Ukraine-Krieg, Menschenhandel und Prostitution

Ziehen Menschenhändler Profit aus der Not der Frauen?
Berliner Hauptbahnhof am 10.03.2022: Eine junge Frau aus der Ukraine steigt aus einem Zug aus Warschau, nachdem sie vor dem Krieg aus ihrer Heimat geflohen ist.

Olaf Schülke/SZ Photo/picture alliance

In Sicherheit oder in Gefahr? Eine junge Frau aus der Ukraine steigt in Berlin aus einem Zug aus Warschau.

10.03.2022, Berlin, Deutschland, Europa - Kriegsfluechtlinge aus der Ukraine steigen bei ihrer Ankunft am Berliner Hauptbahnhof aus einem Zug aus Warschau aus, nachdem sie vor dem Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind.

Flüchtende Ukrainerinnen sind von Menschenhandel bedroht, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier

chrismon: Sie haben den Bericht eines gewalttätigen Freiers aus dem Internet veröffentlicht, der sich auf die Frauen aus der Ukraine freut. Sind Mädchen und Frauen, die hier Schutz vor dem Krieg suchen, wirklich in Gefahr, Opfer von Menschenhändlern und Zuhältern zu werden?

Leni Breymaier: Die Frauen kommen hier an, haben alles hinter sich gelassen, sind völlig verständlicherweise verstört und wähnen sich erst einmal in Sicherheit. Es kann jede Frau Opfer von Menschenhändlern werden. Aber besonders Mädchen und Frauen, die vor einem Krieg fliehen, sind verletzlich. Deutschland mit seiner liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist ein Marktplatz für Menschenhändler, es gibt reichlich Nachfrage und die Frauen werden als Ware betrachtet. Also ist die Gefahr real.

Was sind das für Täter?

Ich glaube nicht, dass sie so einfach zu erkennen sind. Es sind erst mal ganz normale, freundliche, hilfsbereite Männer und vielleicht auch Frauen, die womöglich auch die ukrainische oder russische Sprache sprechen.

Wer ist besonders gefährdet?

Ich denke, junge Frauen, die allein reisen und die kein festes Ziel in Deutschland oder einem Nachbarland haben, sind leichter ansprechbar.

Was muss getan werden, um diese Frauen und ihre Kinder zu schützen? Welche Rolle spielt hier die Polizei auf Länderebene?

Soweit ich weiß, wurden die Informationen, die die Geflüchteten in den Zügen und an den Grenzen bekommen, entsprechend angepasst. Die Bundespolizei und auch die Polizei der Länder sind auch für solche möglichen Straftaten inzwischen sensibilisiert. Es ist gut, wenn alle Helferinnen und Helfer auf dem Schirm haben, dass Leute unterwegs sind, die es nicht gut meinen mit den Geflüchteten, sondern ihre Antennen auch auf das Thema Prostitution und Menschenhandel ausrichten, auf Leute, die aus der Not der Menschen ihren ganz eigenen Profit ziehen wollen.

Wohin können sich Menschen bei Verdacht wenden?

Tatsächlich immer an die Polizei. Und der Rest ist situativ.

Die Hilfsbereitschaft ist groß, viele bieten Unterkünfte an. Doch wie sicher sind diese für geflüchtete Frauen und ihre Kinder? Plattformen wie Warmes-Bett.de lassen die Anbieter von der Polizei überprüfen. Sollte das zum Standard werden?

Wir sollten es nicht als Bürokratie abtun, wenn der Staat wissen will, wer einreist und wer wo verbleibt. Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, alle Anbieter von Zimmern polizeilich zu überprüfen, doch damit rechnen können sollte jeder, das wäre ein wichtiger Schritt.

Leni Breymaier

Leni Breymaier, Jahrgang 1960, ist seit 2017 SPD-Bundestagsabgeordnete. Davor war sie elf Jahre lang Verdi-Chefin von Baden-Württemberg, von 2016 bis 2018 zudem Landesvorsitzende der SPD Baden-Württemberg und von 2017 bis 2021 Mitglied im Parteivorstand der SPD. Leni Breymaier engagiert sich unter anderem im Beirat Wirtschaft und Nachhaltigkeit der Evangelischen Akademie Bad Boll und als Vorstandsmitglied von SISTERS, einem Verein, der sich für den Ausstieg aus der Prostitution einsetzt.
Fionn Große

Barbara Schmid

Barbara Schmid, geboren in Nürnberg, ist Journalistin. Zunächst arbeitete sie u. a. für den "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Kölnische Rundschau". 1991 ging sie als Hauptstadtkorrespondentin für die "BILD am Sonntag" nach Bonn, seit 1998 arbeitet sie für den "Spiegel". 2006 war sie Sprecherin für das Kulturprogramm der Fußball-WM 2006. Sie lebt in Düsseldorf und in Ligurien. Im April 2020 ist ihr Buch "Schneewittchen und der böse König" (mvg, 16,99 Euro) erschienen. Es erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die in die Zwangsprostitution abgerutscht ist.
Anja Meyer

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