Wohnglück Folge 2: In Krefeld organisiert die Samtweberei die Nachbarschaft in der Südstadt

Fürs ganze Viertel
Wohnglück - Folge 2

Julia Pfaller

Wohnglück - Folge 2

Die Mieter der Krefelder Samtweberei wohnen schön – und ­engagieren sich in der Nachbarschaft: mit Hilfe beim Homeschooling, als Lesepaten oder Gärtner. So wie Frau Wunderlich.

Gudrun Wunderlich, Jahrgang 1951, war Waldorfschullehrerin in Hannover. 2017 zog sie mit ihrem neun Jahre älteren Mann, Christian in die Samtweberei, ein umgebautes Fabrikgelände mit Wohnungen und Büros in der Krefelder Südstadt. Sie engagiert sich in der Nachbarschaft und im Viertel.

chrismon: Frau Wunderlich, waren Sie heute schon draußen bei Ihren Pflanzen?

Gudrun Wunderlich: Das mach ich nachher, es gehört zu meinen Aufgaben hier in der Samtweberei.

Sie haben Aufgaben?

Alle, die hier wohnen oder arbeiten, sollen was für die Nachbarschaft tun. Die Gewerbemieter vorne im Pionierhaus haben das in ihrem Mietvertrag unterschrieben – pro Quadratmeter leisten sie mindestens eine Stunde Ehrenamtsarbeit pro Jahr, im Gegenzug zahlen sie teilweise nur 4 Euro pro Quadratmeter. ­ Das ist gut für junge Start-ups.

Und Sie als Wohnungsmieterin machen da freiwillig mit?

Dafür sind wir aus Hannover hergezogen. Unsere ­Tochter, die schon in Krefeld lebte, hatte von dem Projekt gehört. Ich fand das eine gute Idee, als Rentnerpaar mitten in die Stadt zu ziehen, trotzdem nicht allein und isoliert. Außerdem wollten wir beide aktiv ­bleiben: Mein Mann war in der Landwirtschaft tätig und ­kümmert sich heute hier um den Gemeinschaftsgarten. Ich selbst war Lehrerin an einer Waldorfschule, und wenn Corona vorbei ist, werde ich meine Lesepatenschaft im Kindergarten nebenan wieder aufnehmen.

Sind Sie zum Kindergarten gegangen und haben ­gefragt: Braucht ihr mich?

Nein, das ist ja das Besondere hier: Ich hab die An­frage nach einer Lesepatenschaft vorletztes Jahr auf ­unserer "Viertelstundenbörse" gesehen. Da kommen ­Menschen aus der Nachbarschaft, aus der ­Schule, den Kitas oder anderen Einrichtungen und fragen nach Hilfe. Und wir aus der Samtweberei bieten im Gegenzug unsere Ideen an. Zusammen mit einer anderen Nachbarin organisiere ich zum Beispiel Sommercamps für Kinder. Es gibt eine Straßengärtnergruppe, die bepflanzt Baum­scheiben. Und in der Corona- und Homeschooling-Zeit haben wir die "Print-Kids" entwickelt: Kinder aus der Nachbarschaft, die keinen Drucker zu Hause haben und was für die Schule drucken müssen, kriegen hier technische und praktische Hilfe.

Wer finanziert das Projekt?

Es gibt die Montag-Stiftung in Bonn, die hat das Startkapital gegeben. Die Stadt Krefeld hat das Grundstück per Erbpacht zur Verfügung gestellt. Das war ja eine Ruine hier. Die Samtweberei soll ein Modellprojekt für andere in ganz Deutschland werden. Bei uns auf dem Gelände gibt es die "UNS", die Urbane Nachbarschaft Samtweberei, eine gemeinnützige GmbH. Die kümmert sich um die Vermietung der Wohnungen und Büros, die Webseite und alle ­Aktivitäten.

Wie viele Wohnungen und Büros gibt es?

Wir haben hier 37 Mietwohnungen und 28 Büros, verteilt auf drei Häuser, insgesamt gut 150 Menschen.

Dorothea Heintze

Autorin Dorothea Heintze hatte sich wochenlang auf die Recherche in Krefeld gefreut, denn sie hatte schon so viel Gutes von der Samtweberei gehört. Dann kam Corona, und statt Reise und Vor-Ort-Gesprächen gab es Interviews mit Zoom und Videos zur Einstimmung (s.unten die Links). Doch sobald das Reisen wieder geht, fährt sie hin.
Lena UphoffDorothea Heintze

Julia Pfaller

Beim Illustrieren des Samtweberei-Projekts in Krefeld ging es Julia Pfaller vor allem um die Lebendigkeit: Grillparty, Musiker auf dem Dach, die Fussballkids um die herzliche Protagonistin und auch die Fabrikhalle mit dem charakteristischen Sheddach waren wichtig. Am meisten angetan aber hatte es ihr der Bauwagen. Ein Kindheitstraum, der durfte in der Illustration nicht fehlen!
Moritz Kipphardt

Ihre Wohnung ist wirklich schön renoviert. Wie ­teuer ist sie?

Ja, in der Küche sieht man noch die alte Fabrikmauer! Das war mir erst fremd, aber wenn unsere Enkel uns besuchen, finden sie das cool. Für unsere 81,9 Quadratmeter zahlen wir 880 Euro inclusive. Dazu kommen die Freiflächen, die wir ja mitnutzen, der Gemeinschaftsgarten, der Innenhof, der Nachbarschaftsraum. Das ist schon ein Privileg, hier wohnen zu dürfen.

Haben Sie sich beworben und wurden gleich aufgenommen?

Es gab eine Kerngruppe, bei der haben wir uns beworben, gemeinsam haben wir dann die Projektideen entwickelt. Mein Mann Christian und ich sind ab 2015 in der Bauphase zwei Jahre lang regelmäßig hierher gefahren.

Wie ist die Gemeinschaft heute?

Natürlich lernt man die Leute erst wirklich kennen, wenn man zusammenlebt. Mir gefällt die bunte Mischung. Es gibt ­Senioren wie wir, junge Familien und ­Menschen mit Migrationsgeschichten. Wenn ­Wohnungen frei werden, entscheiden wir als Mieter mit bei der Neubelegung.

Und wirken Sie in das Viertel hinein?

Hier wohnen viele Menschen aus vielen Ländern mit oft schwierigen Biografien. Die zu erreichen ist nicht einfach. Und das geht auch nicht in wenigen Jahren. Aber dafür sind wir ja angetreten. Um das zu schaffen.

2018 wurde die Fabrikhalle der Samt­weberei wieder eröffnet. Als Freiraum für das Samtweberviertel. Wie ist das, wenn hier die Mädels zum Kicken oder die Jungs zum Hip-Hoppen kommen?

Die Shedhalle ist über 3000 Quadratmeter groß. Eine tolle Fläche. Hoffentlich können wir dort bald ­wieder Feste feiern. Aber ich sag auch ehrlich: Wenn da die Jugendgang rumtobt, dann geht auch schon mal ein Feuer­löscher zu Bruch, und das ist ärgerlich. Wir wissen noch nicht genau, wie wir damit umgehen. Kommt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung im Mieterplenum.

Mehr zur Samtweberei:

Auf der Webseite der Samtweberei finden sich viele Videos, ganz besonders entzückend ist dieses hier, über die Historie der Samtweberei und ein kleines geheimnisvolles Lebewesen: den Adulatorius Textor.

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