Interview: Die deutsche Exportstrategie in der Corona-Krise

"Wir schaden uns mit unserer Exportstrategie"
Die deutsche Exportstrategie in der Corona-Krise

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Nahaufnahme von der Verschiffung eines Containers (Mannheim, Baden-Württemberg)

Der Politikwissenschaftler Andreas Nölke erklärt, warum es uns und anderen schadet, "Exportweltmeister" zu sein - und wie wir die Corona-Krise mit unserer Wirtschaftspolitik verschärft haben.

Ihr Buch heißt "Exportismus – Die deutsche Droge". Wie sind wir süchtig nach Exporten geworden?

Andreas Nölke: Deutschland hat schon in der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stark auf Exporte gesetzt, das war das Fundament. Im Koreakrieg waren besonders die USA sehr interessiert an deutschen Gütern. Bis Anfang der siebziger Jahre lag die Exportquote, also der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt, bei 15 Prozent, nun sind wir aber bei 45 Prozent, weil Deutschland in Wirtschaftskrisen, wenn die Arbeitslosigkeit zunahm, immer auf mehr Exporte setzte.

Heute ist Deutschland ein reiches Land. Was ist schlecht daran, eine Exportnation zu sein? 

Die Strategie hat zwei Nachteile: Unser Exportmodell schadet anderen Ökonomien. Heute produzieren wir in Deutschland viele Dinge, die früher in anderen Ländern entstanden sind. Das hat dort Arbeitsplätze gekostet. Deshalb monieren Donald Trump und Joe Biden gleichermaßen die deutschen Exportüberschüsse, obwohl sie sonst vieles trennt. Außerdem schaden wir uns selbst mit unserer Strategie.

Andreas Nölke

Andreas Nölke ist Professor für Politikwissenschaft, insbesondere Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie, am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sein neuestes Buch heißt "Exportismus - Die deutsche Droge", 176 Seiten, Westend, 22 Euro
PrivatAndreas Nölke

Warum?

Weil wir uns stark davon abhängig machen, was in anderen Ländern passiert. Wenn der Konflikt zwischen den USA und China eskaliert, wird das für Deutschland nicht gut sein. Hinzu kommt: Wenn wir uns auf Hochtechnologie-Produkte konzentrieren würden wie zum Beispiel Maschinenbauanlagen, wäre das kein Problem. Aber Deutschland exportiert zunehmend Güter, bei denen es vor allem um den Preis geht, etwa Fleisch. Um bei diesen Produkten auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein, müssen die Löhne und die Lohnnebenkosten niedrig sein. Viele Menschen in Deutschland leiden unter dieser Entwicklung.

Aber wer für den Export arbeitet, verdient doch gut!

Manche ja, aber längst nicht alle. Und im Export arbeiten 25 Prozent der Beschäftigten, der Rest nicht. Und: Auch Beschäftigte im Exportsektor geben sich mit vergleichsweise geringen Lohnerhöhungen zufrieden, weil – zum Beispiel – die schlechte Bezahlung der Lieferando-Fahrer oder der Preiskampf der Supermärkte dazu führen, dass man in Deutschland auch mit relativ geringen Gehaltszuwächsen einen ordentlichen Lebensstandard hat. Das zweite Phänomen: Die deutsche Exportindustrie hat alle möglichen Beschäftigungsverhältnisse aus ihren Kernbereichen ausgelagert. Wer in diesen Bereichen arbeitet, hat seitdem eben nicht mehr profitiert von den immer noch ganz ordentlichen Tarifverträgen der Exportwirtschaft.

Zum Beispiel?

Sicherheitsdienste, Kantinenbeschäftigte, Reinigungsdienstleistungen - früher war all das noch Teil der Unternehmen, heute nicht mehr. 

"Wir brauchen Exporte - aber die richtigen"

Sie sagen, es gibt gute Exporte und schädliche Exporte – was heißt das?

Ich habe nichts gegen Hochtechnologie-Exporte wie etwa Windkrafträder – im Gegenteil, zu zukunftsträchtigen Branchen sollten wir gezielt forschen und Fachkräfte ausbilden. Wir brauchen Exporte, aber die richtigen. Es ist falsch, Menschen, die bei uns Tiere schlachten, aus ganz Europa nach Deutschland zu bringen, und das verarbeitete Fleisch danach in alle Welt zu exportieren. 

"Wir sind Exportweltmeister!" – Viele Menschen sind stolz auf diese Leistung …

Man könnte so etwas wie einen Nationalstolz ja auch darauf aufbauen, dass wir ein Vorbild für eine ausbalancierte Ökonomie sind, die anderen Luft zum Atmen lässt, die kooperativ ist – innerhalb von Europa und gegenüber den Entwicklungsländern. In Italien wird die Nebenwirkung unserer Exportsucht am deutlichsten. Italien hat viele Industrien verloren – und in der Corona-Krise besonders gelitten, wie viele andere südeuropäische Länder auch. 

 Andreas Nölke: "Exportismus - Die deutsche Droge", 176 Seiten, Westend, 22 EuroPR

Warum? 

Ein Zusammenhang ist wichtig: Exportorientierte Ökonomien haben ein Interesse daran, die Lohnnebenkosten niedrig zu halten, um auf den Exportmärkten gegenüber der Konkurrenz im Ausland im Vorteil zu sein. Und ein wichtiger Faktor, der die Höhe der Lohnnebenkosten bestimmt, sind die Beiträge zur Sozialversicherung. Auch in Deutschland sehen wir in der Corona-Krise, wie schlecht bezahlt Pflegekräfte sind. Das ist einer der Gründe, warum wir Schwierigkeiten haben, Menschen für diese Berufe zu gewinnen. Noch viel schlimmer ist aber, dass wir in der Euro-Krise den Nachbarn unser Modell aufgedrängt haben. Länder wie Spanien legten früher viel stärker als wir Wert auf die Binnennachfrage. Denen hat die Europäische Union unter deutscher Führung gesagt: Ihr müsst Exportüberschüsse erzielen wie Deutschland. Das hat auch funktioniert. Aber die Frage ist: Wie haben die das geschafft?

Und?

Durch massive Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor, und die haben besonders den Gesundheitssektor betroffen. Wir können unsere Hände nicht in Unschuld waschen, wenn in Ländern wie Italien und Spanien mehr Menschen an Corona gestorben sind, denn es war maßgeblich Deutschland, das diesen Staaten die Sparpolitik aufgedrängt hat – übrigens bis heute.

Wie kommen wir weg von unserer Exportsucht?

Indem wir den Mindestlohn in Deutschland deutlich erhöhen, die Binnennachfrage stärken und uns von der Schuldenbremse verabschieden. Die Chancen stehen gut. Auch große Teile der deutschen Industrie haben begriffen, dass wir an der Infrastruktur in Deutschland gespart haben. Durch Corona ist allen klar geworden, wie schlecht ausgestattet manche Behörden sind, etwa die Gesundheitsämter. Oder wie weit wir zurückhängen bei der Digitalisierung. Es gibt breite Mehrheiten für Investitionen in den Klimaschutz. Allen ist klar geworden, wie ungerecht die Bezahlung in Pflege- und Gesundheitsberufen ist. Es gibt also viele Ansatzpunkte zu sagen: Wir müssen Geld in die Hand nehmen und dürfen uns nicht mehr nur darauf konzentrieren, auf dem Exportsektor wettbewerbsfähig zu sein.

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Andreas Nölke: "Exportismus - Die deutsche Droge", 176 Seiten, Westend, 22 Euro

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