Arnd Brummer zweifelt an Vorhersagen

Prognosen sind Toto
In allen Fernsehprogrammen wird man mit Vorhersagen überschüttet.

Jonas musste am Wahlsonntag mehrfach geweckt werden, ehe er sein Versprechen einlöste, mit Opa und seinen Eltern zum Wahllokal zu trotten und dort seine Kreuzchen auf dem Stimmzettel zu machen.

Im Juli hatte Jonas seinen 20. Geburtstag gefeiert. Und als Mama zum Auftakt der Party ihre Geburtstagsrede hielt, kam sie nicht drum herum, mit feuchten Augen festzustellen: "Liebster Sohn, du bist ja schon seit zwei Jahren volljährig. Aber am 26. September wirst du nun zum aktiven Staatsbürger, wenn du bei den Bundestagswahlen erstmals dein Stimmrecht ausübst." Jonas nickte und grinste. Und der Beifall aller Gäste erreichte höchste Lautstärke.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

"Weißt du schon, wen du ­wählen wirst?", fragte Tante Inge. Jonas ­zuckte mit den Schultern und ließ ­seine Patin nach einer kleinen ­Pause wissen: "Zurzeit würde ich die ­Grünen bevorzugen. Aber es sind ja noch ein paar Wochen bis zur Abstimmung. Und Prognosen interessieren mich eigentlich nicht."

Am Wahlsonntag traf ich Jonas und seine Familie auf dem Weg zur Stimmabgabe. Der Jungwähler erzählte, dass er erst beim Betrachten des Stimmzettels entscheiden ­werde, wo er sein Kreuzchen mache. An ­diese Information musste ich ­denken, als ich am Spätnachmittag durch ­alle TV-Kanäle klickte. Und am Ende des Wahltages wurde mir bei fast ­allen Kommentaren der ­sogenannten Wahlforscher klar, dass man die ­meis­ten ihrer Voraussagen unter die Rubrik "Toto" einordnen sollte.

In nahezu allen Fernsehprogrammen spielen Prognosen eine maßgebliche Rolle. Sie signalisieren ihrem Publikum: "Wir wissen alles, was geschehen wird!" In Fällen wissenschaftlich begründeter Informationen wie bei den Wettervorhersagen bleibe ich im Publikum. Wenn eine Stunde vor Beginn einer Liveübertragung aus der Welt des Sports prognostiziert wird, wie ein Autorennen, ein Fußballspiel oder ein Tennisduell ausgehen wird, drücke ich den Exitknopf.

Schön ist es, wenn es anders kommt!

Ehemalige Profis der jeweiligen Sportart labern dann nämlich ­"live" ihre Analysen ins TV-Publikum: "Schauen wir mal in die Mannschaftsaufstellungen. Der SV XY hat gerade auf dem rechten Flügel die klar ­bessere Struktur als der Gegner FC OQ in seiner linken Abwehr!" Und trotzdem gewinnt OQ. Was den ­Prognostiker zum Schlusskommentar motiviert: "Der XY-Trainer hat meine Analyse wahrgenommen und in der Kabine sofort reagiert!"

Bei Wahlen, im Sport wie in Kunst und Kultur ist es ein Element des ­Erfolgs, wenn das Publikum mit Abläufen und Ergebnissen überrascht wird. Schön ist es, wenn es anders kommt! Denn dies schafft ­Grundlagen für Austausch und Debatten unter Freundinnen wie Kollegen: "Kannst du mir sagen, warum im Wahlkreis 000 die SPD ein so miserables Resultat aushalten muss? Und warum die Union im ganzen Bundesland unter 20 Prozent blieb? Dass dort die Grünen so viele Direktmandate und die FDP Zweitstimmen einsammelten, ging aus keiner Prognose hervor." Schön!

Also: Vorhersagen haben in der Gemeinschaft den größten Wert, wenn sie keine prophetische Kraft ausstrahlen, sondern wie alles Menschliche vor­läufig und ungefähr sind.

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Lesermeinungen

Aufzählung nach Wertigkeit: Vorhersagen auf der Basis von Physik, Mathematik, Erfahrung oder Meinung? Allein schon der Begriff ist widersprüchlich. Vorherdenken ist rein hypothetisch. Vorhersehen ist zwar konkreter aber auch noch unverbindlich. Vorhersagen hat Wahrheitscharakter und man legt man sich fest. Es sind diese Unterschiede, die immer wieder zu Irritationen führen. Es fehlt die nachprüfbare Behauptung als Basis einer Vorhersage.

"Es war seit jeher den Epigonen vorbehalten, befruchtende Hypothesen des Meisters in starres Dogma zu verwandeln und satte Beruhigung zu finden, wo ein bahnbrechender Geist schöpferische Zweifel empfand." (Rosa Luxemburg)

Schöpferische Zweifel / Vernunftbegabung - Also den ebenbildlichen Verstand des Geistes der Gott/Vernunft ist, damit Mensch/ALLE die "göttliche Sicherung" der Vorsehung gottgefällig/vernünftig/GEMEINSAM überwindet, dafür bedarf es allerdings einer fusionierenden Organisation (NICHT Regierung!) die nicht schon mit der Delegierung, des zu entwickelnden Verantwortungsbewusstseins, durch heuchlerisch-verlogene Kreuzchen auf dem Blankoscheck, in die "treuhänderische" Verwaltung konfusioniert-korrumpiert wird.

Der Freie Wille, den die Bibel meint, ist von und für ein Zusammenleben in Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden"!