Sachsen: Friedlicher Protest gegen die Corona-Spaziergänger

Das wird ein Marathon
Freiberg für alle, Lauftreff

Charlotte Sattler

Tolle Strecke: die Mitlaufgelegenheit Freiberg vor Schloss Freudenstein

Mitlaufgelegenheit Freiberg. Freiberg, Sachsen, Deutschland, Europa am 01.07.2021FOTO: Charlotte Sattler

Sachsen hat einen schlechten Ruf, gilt als Hochburg der AfD und der "Querdenker". Das Netzwerk "Freiberg für alle" will der stillen Mehrheit eine Stimme geben. Dafür braucht es Mut und Ausdauer. Eine Langzeitbeobachtung.

Der Oberbürgermeister ist müde. Eine russische Delegation war zu Gast in Freiberg, Landkreis Mittelsachsen, Sven Krüger ist erst kurz vor Mitternacht aus dem Rathaus gekommen. An diesem Vormittag im Juli 2021 macht er etwas, das ihm guttut. Krüger, Seitenscheitel, gepflegter Dreitagebart, klettert Leitern und Treppen hoch und tritt hinaus aufs Dach des Rathauses. All der Streit ist für kurze Zeit weit weg. Ein paar Minuten den Blick kreisen lassen über die wunderschöne Altstadt. Sven Krüger lächelt, er denkt an den Brief, den ein Klempner hier oben versteckt hat, zusammen mit einer DDR-Zeitschrift, "Sportecho", Ausgabe Nr. 80 vom 23. April 1984. "Der Inhalt hätte ihn ins Gefängnis gebracht", sagt Krüger. Aber der Brief tauchte erst im Herbst 2018 wieder auf, nachdem ein Sturm das Dach beschädigt hatte. Als der Oberbürgermeister wieder Richtung Büro hinabsteigt, macht er halt auf dem Dachboden und liest aus dem Brief vor. "Im Großen und Ganzen alles große Scheiße! Kein Blech, kein Stahlrohr, die einfachsten Sachen gibt es nicht!" Was wohl in Briefen stünde, die man heute einmauerte und in 30 Jahren wiederfände? Die Frage muss man sich merken.

 Oberbürgermeister Sven Krüger auf dem Rathaus, im Hintergrund: Petrikirche und PetriturmCharlotte Sattler

Wer die Kondition verbessern will, soll ruhig und länger, nicht schnell und kurz laufen. Es gibt eine Faust­regel: Gute Trainingsläufe sind die, bei denen man sich unterhalten kann. Also reden die Läuferinnen und Läufer der Mitlaufgelegenheit viel miteinander. An diesem Donnerstagabend im Juli joggen sie hoch zur Herders Ruh, dem Grab eines Oberberghauptmannes. Stefan Benkert, ein großer, schlanker Mann mit grauen Haaren, ist mit Kamera unterwegs. Oft zieht er kurze Sprints an, um vor die Gruppe zu kommen und zu fotografieren, als wollte er jeden Moment festhalten. Wenn Benkert Fotos macht, laufen an ihm vorbei: Deutsche und Ausländer, Frauen und Männer, Ärztinnen, Studierende und Unidozenten, Erzieher und Richterinnen, junge Menschen und ältere. Fast alle tragen ein weißes Trikot, links, wo das Herz schlägt, steht: "Laufen verbindet". Und: "Komm, lauf mit!", bei den neuen Shirts in 21 Sprachen, so viele waren hier schon zu hören.

Anfangs hieß die Mitlaufgelegenheit "Refugee-Lauftreff", damit sich auch Geflüchtete angesprochen fühlen. "Aber irgendwann dachten wir, das sind ja gar keine Geflüchteten mehr, die leben jetzt hier", erzählt Cornelia Skovgaard-Sörensen, zu der alle Conny sagen. Für Stefan Benkert waren die Läufe mit Menschen anderer Hautfarbe oft Schockmomente: "Es ist heftig zu hören, wie einige immer wieder rassistisch beleidigt worden sind."

"Wir waren froh, dass es noch andere Menschen gibt, die so denken wie wir." - Cornelia Skovgaard-Sörensen

Als die AfD bei Wahlen in Sachsen und Freiberg stärker wurde, war der Schreck über den Rechtsruck auch bei den Läufen ein Thema. Anfangs eher ratlos, aber mit der Zeit immer zielgerichteter, weg von der Frage "Was können wir machen?" hin zur Gewissheit: "Wir wollen was tun!" Bei der Europawahl im Frühjahr 2019 landete die AfD im Landkreis Mittelsachsen bei 28,5 Prozent, noch vor der CDU. Es war der letzte Impuls, der Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Freiberger Stadtgesellschaft an einen großen Tisch in einer Gaststätte trieb – die Geburtsstunde von "Freiberg für alle", einem losen Netzwerk von Organisationen, Vereinen und Privatleuten. "Wir sind kein Verein und wollen es auch nicht werden", sagt ­Stefan Benkert während des Donnerstagslaufes, "in Vereinen machen immer dieselben fünf Leute alles. Hier soll sich jeder einbringen können." Und Conny Skovgaard-Sörensen sagt: "Wir waren so froh, dass es in Freiberg doch noch andere Menschen gibt, die so denken wie wir."

 Hoch auf eine alte Halde mit Blick über Freiberg: Mohammad und AliCharlotte Sattler

Wer ist die Mehrheit? Die Anzahl der Rechtsextremisten in Sachsen steigt, von 2500 im Jahr 2014 auf 4800 im Jahr 2020, schreibt das Sächsische Staatsministerium des Innern im Verfassungsschutzbericht. Ein Grund für den Zuwachs: Die Verfassungsschützer beobachten den "Flügel", einen extremistischen – und mittlerweile aufgelösten – Zusammenschluss innerhalb der Alternative für Deutschland (AfD). Auch der sächsische Landesverband der AfD pflegt eine Sprache, die Geflüchtete enthumanisiert, in Pressemeldungen ist von "Migrantenströmen", "Asyl-Flut" oder "Mord-Import" die Rede. Bei der Bundestagswahl im September wurde die AfD im Landkreis Mittelsachsen mit 30 Prozent stärkste Partei, mit 33,4 Prozent gewann die AfD-Kandidatin Carolin Bachmann das Direktmandat. Auf ihrer Facebook-Seite arbeitet sie sich immer wieder an den Maßnahmen ab, mit denen Bundes- und Landesregierung die Zahl der Corona-Infektionen bremsen wollen. Wer sich der Mitlaufgelegenheit anschließt, hört von Familien, in denen Geschwister darüber streiten, welches Betriebssystem sie auf einem Computer nutzen sollten. Der Impfgegner unter ihnen will nichts von Microsoft wissen, weil der Microsoft-Gründer Bill Gates Pandemie und Impfkampagne erfunden habe.

Die meisten Menschen in Freiberg stimmen nicht für die AfD; die meisten Erwachsenen in Sachsen haben sich gegen Corona impfen lassen. Doch dieser Mehrheit fehlt oft die Stimme, während die Minderheit immer wieder laut gegen etwas ist – gegen Zuwanderung, gegen Ausländer, gegen Masken, gegen Impfungen. "Freiberg für alle" will – wie es auf der Homepage heißt – "offen sein für alle, die sich dem Grundgesetz und der UN-Charta für Menschenrechte verpflichtet fühlen und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft überwinden wollen".

Obwohl Benkert seit 1980 in Freiberg lebt und seit 2007 läuft, ist er eben einen kleinen Pfad entlanggelaufen, den er nicht kannte. Laufen verändert die Perspektive, jedes Mal. Zurück am Treffpunkt der Mitlaufgelegenheit, dem Schwimmbad, dehnen sich die Läuferinnen und Läufer, stehen in kleinen Gruppen zusammen. Eine Sache ist Benkert noch wichtig. Die Mitlaufgelegenheit sei eine Wurzel von "Freiberg für alle", aber längst nicht die einzige. 2019 kamen viele Menschen zusammen, um sich für "Freiberg für alle" starkzumachen. Michael Düsing war dabei, Bürgerpreisträger der Stadt, der sich für Stolpersteine in Freiberg einsetzte; er verstarb im November 2020. ­Michael Schlömann machte mit, Professor an der Technischen Universität Freiberg, der sich sorgt, in Freiberg würden das naturwissenschaftliche Weltbild und die Aufklärung infrage gestellt. Gastronomen kamen dazu und Künstler. Manager, Unternehmerinnen und Handwerker machten mit, weil sie befürchten, keine Fachkräfte mehr überzeugen zu können, nach Freiberg zu kommen. 

Auch Pfarrer Michael Stahl von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Petri-­Johannis war von Anfang an dabei. Der Pfarrer unterscheidet zwischen zwei Polen – wertkonservativ und neurechts. Konservativ zu sein, hält Stahl für vollkommen legitim. Aber die neue Rechte ist für ihn eine Gefahr. Stahl spricht an einem verregneten Morgen im Juli im Gemeindezentrum von drei Brücken, die vom wertkonservativen ins neurechte Lager führen. Das Thema Islamkritik, Fragen von Abtreibung und Lebensschutz und der Streit darüber, was Familie ist. Viel Stoff, um gegen etwas sein zu können: Gegen Zuwanderung! Gegen Schwangerschaftsabbrüche! Gegen die Ehe für alle! "Für etwas zu sein, das ist das zentrale Moment, das halten wir durch", sagt Stahl und zählt auf: "Für eine freiheitliche Demokratie, für Pluralismus, für Menschenrechte."

"Für etwas sein, das ist das zentrale Moment,  das halten wir durch." - Pfarrer Michael Stahl

In Deutschland sollte all das selbstverständlich sein. Aber in Freiberg ist es nicht immer einfach, für etwas zu sein, erst recht nicht, seit Corona eine vierte Brücke ins neurechte Lager schlägt. In der Stadt hatte sich schon im Sommer ein Spaziergang etabliert, eine nicht angemeldete Demonstration von Bürgerinnen und Bürgern, die die Corona-Maßnahmen ­ablehnen. Hunderte gehen mit, immer montags – aber eine Mehrheit der Freiberger repräsentieren auch sie nicht. Der Pfarrer könnte es sich leichtmachen. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass Rechtsextreme mitspazieren. Er hätte einfach einen Aufruf machen können, "Geht nicht mit Nazis!", fertig. Stattdessen redete Stahl mit den Spaziergängern. Der Pfarrer erinnert sich an ein Gespräch mit einer Frau, die wütend war über die Corona-Maßnahmen, aber nach einer halben Stunde entdeckte Stahl, dass ihr Protest noch ­andere Ebenen hatte. "Da kommen Enttäuschungen zur Sprache, das Gefühl, im Osten Bürgerin zweiter Klasse zu sein. Das kann ich freilegen, ich bin ja selbst Ostdeutscher, aber ich kann schlecht damit umgehen, weil ich die Chancen sehe, die wir hier haben." Viele Menschen in Freiberg nehmen, glaubt der Pfarrer, das Leben in der DDR im Rückblick als homogen war, als Einheit – auch wenn sie die DDR nur aus Erzählungen kennen. "Sie sehen dieses Gefühl durch die Globalisierung und komplexe Welt infrage gestellt – es ist fast logisch, dann immer gegen etwas zu sein." 

 Pfarrer Michael Stahl ist einer der Gründer von "Freiberg für  alle", Brunhild Twardowski von der MitlaufgelegenheitCharlotte Sattler

In Freiberg im Erzgebirge hat das Wort der Kirchen noch Gewicht. "Die Botschaft von Jesus Christus tut auch einer säkularisierten Gesellschaft gut, weil sie von Gnade und Hoffnung handelt", sagt Pfarrer Stahl. Hoffnung ist für ihn der Gedanke, dass Gott zum Ende hin alles gut macht, für alle, all unseren Fehlern zum Trotz. Und Gnade ist für den Pfarrer der Gedanke, den Wert von Menschen nicht immer nur an ihrer Leistungsfähigkeit zu messen. "In manchen Bereichen leben wir schon in einer gnadenlosen Gesellschaft", sagt Stahl, "aber Gnade kann man nicht so interpretieren, dass sie nur für bestimmte Menschen gilt. Sie ist einfach da."

Gnadenlose Gesellschaft? Die Worte passen zu Brunhild Twardowski, die Älteste bei der Mitlaufgelegenheit, Jahrgang 1947. Alle nennen sie Bruni. Das Leben hat ihr viel an Veränderungen zugemutet. Gelernt hat sie Säuglings- und Kinderkrankenschwester, aber als sie selbst Mutter wurde, war es schwierig mit dem Schichtdienst. Also wurde sie Industriekaufmann, "das hieß in der DDR wirklich so, auch für Frauen". Später studierte sie, wollte "Ökonom" werden, belegte Kurse zur sozialistischen Wirtschaft. Als die Mauer fiel, kam plötzlich das Fach Marketing hinzu. Bis 1995 arbeitete sie als Disponentin im Vertrieb, dann wurde sie arbeitslos. Sie pendelte 13 Jahre nach Dresden, arbeitete in der Pflege, bis zur Rente. Damals tat sie einen Schritt, über den sie lange gegrübelt hatte – sie trennte sich von ihrem Mann. Seitdem lebt sie allein. Auch mit Mitte 70 arbeitet sie noch in einer Pflegeeinrichtung in Freiberg, 40 Stunden im Monat, hilft bei der Essensausgabe, spielt mit den Bewohnern. Warum? "Weil es mir Spaß macht und weil es wirtschaftlich sein muss."

Im Spätsommer 2017 dachte sie: "Jetzt sitzt du hier auf dem Sofa, an die Türe klopft keiner, also musst du rausgehen." Auf einem Markt, auf dem sich Freiberger Vereine vorstellten, blieb sie bei der Mitlaufgelegenheit stehen. Heike, die Frau von Stefan Benkert, sprach sie an. "Wir sind ’ne tolle Truppe, komm doch mal mit!" Bruni ließ das Angebot sacken, über Wochen, kam dann eines Samstags mit Laufschuhen zum Treffpunkt, und Heike sagte fünf Worte, die das Gegenteil der gnadenlosen Gesellschaft sind: "Schön, dass du da bist!"

Seitdem läuft Bruni. 2018 schaffte sie ihren ersten Halbmarathon in Berlin, da war sie 71 Jahre alt, die Mitlaufgelegenheit war mit so vielen Leuten dort, dass sie einen Großraumwagen im Zug belegt hat. Es gibt einen Film, der unter den Läufern Furore gemacht hat, "Skid Row Marathon", das Porträt eines ungewöhnlichen Lauftreffs in Los Angeles. Bei der Mitlaufgelegenheit wollten sie einfach nur gemeinsam einen Sportfilm schauen, per Zufall fiel ihnen der Film über den Richter in die Hände, der in dem Problemviertel der kalifornischen Metropole, in dem es mehr Obdachlose gibt, als Freiberg Einwohner hat, einen Lauftreff gründet. Drogensüchtige laufen mit, verurteilte Mörder auf Bewährung, Serienkriminelle. Viele finden über den Sport zurück ins Leben, schaffen es, in Rom die Marathondistanz zu bewältigen. "Wie der Richter die Gruppe zusammengehalten hat, den Menschen die Chance gegeben hat, da hatten viele bei uns feuchte Augen. Laufen bewegt was!", sagt Bruni. Im Herbst soll ein Traum für Bruni in Erfüllung gehen, dann fliegt die Mitlaufgelegenheit nach Los Angeles. Einen Wettkampf, bei dem sie starten können, müssen sie noch suchen, aber der wird sich finden. Viel wichtiger: Bruni und die anderen werden mit dem Skid Row Running Club laufen und in der Obdachlosenunterkunft, der Los Angeles Mission, helfen. Außer Bruni wollen noch 40 Leute aus der Mitlaufgelegenheit mitfliegen.

"Laufen wollte ich nie, nie!" - Mohammad Fagiri

Bei Mohammad Fagiri kam vorm Laufen eine Google-­Suche. Er wollte Menschen in Freiberg kennenlernen. 2015 kam er nach Deutschland. Fagiri ist Afghane, wuchs aber bei seinem Großvater im Iran auf. Über Griechenland floh er nach Europa, in einem Boot, das zweieinhalb Stunden von der Türkei nach Lesbos brauchte, 500 Euro zahlte er einem Schlepper. Über Mazedonien, Kroatien und Slowenien kam er nach Deutschland, nach Passau, wurde per Bus nach Dresden geschickt. Dort lernte er eine Familie kennen, die sich um ihn kümmerte, Deutsch mit ihm lernte, ihm das Land zeigte. Und die wusste, dass es in Freiberg eine Erwachsenenschule gibt. Vor vier Jahren kam Mohammad Fagiri in die Stadt, im Sommer will er sein Abitur machen.

Aber laufen? "Laufen wollte ich nie, nie!" In seiner Kindheit und Jugend im Iran hat er nie Menschen laufen sehen, jedenfalls keine, die das als Sport ansahen. Aber er wollte in Kontakt kommen mit Freibergern. Nach dem ersten Mal konnte er eine Woche lang die Beine kaum bewegen, sagt er. Das mit dem Muskelkater muss bald besser geworden sein, den Halbmarathon in Berlin schaffte er in deutlich unter zwei Stunden. Es gibt ein Foto, das ihn kurz vor dem Start zeigt, neben Bruni, beide mit einem Blick, der sagt: Was kommt nun auf uns zu? Seitdem war er noch im Spreewald am Start, in Lübeck auch, Landeskunde. Es gibt Läufer bei der Mitlaufgelegenheit, die staunen, dass Mohammad ihnen inzwischen berichten kann, was er über Otto von Bismarck in der Schule gelernt hat.

Hat er je Rassismus erfahren, Ausgrenzung? "Nein, nie", antwortet er. Er hofft, dass er sein Abitur schafft, und kann sich vorstellen, in der Stadt zu bleiben, um zu studieren. Informatik vielleicht. "Es ist schwierig, wenn man weggeht, und die Mitlaufgelegenheit ist wie eine Familie."

Im Dezember können Bruni und Mohammad nicht gemeinsam laufen. Die Mitlaufgelegenheit muss die Treffen ruhen lassen – Corona. Bruni wäre ohnehin zu müde, im Pflegeheim fehlt Personal, manche sind krank, andere in Quarantäne. Sie arbeitet acht Stunden am Tag, legt auf den Fluren fünf bis sechs Kilometer zurück.

 Abklatschen nach dem Training: Stefan Benkert von der MitlaufgelegenheitCharlotte Sattler

Die Pandemie erschwert auch die Arbeit von "Freiberg für alle". Die Gruppe setzt auf Gespräche und Veranstaltungen, aber das ist im Winter kaum möglich. Wichtig ist das Magazin "#gesichtzeigen", drei Ausgaben gibt es schon, in jeder erklären Menschen, warum sie sich für Demokratie und Toleranz einsetzen. Für sein Engagement ist das Netzwerk inzwischen vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet worden, Preisgeld: 5000 Euro. Wer sich für das Netzwerk engagiert, freut sich über die Anerkennung von außen. Ein anderer Wunsch bleibt lange unerfüllt: Dass sich auch Oberbürgermeister Sven Krüger klar zu "Freiberg für alle" bekennt.

Tags nach dem Besuch der russischen Delegation im Juli, die Corona-Inzidenz in der Stadt geht gegen null, sitzt Sven Krüger in seinem Büro und sagt: "Die Kunst der Kommunalpolitik besteht darin, alle Bereiche der Gesellschaft zu respektieren. Ich spreche mit allen, werde mich aber von keiner Initiative vereinnahmen lassen."

Sven Krüger war SPD-Mitglied, trat aber während der Flüchtlingskrise 2015 aus. Seitdem ist er parteilos. Schlagzeilen machte er, als er dem Bundeskanzleramt eine Rechnung schickte, mit Kosten für die Integration von Geflüchteten. Welche Rolle haben die Worte "für alle" für sein Amtsverständnis? "Es gibt Freiberger, die sich nicht von dem Netzwerk angesprochen fühlen, auch die Corona-­Demonstranten, die eher auf Konfrontation sind – aber sie sind Teil unserer Gesellschaft. Auch für sie muss ich Ansprechpartner bleiben." Und was sagt er zur Kritik, dass die Spaziergänge nicht als Demonstrationen genehmigt sind, aber sogar der Baubürgermeister von der CDU mitgeht? "Er hat zum Ausdruck gebracht, dass er privat teilnimmt. Das ist vom Grundgesetz gedeckt. Ich muss nicht alles gut finden, was in unserer Stadt passiert. Demokratische Meinungsäußerung ist ein hohes Gut."

Im Juli spricht Krüger davon, dass Menschen zu schnell in Schubladen gesteckt würden. Als Beispiel dient ihm ein Erlebnis während der Flüchtlingskrise. Damals stand ein Zelt, in dem Geflüchtete untergebracht waren, in einem Wohnviertel. Anwohner beschwerten sich über Lärm und Abgase eines Notstromaggregats, für das man einfach einen besseren Platz habe suchen müssen. "Aber da fiel schnell der Satz: ‚Die, die sich beschweren, sind Nazis!‘", sagt der Oberbürgermeister. "So ist das auch bei Corona: Nicht jeder, der die Maßnahmen kritisiert, ist ein ­Corona-­Leugner."

Nils Husmann

Das Tempo der Läuferinnen und Läufer der Mitlaufgelegenheit ­konnte Nils Husmann gut durchhalten, aber als die Gruppe ­unterwegs Pause machte und das Steigerlied ­anstimmte, musste er passen.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Charlotte Sattler

Charlotte ­Sattler, Foto­grafin, ist gern in Bewegung und war heilfroh, in Freiberg ihr Klapprad dabei­zuhaben, damit sie schneller als die Läuferinnen und Läufer sein konnte.
Privat

Im Winter ist Sachsen Corona-Hochburg, Kranke müssen ausgeflogen werden. Es gelten Kontaktbeschränkungen, im Landkreis Mittelsachsen steigt die Inzidenz auf mehr als 2000 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner in sieben Tagen. Aber die Protestspaziergänge in Freiberg finden weiterhin statt. Auch die rechtsextreme Vereinigung "Freie Sachsen" ruft dazu auf. Ende November schreibt der Oberbürgermeister auf seiner Facebook-Seite: "Bitte beteiligen Sie sich nicht an nicht genehmigten Demonstration, die die aktuelle Situation weiter verhärten. Für mich ist eine Grenze überschritten, wenn mit Aktionen nur noch Konflikte angeheizt werden." Sven Krüger lädt zum Livechat ein. Ein Bürger fragt: "Warum sind Sie auf einmal gegen die Montagsspaziergänge, obwohl friedlich?" Krüger antwortet: "Ich bin ein großer Verfechter der Meinungsfreiheit. Ich sehe es aber sehr kritisch, wenn der Montagsspaziergänger von den ,Freien Sachsen‘ und anderen vereinnahmt wird." Er will zu Gesprächen mit den Protestierenden einladen, sobald es wieder möglich ist. Jemand fragt, wie die Lage im Freiberger Krankenhaus ist. Krüger beruft sich auf Gespräche mit dem Geschäftsführer der Klinik, die Lage sei angespannt, auf der Intensivstation seien 90 Prozent der Erkrankten nicht geimpft.

Auch seine Kritiker gestehen Sven Krüger zu, beliebt zu sein. Sie werfen dem Oberbürgermeis­ter aber auch vor, die "Querdenker" nicht verschrecken zu wollen. Im November wirkt der Oberbürgermeister auf seinem Facebook-Kanal wie ein Mann, der die bösen Geister vielleicht nie absichtlich gerufen hat – der es aber lange verpasst hat, ihnen klar zu sagen, dass in Freiberg kein Platz für sie ist. Am Vorabend des Nikolaustages veröffentlicht "Freiberg für alle" einen offenen Brief, den in einer Woche fast 4000 Menschen unterzeichnen. Darin stehen die Sätze: "Wir fordern die Spaziergänger auf, dieses weitere Befeuern der Pandemie zu unterlassen. Von der Politik erwarten wir, diese illegalen Demonstrationen nicht länger zu dulden." Und: "Lasst Freiberg nicht zum Abenteuerspielplatz der Rechtsextremen und Corona-Leugner werden! Wir akzeptieren nicht, dass das Image Freibergs in Mitleidenschaft gezogen wird." Nur Tage später schreibt der Oberbürgermeister auf der Internetseite der Stadt, er teile das Anliegen des offenen Briefes. "Und ich teile seinen Appell an alle Freiberger: Beteiligen Sie sich nicht an den illegalen Protesten!" 

Was also könnte in einem Brief stehen, den jemand im Freiberg von heute versteckt? Vielleicht ja: Im Großen und Ganzen alles große Scheiße! Ständig gibt es Streit. Manche gehen spazieren. Wieder andere laufen – und wer läuft, hat die größere Ausdauer.

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