Pfarrerin Stefanie Schardien über Familienzwist

Der komplizierte Neffe
Andererseits - Der komplizierte Neffees

Kati Szilagyi

"Keiner mag mich, wie ich bin", sagt der Neffe.

Andererseits - Der komplizierte Neffees

Stefanie Schardien, Pfarrerin in Fürth und "Wort zum Sonntag"-Sprecherin, beantwortet für chrismon jeden Monat kniffelige Lebensfragen.

Monika S. aus Bielefeld fragt:

"Mein Neffe fühlt sich in unserer Großfamilie nicht wohl. Zuletzt ­ sah ich ihn Weihnachten, da sagte er mir: ,Keiner von euch mag mich, wie ich bin.‘ Tatsächlich finden viele den 18-Jährigen kompliziert, aber alle lieben ihn, und Familie ist ja gerade deswegen so schön, weil es da die unterschiedlichsten Charaktere gibt. Was stört mich bloß an diesem Satz?"

Stefanie Schardien antwortet:

Die Chancen, sich als endpubertierender junger Mann in einem familiären weihnachtlichen Setting wohlzufühlen, sind mög­licherweise einfach nicht die ­bes­ten. Ziehen wir diese für sich mittelprächtigen Rahmenbe­dingungen ab, bleibt trotzdem ein Rest Ihres Unbehagens. Mit großen Worten gesprochen: Es geht um die Wahrheit. Ist die Aussage Ihres Neffen unwahr, stört es Sie, weil sie Ihrer Familie schlicht Unrecht tut. Ist der Satz wahr, dann kratzt er an ­Ihrem familiären Selbstbild.

Stefanie Schardien

Stefanie Schardien, geboren 1976, ist Pfarrerin in Fürth und "Wort zum Sonntag"-Sprecherin.
ARD/BR/Markus KonvalinStefanie Schardien

Da die Sache mit der Wahrheit jedoch stets kompliziert ist, liegt dieselbe vermutlich irgendwo in der Mitte: Es stimmt, dass Sie Ihren Neffen gernhaben. Doch es stimmt zugleich auch, dass er mehr vom – zumindest implizit wahrnehmbaren – Stirnrunzeln über seine komplizierten Seiten als von der Liebe spürt. Dass er Ihnen das anvertraut, verstehe ich als Kommunikationsangebot über diese aufeinanderprallenden Wahrheiten. Seien Sie ebenso offen zu ihm und möglichst konkret: In welchen Situationen fällt es Ihnen schwer, mit ihm umzugehen, und was mögen Sie an ihm? Vielleicht bringt er auch konkreter als "keiner liebt mich" auf den Punkt, welche ­Situationen ihn nerven oder was er an der Familie noch so sehr mag, dass er – auch mit 18 und an Ostern – noch lieber mit ihr als ohne sie sein möchte.

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Lesermeinungen

" Tatsächlich finden viele den 18-Jährigen kompliziert, aber alle lieben ihn."
Ich finde, dass es genau diese Ausdrucksweise ist, die eine realistische Auseinanderesetzung verhindert. Und die Sache eben an sich erst so " kompliziert " macht.
Mit Ehrlichkeit kommt man weiter. Lieber einen Streit riskieren, als diese heuchlerische Positivdenke, die einfach nur kränkend ist. Natürlich ist Fingerspitzengefühl dabei wichtig, aber noch wichtiger ist die Bereitschaft, offen und ehrlich miteinander zu reden. Auch sollte man den dumpfen Glauben fahren lassen, die eigene Sichtweise sei die allein richtige.
Natürlich gehört man zur Familie, und genau das ist der Hintergrund, der den Streit rechtfertigen sollte.