Ausbildung im Inklusionshotel

"Boah, und jetzt bin ich angestellt!"
Anfänge - "Boah, und jetzt bin ich angestellt!"

Sebastian Arlt

Luisa, 20: "Ich gehe sehr gern auf die Gäste zu."

Sie hat es trotz Handicap auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft.

Luisa, 20:

Ich bin wahnsinnig stolz, dass ich das geschafft ­habe! Das schaffen nicht viele. Also, ich habe jetzt eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. Im In­klusionshotel "einsmehr" in Augsburg. Ich habe das Williams-Beuren-Syndrom, das ist ein Gendefekt, da fehlt was auf einem Chromosom. Das ist wie so ein kleiner schwarzer Fleck, der geht nicht weg, der bleibt für immer, das muss ich akzeptieren. Manchmal ist das schwieriger, manchmal leichter.

Wenn ich was gesagt kriege und es doch noch nicht verstanden habe, auch so einfache Sachen, zum Beispiel wie viel Pulver ich fürs Kaffeekochen für meine Mama und mich nehmen muss, dann liegt das daran. Und oft vergesse ich Dinge nach ganz kurzer Zeit, vor allem wenn ich zwei, drei unterschiedliche Aufträge erledigen soll. Dann brauche ich einfach eine kleine Pause zum Ausruhen.

Das ist ein kleines Handicap, ich will jetzt kein so ein Riesending draus machen, weil sonst denken die Leute, dass es total schrecklich ist, was ich habe. Sie denken ja auch, dass behinderte Leute nicht so viel können und in der Werkstätte jeden Tag irgendwelche Sachen sortieren und immer das Gleiche machen. Kurz und knackig: Das ist ein schrecklicher Gedanke für mich, so will ich doch nicht arbeiten.

Ich hab die Leute beeindruckt

Ich war total aufgeregt, als ich zum Vorstellungsgespräch ging. Ich musste über mich selber erzählen, nicht nur, was ich mir beruflich vorstelle, auch was ich noch sehr gern mache. In meiner Freizeit lese ich zum Beispiel Fantasybücher. Und ich singe im Kirchenchor, zum Beispiel "Der Messias" von Händel – ich liebe diese Musik! Dann wurden zwölf Leute ausgesucht, auch ich. Ich hab also dadurch, wie ich mich präsentiert hab, die Leute beeindruckt. Ich hab mich riesig gefreut.

Die Ausbildung hat dann, glaube ich, drei Monate ge­dauert, da habe ich Housekeeping, Küche und Service gelernt. Eine Sozialpädagogin hat sich sehr um uns mit Beeinträchtigung gekümmert. Am Anfang zweifelte ich schon ein bisschen, ob ich das alles schaffe. Aber meine ­Familie hat mir sehr dabei geholfen. Meine Großeltern ­haben immer zu mir gesagt: Du schaffst das schon, gib nicht auf.

Meine Mama hat mir schon immer so viel beigebracht. Wir haben auch täglich eine Mutter-­Tochter-Quatschstunde, ich kann alles mit ihr teilen. Wir sind ganz nah, auch wenn es mir mal dreckig geht. Boah, und jetzt bin ich angestellt in dem Inklusionshotel in ­Augsburg! Und die Probezeit habe ich auch bestanden. Ich hab so viel gelernt, ich strotze nur so vor Selbstbewusstsein.

Ich gehe sehr gern auf die Gäste zu

Am liebsten bin ich im Service, ich gehe sehr gern auf die Gäste zu und bediene sie am Tisch, beim Frühstück vor allem. In der Lounge war ich erst einmal. Ja, das ist eine meiner größten Stärken, dieses Offene. Das braucht man auch, ohne funktioniert es nicht im Service. Die Gäste sind sehr nett zu mir, ich habe schon ein paarmal Lobe gekriegt, dass ich sehr gut bediene und sehr freundlich bin. Irgendwie sind alle zu mir nett, das finde ich auch wichtig, um wirklich gut arbeiten zu können.

Mir macht das Arbeiten viel Spaß. Auch wenn du auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht so viele Pausen hast, eine halbe Stunde, das war’s. Ich komme gut damit klar, muss aber dazu sagen, dass ich derzeit halbtags arbeite. Ich kann ganz normal stehen und ganz normal laufen, wie ein normales Mädchen, aber ich hab gemerkt, dass es schwierig ist mit der Konzentration. Im Hotel sehen sie mein Potenzial, aber sie sehen auch, dass ich schnell müde werde. ­ Da war ich froh, dass sie mir Teilzeit angeboten haben.

Ich bin auch jemand, der Emotionen sehr schlecht wegstecken kann, ob ich fröhlich bin oder traurig oder eben erschöpft. Traurig macht mich, wenn ich gerade selbst nicht so gut funktioniere. Sehr traurig ist auch, was so läuft mit Corona und den Menschen, die behaupten, dass das alles nicht stimmt. Und manchmal bin ich schon ein wenig eifersüchtig auf meine kleinen Schwestern, die ­ haben es leichter als ich.

Aber ich würde mich schon als sehr lustig und verrückt und mutig und zielstrebend beschreiben. Auch wenn’s mal schwierig ist, ich habe immer wieder sehr schöne Zeiten, wo ich gar nicht merke, dass ich eine Beeinträchtigung habe. Mein Leben ist wild und bunt, ja! Ich lache viel und gern. Ohne Glücklichsein funktioniert das Leben ganz schlecht.

Protokoll: Beate Blaha

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