auch haben Sie Ihre Augen lange vor der Wirklichkeit verschlossen und Banalitäten geäußert, so auch jetzt: Dass dauerhaft Frieden nur mit Verständigung möglich ist, weiß doch jeder. Eine Militarisierung der Gesellschaft steht doch gar nicht an.
Viel Erfolg.
Mit freundlichen Grüßen.
Helmut Lambert
Bonn

Der Krieg in der Ukraine ist nicht irgendein Krieg der uns unsere Unsinnigkeit seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (Mensch erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung) bewusst machen soll, er ist eine Wegmarkierung mit Gabelung - Wenn Mensch jetzt nicht Vernunft und Verantwortungsbewusstsein wirklich-wahrhaftig werden lässt und diesen Krieg nicht mit menschenwürdiger Friedfertigkeit gottgefällig in Richtung Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden" gottgefällig beendet, dann ist geradeaus nur noch der unaufhaltbare Weg in den enttäuschenden Abgrund der Vorsehung.

Die christliche Ethik beinhaltet VOR ALLEM ein Mittel für Frieden und Freiheit: Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden", OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, denn wenn GRUNDSÄTZLICH alles Allen gehören darf, so daß die Welt- und Werteordnung nicht mehr manipulativ-schwankend sein kann, ist Gerechtigkeit und Sicherheit garantiert.

Wie das Gemeinschaftseigentum im Himmel geregelt ist, weiß ich nicht und interessiert mich auch nicht. Das sollen diejenigen unter sich ausmachen, die dermaleinst den Himmel bevölkern werden und sich schon jetzt Gedanken darüber machen.

Zum Begriff Gemeinschaftseigentum auf Erden ist Folgendes anzumerken: Gemeinschaftseigentum ist eine Sonderform des Eigentums, keineswegs seine Negierung. Das Gemeinschaftseigentum spielt im deutschen Recht eine große Rolle bei Wohngebäuden, die aus Eigentumswohnungen bestehen. Zum Gemeinschaftseigentum gehört dann z.B. das Grundstück. Nähere Auskünfte hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaftseigentum

Deutlich vom Gemeinschaftseigentum zu trennen ist die Vorstellung von der Aufhebung des Eigentums. Was ist Eigentum, was soll da also aufgehoben werde? Eigentum ist der Ausschluss aller Nichteigentümer von der Bestimmung über das Eigentum. Der Eigentümer einer Sache kann die Sache nach seinem Belieben nutzen oder "missbrauchen", verrotten lassen, verschenken, verkaufen usw. Der Nichteigentümer darf das alles nicht. Wenn eine Gesellschaft auf Eigentum beruht, und das ist bei allen modernen Gesellschaften so, dann achten die Mitglieder der Gesellschaft darauf, dass dieser Ausschluss Grundlage ihrer gegenseitigen Beziehungen ist. Dazu gibt es den Staat, der gewaltsam, eben mit Staatsgewalt, diesen gegenseitigen Ausschluss sicherstellt.

Aufhebung des Eigentums hat also nichts mit Gemeinschaftseigentum zu tun. Bei der Aufhebung des Eigentums würden sich die Mitglieder einer Gesellschaft eben nicht mehr gegenseitig vom Genuss und Gebrauch der Dinge ausschließen, sondern sie hätten sich genau darüber zu verständigen. Diese Aufgabe lässt sich auch nicht delegieren an einen von der Gesellschaft getrennten Gewaltapparat. Der ist dann unnötig und gehört auf den Müll.

Fritz Kurz

Nach dem 2. Weltkrieg gab es eine Menge Gemeinschaftseigentum, daß wurde bekanntermaßen aus bekannten Gründen der Privatisierung zur "Freiheit" der wettbewerbsbedingt-unternehmerischen Abwägungen zum Fraß preisgegeben, fast gleichzeitig wurde "Wir wollen mehr Demokratie wagen" propagiert!!!

"Die bessere Investition für den Frieden ist alles, was Vertrauen schafft, Völker zusammenbringt, Demokratie fördert.."

Es gab mal die undemokratische Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Was auch immer in der herrschte, die Freiheit war es nicht. Die herrschte in der BRD und in den USA. In der unfreien und undemokratischen UdSSR brachten weder die Russen die Ukrainer in größerem Stile um noch umgekehrt. Wozu auch? Die einen schickten Kohle und was zur Industrialisierung benötigt wurde, die anderen lieferten Getreide und Bergbauerzeugnisse. Alles sehr unfrei, nämlich planwirtschaftlich.

Dann wurde die UdSSR auf Betreiben ihrer eigenen Führungsgestalten aufgelöst und es zogen Demokratie und Freiheit in die Nachfolgestaaten ein. Es wurden munter Parlamente und Präsidenten gewählt und die zugehörige Politik gemacht. Der "gesunde Wettbewerb" zwischen den Staaten, die ihre Freiheit wiedergewonnen hatten, setzte ein. Innerhalb der jeweiligen Staaten durften nun freie Bürger ihre freie Stimme den Herren Putin usw. geben.

Jetzt herrscht also die Freiheit, insbesondere die Freiheit, Krieg zu führen. Und sie wird genutzt. Wer möchte es da noch an Begeisterung für Freiheit und Demokratie fehlen lassen?

Fritz Kurz

Sie ist, aber nicht ohne Gegenwehr, überlebensnotwendig. Ohne die Christliche Ethik hätte das Böse freien Lauf. Sie allein ist der Garant für eine weitgehend gerechte und harmonische Gemeinschaft. Allen Verirrungen der Geschichte zum Trotz. Die christliche Ethik ist eine Geist gewordene Sprache von Jesus. Die ohne eine menschliche friedliche Ethik sind, kennen nur sich selbst. Selbstverständlich schafft Gewalt gegen das Böse Frieden. Warum die Augen verschließen? Auch Hitler wurde mit Gewalt besiegt. Dann hatten wir Frieden. Die Mission ist ebenfalls eine Geschichte der Gewalt und der technischen Überlegenheit, die selbst eine subtile Form der Gewalt ist. Den Unterschied zwischen Gut und Böse interpretieren Nutznießer mit ihren Zielen selbst und die Gegner gegensätzlich. Wer sich nicht wehrt, provoziert die Macht des Bösen. Der Wunsch das zu ändern, wird mit der Kugel unterdrückt. Wir sollten die christliche Ethik nicht mit dem Blick der Einfältigen verschleiern. Wir sollten erkennen, dass allein gute Wünsche und hohe Ziele nicht in der Lage sind, das Böse aus der Welt zu vertreiben. Auch Gesetzte sind eine subtile Form der Gewalt, denn sie drohen mit Gewalt, wenn man sie nicht befolgt. Selbst die Drohung mit der Hölle oder dem Verlust des ewigen Lebens ist eine Form der Gewalt, die den Religionen ihre Existenz sichert. Selbst die Gewalt Gottes wird ja häufig genug angekündigt, beschworen und in seinem Namen umgesetzt. Der Gipfel dieser Selbstverleugnung ist die Forderung nach der Toleranz der Intoleranz. Ein Suizid aus Angst davor, ermordet zu werden, ist eine vorweg genommene eigene mörderische Entscheidung. Zu Ende gedacht ist vieles andersrum. Wehrlos zu sein, ist ein bedrückendes Gefühl der Unschuld.