Leere Kriegsrhetorik. Eine Sprachkritik

Sie sind nicht gefallen!
Soldaten sterben und werden getötet. Man soll das Grauen beim Namen nennen

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Und ja, die russische Desinformationskampagne ist wirklich beängstigend. In Russland darf man Putins Krieg nicht "Krieg" nennen. Raketen, die in Wohnhäuser einschlagen, werden "Präzisionswaffen" genannt. Man kennt das Wort auch aus früheren Kriegen. Was genau soll da "präzise" bedeuten?

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Krieg ist sinnlos und grausam. Soldaten "fallen" nicht, sie sterben. "Gefallene" Soldaten sind nicht bloß gestorbene, sondern getötete Soldaten. Jemand bringt sie um, meist aus einem Hinterhalt. Wenn Filme die Realität dahinter zeigen, nennen wir sie Antikriegsfilme. Nicht weil sie gegen den Krieg Stellung beziehen, sondern weil sie ihn abbilden. Das reicht, um dagegen zu sein.

Wolodymyr Selenskyj "hält" nicht "die Stellung". Er bleibt aus eigenem Entschluss unter Lebensgefahr am Amtssitz. Er zeigt Größe. Viele Ukrainer bleiben sicherlich auch deshalb im Kriegsgebiet, weil sie als Männer das Land nicht verlassen dürfen und nicht wissen, wo sie sonst hinsollen. Sie "stellen sich dem Feind entgegen", heißt es. Niemand weiß, was auf sie zukommt und was sie überhaupt ausrichten können. Treibt sie Mut, Leichtsinn, Ohnmacht, Zorn? Bewundernswert, wie klar und nüchtern Frauen und Männer aus ihren fensterlosen Badezimmern und aus den U-Bahnschächten in die Kameras von ihrer Not berichten.

Wladimir Putin lässt aus dem abgeschirmten Moskauer Regierungspalast "Abschreckungswaffen in besondere Alarmbereitschaft versetzen" - in Wahrheit droht er. Womit genau, lässt er unheilvoll offen. Und in Deutschland fordern die Ersten "eine eigene, glaubwürdige nukleare Option" - was in Wirklichkeit heißt: Wir sollen auch drohen, Atombomben abzuwerfen.

Man kann sich nicht auf Kriegsrhetorik einlassen und dabei einen kühlen Kopf bewahren.

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Lesermeinungen

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit." Das it eine Variante von "Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst." Hier handelt es sich um eine Fake-Todesanzeige. Sterben kann nur, was vorher lebendig war. Was war vor dem Krieg? Der Frieden. Und im Frieden grassierte die Wahrheit? Nein.

Im Frieden, also den Zwischenkriegszeiten, herrscht entweder (Welt)Wirtschaftskrieg, oder kalter Krieg oder "nur" stinknormale Staatenkonkurrenz. Jeder Staat sucht die anderen Staaten zu übertrumpfen im aktuellen Handelserfolg, in den Entwicklungen für den zukünftigen Wirtschaftserfolg, in der Technologieentwicklung, der Beschaffung der effektiveren militärischen Waffen, der Pflege des Treueverhältnisses, das das Menschenmaterial an die jeweils eigene Herrschaft bindet.

Bei diesem illustren Treiben würde eine objektive Sicht der Verhältnisse nur massiv stören. Stattdessen wird höchst erfolgreich in Kindergarten, Schule und Uni, in Predigt und Journalistik, in der Familie, am Stammtisch, im Internet-Chat und Freundeskreis die zu den eingerichteten Verhältnissen gehörige Sicht der Dinge gepflegt. Diese Sicht der Welt ist dann die Wahrheit.

Bei Kriegsbeginn stirbt außer den ersten Kriegstoten überhaupt nichts. Der anständige Bürger bemerkt, dass der Feind, also die anständigen Bürger der anderen Seite, manches anders sieht als er selbst. Das kann er sich dann nur noch als den Tod der Wahrheit erklären. Bei den Äußerungen des Feindes lachen die Hühner. Aber nur die Hühner des eigenen Hühnerstalls.

Fritz Kurz

"Und in Deutschland fordern die Ersten "eine eigene, glaubwürdige nukleare Option" - was in Wirklichkeit heißt: Wir sollen auch drohen, Atombomben abzuwerfen." Hier kommt die Vorstellung zum Ausdruck, jetzt würden westliche Heißsporne anfangen, mit Atomwaffen zu drohen. Diese Vorstellung stellt die Entwicklungsgeschichte des Konflikts auf den Kopf.

Also noch einmal die Eskalationsgeschichte aufgeschrieben. Vorläufig letzter Stand: Russland wird der ökonomische Weltkrieg erklärt. Das dürfte nicht der Schlussakt der Angelegenheit bleiben. Die letzte Eskalationsstufe davor: Russische Truppen marschieren in die Ukraine ein. Und davor: Der Westen betreibt seit Jahrzehnten mit beharrlicher Politik die Umzingelung von Russland mit Frontstaaten. Leuchtendes Beispiel ist die Ukraine. In der gibt es nicht nur erklärte Russlandliebhaber und Russlandfeinde. Wer allerdings mit einer "Schaukelpolitik" aufwartet, bekommt vom Westen klar mitgeteilt, dass dann keine EU-Assoziation mehr möglich ist. Es muss eine russlandfeindliche Ausrichtung sein.

Warum dieser Anspruch? Nur wenn in den Nachbarstaaten Russlands antirussische Politik gemacht wird, können dort die militärischen Anlagen errichtet werden, auf die der Westen scharf ist. Teilweise stehen sie schon, teilweise müssen sie noch umgebaut, teilweise neu errichtet werden. Was ist das Ziel dieser Anlagen? Die Flugzeiten der Nuklearwaffen so zu verkürzen, dass Enthauptungsschläge und ähnliche Militärstrategien realisierbar werden. Wem das nichts sagt: https://de.wikipedia.org/wiki/Enthauptungsschlag

Die Herstellung der nuklearen Erpressbarkeit Russlands ist also der grundsätzliche Stoff des ganzen Konflikts. Das ist mehrere Hausnummern härter als die aktuellen sehnsüchtigen Rufe mancher freiheitsliebender Ukraine-Fans: "Nukt sie endlich!"

Friedrich Feger

Das Wort Sinn hat verschiedene Bedeutungen. Ich hätte auch schreiben können: Sinnzusammenhänge. Der hochangesehene Sinn, der respektheischend tief sein kann, dessen Fehlen angeblich ganz furchtbar sein soll und als Sinnfrage ganze Bibliotheken füllt, ist jetzt nicht mein Thema.

Überschaubarer ist die Bedeutung im "Sinne" von zweckmäßig. "Es ist sinnlos, an der nächsten Ampel abzubiegen" will sagen, dass ich dann mein Ziel nicht erreichen werde. In diesem Sinn ist der Krieg alles andere als sinnlos. Der Krieg dient dazu, einem Staat zu einem Staatsziel zu verhelfen. Allerdings nur, wenn der Krieg gewonnen wird. Dann aber sehr wohl. Deswegen lässt sich jeder potente Staat seine Fähigkeit zum Kriegführen manches kosten. Dazu gehören nicht nur die erklecklichen eigentlichen Militärausgaben, sondern auch die gedankenmäßige Vorbereitung seines Menschenmaterials, also im Falle einer Demokratie seiner freien Bürger. Diese Vorbereitung schließt wesentlich ein, dass der Krieg einerseits geächtet wird, da gehört der wohlfeile Spruch vom angeblich sinnlosen Krieg hinein, andererseits dem bösen Feind leider nicht zu trauen sei und man selber eben bereit zur Verteidigung sein müsse.

So gerüstet braucht der Staat auch nicht laufend explizit mit Krieg zu drohen. Die anderen Staaten wissen sehr wohl von alleine, was ein Staat mit ordentlichem Militär, seiner ebenso friedliebenden wie die Berufs- und Freiwilligenheere beschickenden Bevölkerung anrichten kann. Dieses Treiben nennt sich dann Diplomatie.

Also von wegen "Krieg ist sinnlos." Dass die Normalmenschen beim Krieg vom Leben zum Tode gebracht werden, hält die lieben Zeitgenossen nicht davon ab, ihren Staaten fest die Treue zu halten. Das ist allerdings keine Spezialität des Krieges. Auch im Zivilleben weiß der anständige Bürger, dass zwar manches ihn massiv bedrängt und schädigt, aber eben sein muss.

Traugott Schweiger

Sehr geehrter Herr Weitz,

Sie sprechen mir aus tiefster Seele, wenn Sie den Begriff der sog. Gefallenen als zynischen Euphemismus darstellen. In meiner evangelischen Gemeinde in Westfalen war ich in den 70er und 80er Jahren Mitglied im hiesigen Posaunenchor. Bis heute habe ich es in übelster Erinnerung, wie von den getöteten deutschen Soldaten als "Gefallenen", oft auch noch "für das Vaterland" gesprochen wurde, wenn wir bei Kranzniederlegungen spielen mussten.
Ganz herzlichen Dank, dass Sie diese Kriegslüge thematisiert haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Fahrenhorst