Nahostkonflikt: Antisemitismus bekämpfen

"Es ist eine lebenslange Aufgabe"
Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Stelenfeld diskutiert eine Schulklasse.

Paul Langrock/Zenit/laif

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, im Stelenfeld diskutiert eine Schulklasse.

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Engl. Foundation Memorial to the Murdered Jews of Europe. Cenotaph, memory, National Socialism, conciliation, reconciliation. Berlin Mitte. 28.September 2017

Der Pädagoge Burak Yilmaz sensibilisiert muslimische Jugendliche in Deutschland für Antisemitismus und Rassismus. Hier erzählt er, was der Konflikt zwischen Palästinensern und Israel mit ihnen macht.

chrismon: Normalerweise würde jetzt Ihr Projekt "Junge Muslime in Auschwitz" laufen.  Auf Ihrem Programm stünden Gesprächsrunden, Austausch mit Juden, Theater. Was davon ist Corona-bedingt momentan möglich?

Burak Yilmaz: Es kann nicht in gewohnter Form stattfinden, weil alle Gedenkstätten geschlossen sind. Wir veranstalten digitale Workshops zu Rassismus und Antisemitismus. Da zeige ich zum Beispiel kurze Reportagen, leite Diskussionen oder wir gehen Biografien von jüdischen Duisburgern in Powerpoints durch. Klappt besser als befürchtet. Aber damit können wir nicht das abdecken, was wir sonst machen. Wir sprechen normalerweise über die eigenen Lebensgeschichten. Dafür bräuchte es die intimere Atmosphäre der Gesprächskreise. Die ist im Digitalen schwierig.

Wie kommen Sie an die Jugendlichen heran?

Vor allem über Instagram. Wir machen viele Livestreams über die aktuellen politischen Themen. Die kommen gut an.

Burak Yilmaz

Burak Yilmaz ist selbstständiger Pädagoge in Duisburg und leitet das Projekt "Junge Muslime in Auschwitz" in Eigenregie. Er hat Germanistik und Anglistik studiert und hält Vorträge zum Thema Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Für sein Engagement erhielt er 2018 das Bundesverdienstkreuz.
Pascal BrunsBurak Yilmaz

Sabine Oberpriller

Sabine Oberpriller ist freie Autorin bei chrismon. Sie studierte Deutsch-Italienische Studien in Regensburg und Triest und absolvierte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Sie interessiert sich besonders für den Austausch zwischen Kulturen, Fragen der Gleichberechtigung in der Gesellschaft – und für Menschen in besonderen Situationen.
Lena UphoffPortrait Sabine Oberpriller, chrismon Redaktion, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Wie wirken sich der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern und die antisemitischen Proteste in Deutschland auf "Ihre" Jugendlichen aus?

Einige haben Familie in Israel und den palästinensischen Gebieten und leiden unter dem Konflikt. Sie sind sehr emotional. In den sozialen Medien wurde viel Stimmung gemacht, viel schwarz-weiß gezeichnet. Auch von Lehrkräften habe ich zum Teil unmögliche Dinge gelesen, die rassistische und antisemitische Ressentiments geschürt haben. Letzte Woche hatte ich dagegen den Fall, dass ein muslimischer Junge von seinem Lehrer aufgefordert wurde, sich von der Hamas und vom Terror zu distanzieren, obwohl er sich dazu gar nicht geäußert hatte. Viel wichtiger wäre, zur Ruhe aufzurufen. Als Lehrer trägt man Verantwortung. Man muss vermitteln, dass es komplex ist.

Was bewegt die Schüler?

Sie hoffen, dass der Konflikt endet, dass Ruhe einkehrt. Allerdings kocht der israelisch-palästinensische Konflikt - auch Antisemitismus - in islamistischen oder türkisch-nationalistischen Familien momentan sehr hoch, weil da gerade ein Feindbild beschworen wird. Jetzt wäre intensive Betreuung wichtig. Leider kann man außer vielen Telefonaten nicht viel tun.

Woher kommt der Antisemitismus in diesen Familien?

Im Islamismus sind Rassismus und Antisemitismus Kernelemente und in solchen Familien ist Judenhass Teil der Erziehung. Wenn Eltern sauer auf ihre Kinder sind, dann beschimpfen sie sie als Juden. Kinder lernen in diesen Familien früh, dass das Wort Jude äußerst negativ besetzt ist. Oft spielt Angstpädagogik eine Rolle: Dass Gott straft und für die Sünden die Hölle bereithält. Dazu kommt eine islamische Interpretation, dass die Juden teuflisch seien und immer wieder gegen Gott opponieren. In den letzten zwanzig Jahren wurde diese Auffassung leider durch türkisch-nationalistische Netzwerke in Deutschland verbreitet.

Was kann da getan werden?

In unseren Projekten können wir mit den Jugendlichen über diese Erziehung reden, die Gewalterfahrungen zur Sprache bringen und vermitteln, dass Gott im Islam auch eine andere, warme Seite hat. Dass Gott Vergebung, Leben und Freude bedeutet, nicht Angst und Hölle. Dass es legitim ist, mit Gott zu streiten. Für die Jugendlichen ist die Emanzipation vom patriarchalischen Gottesbild ein harter Prozess – aber sie begreifen, dass sie von ihrer Erziehung gesteuert sind, nicht von Gott.

Wie kann man vermeiden, dass sich Einzelne radikalisieren?

Indem wir in den Schulen viel Raum für politische und historische Bildung schaffen, mehr digitale Angebote machen und den Austausch in den sozialen Medien suchen, wo sich die Jugendlichen viel aufhalten. Es geht nicht darum, politische Statements abzugeben. Sondern darum, Räume zu schaffen, wo sie ihre Gefühle reflektieren können.

"Antisemitismus und Rassismus sollten als Kernthemen an die Schulen"

Werden Jugendliche in diesen Konflikt zwischen Palästina und Israel hineingedrängt?

Wenn man sie immer wieder zwingt, sich dazu zu positionieren, schafft man eher, dass sie sich an den Pranger gestellt fühlen und in eine Trotzhaltung gehen. Aktuell ist die Gefahr groß, dass man von "ihr Muslime" und "wir Deutschen" spricht und nicht begreift, dass diese Jugendlichen auch Teil der Gesellschaft sind. Natürlich gibt es in ihren Milieus Antisemitismus, das verharmlose ich nicht. Trotzdem gehören die Milieus zu unserer Gesellschaft und wir brauchen Maßnahmen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene.

Welche Maßnahmen schweben Ihnen vor?

Unbedingt Begegnungen. So kann man Menschen kennenlernen, die man vorher vielleicht nur als Feinde kannte. Es zeigt sich, welch wichtige Rolle der Nahostkonflikt auch in unserer Gesellschaft spielt. Antisemitismus und Rassismus sollten als Kernthemen an die Schulen. Im Geschichtsunterricht müsste man intensiver über den Nahostkonflikt sprechen, die vielen Perspektiven und die Komplexität aufzeigen. Im Moment wissen an manchen Schulen die Lehrkräfte so wenig wie die Schülerschaft. Wenn ich kaum etwas weiß, habe ich auch keine Haltung. Entscheidend ist aber, dass wir Lehrkräfte grade bei dem Thema nicht nur Wissen, auch Haltung vermitteln. Dazu gehört, als Lehrer einzuschreiten, wenn jemand sich im Unterricht rassistisch oder antisemitisch äußert.

Wie sprechen Sie mit den Schülern und Schülerinnen?

In den Workshops ist wichtig, dass sie erst mal ihre Gefühle, ihre Wahrnehmung und Betroffenheit mitteilen können. Schon das ist eine Anerkennung, die auch merklich ankommt. Denn häufig werden sie eben nicht wahrgenommen und erleben selbst Rassismus. Danach geht es darum zu fragen: "Welche Verantwortung haben wir als Einzelne? Was können wir tun, damit sich die Gesellschaft nicht spaltet?" Da kommen spannende Diskussionen zustande. Wichtig ist, dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern weit weg ist und die Frage sein muss, was wir für unsere Gesellschaft hier wollen. Es kann nicht sein, dass jüdische Menschen in Deutschland deswegen angegriffen werden.

Sie haben bereits moniert, dass das Engagement von vielen Muslimen gegen Antisemitismus nicht wahrgenommen wird. Was hat sich seither getan?

Leider nicht viel. Viele Engagierte aus der muslimischen Community werden kaum unterstützt. Wir werden nur dann gesehen, wenn es brennt. Das regt mich auch jetzt auf. Man merkt, dass es kein Bewusstsein dafür gibt, wie Menschen sozialisiert wurden, welche Identitätskonflikte sie mit sich bringen. Man denkt, das Thema sei erledigt, wenn eine muslimische Organisation für zwei Tage einen Workshop hält. Aber es ist eine lebenslange, generationenübergreifende Aufgabe. Ich beobachte auch, dass der Antisemitismus, den es in der gesamten Gesellschaft gibt, gerade auf die Muslime abgeladen wird. Ich wünsche mir, dass wir ein Wirgefühl vermitteln. Als nicht jüdische Mehrheit müssen wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass Jüdinnen und Juden angstfrei in Deutschland leben können.

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