Warum schreibt man Literatur in Einfacher Sprache?

Leichte Wörter, kurze Sätze
Leichte Wörter, kurze Sätze

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Leichte Wörter, kurze Sätze

Und noch ein paar Dinge muss man beachten, wenn man in einfacher Sprache schreibt. Aber dann erreicht man so viele Menschen!

Es ist wichtig, dass wir einander verstehen. Dafür erzählen sich die Menschen seit jeher Geschichten. 
Und es ist wichtig, dass ganz viele verschiedene Menschen die Literatur unserer Zeit von Künstlern ­unserer Zeit lesen können. Dabei hilft eine einfache, eine leichtere Sprache. Denn einfache Sprache verstehen ganz viele. Schließlich konnten wir alle einmal einfache Sprache. Meistens haben wir in der Schule, an der Universität oder im Beruf verlernt, auch sie zu benutzen.

Alle haben ein Recht auf Kunst und Literatur. Da sind sich immer alle einig. Aber sechs Millionen Menschen beziehungsweise zwölf Prozent der volljährigen Deutschen können hierzulande nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben. Weiteren rund elf Millionen fällt es zu­mindest nicht leicht. Für all diese Menschen, rund 17 Millionen, gab es bislang kein einziges künstlerisch ­anspruchsvolles Angebot.

Hauke Hückstädt

Hauke Hückstädt leitet das Literaturhaus Frankfurt. ­Gerade erschien die von ihm heraus­gegebene Anthologie "LiES! Das Buch. ­Literatur in Einfacher Sprache" (Piper, 
18 Euro). Dieser Text ist seinem Nachwort entlehnt.
Foto: Willing-Holtz

In den letzten drei Jahren haben dreizehn Autorinnen und Autoren Geschichten in einfacher Sprache ge­schrieben. Das Literaturhaus Frankfurt am Main hat sie dazu eingeladen. Die dreizehn Autorinnen und Autoren haben sich auf ein Experiment eingelassen. Schreiben in einfacher Sprache ist Kunst, haben sie gesagt. Und sie ­haben sich Regeln gegeben, einfache Wörter benutzt, ­kurze Sätze gemacht und Zeitsprünge vermieden. Wie der Autor Arne Rautenberg einmal gesagt hat: "Alles ist ­gekürzt um Längen besser."

Die Autorinnen und Autoren finden: Leser-Gewinnung ist besser als Leser-Vertreibung. Das Klagelied der Buchbranche, dass weniger Menschen lesen und Bücher kaufen, zeigt nur eine große Gestaltungs-Müdigkeit. ­Jedenfalls solange diese Branche findet, dass rund 17 ­Millionen Menschen nicht wichtig sind. 17 Millionen, denen Lesen aus verschiedenen Gründen schwerfällt, die kaum Zugang zu Büchern haben oder die gerade Deutsch lernen. 17 Millionen, für die es bislang kaum Geschichten gab von lebenden Autorinnen und Autoren. "Die können ja Kinderbücher lesen. Es gibt tolle Kinderbücher" – das habe ich immer wieder gehört.

Der Aufzug hat die Treppe nicht verdrängt

Gute Kunst sieht oft leicht aus. Was schwer ist, muss nicht besser sein. Ist eine besonders steile, eine schwere Treppe gut? Rollstuhlrampe und Aufzug haben die ­Treppe nicht verdrängt. Gefragt nach der Zielgruppe, habe ich immer gesagt: Das Ziel ist, aus dem Zielgruppen-Denken herauszukommen. Keine Stoppschilder, keine harte Tür. Keine Exklusion. Aber auch keine Fühlgut-Literatur. Kein Buch aus dem Sanitätshausbedarf.

Alt oder jung, fit oder gebrechlich, blind oder taub, hochbegabt oder tiefbegabt, Vielleser oder Youtube-
Watcher, Feuilleton oder Twitter, Internat oder Palliativ­station, Feinkost oder Discounter. Die Zuschreibungen und ­Stempel verlieren an Macht.

Für alle, die Teilhabe schöner finden als Ausschluss-Kultur

Literatur in Einfacher Sprache ist für alle, die sich für Sprache und Experimente interessieren. Für alle, die im Hier und Jetzt leben und Literatur wichtig finden. Für alle, die zu uns kommen und die deutsche Sprache gerade lernen. Für alle, die Teilhabe schöner finden als Besitzstands-Wahrung und Ausschluss-Kultur. Für alle, die sich für die Möglichkeiten von Literatur interessieren. Für erwachsene Erstleser genauso wie für ent­deckungsfreudige Vielleser.

Ich persönlich habe mir in der Literatur so viele Kapitel 
erschlossen, habe so viele Formen und Gestalten ange­troffen, dass ich reich daran geworden bin. Meine Art Reichtum. Reichtum, den uns niemand nimmt. Und hier, mit diesen ersten dreizehn Autorinnen und Autoren kommt ein Kapitel dazu. Ein Kapitel, das offen ist. Offener 
als ­Bücher mit sieben Siegeln.

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Lesermeinungen

Willkommen im schönen neuen "Volksheim".
Sprache ist und bleibt Medium des Denkens und ist Voraussetzung für das Weltverständnis schlechthin. Wer die Verarmung und Trivialisierung seiner Sprache begrüßt,das heißt, wer sie, wie es hier geschieht, mutwillig zerstört, dessen geistiger Horizont muß zwangsläufig einschrumpfen.Das Spektrum seiner Gedanken wird schmäler, das vorher kritische Bewußtsein wird zur indoktrinierten Geisteshaltung, welche die Sprechinhalte der Haltungsmedien und der offiziösen "Sinnvermittler" in Literatur und Kirchen mit den eigenen Gedanken verwechselt. Orwell läßt grüßen !