Mail aus Beirut: Massenproteste

Wütend auf die Nutznießer
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"Revolution" steht auf dem Banner in Gestalt einer Faust

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Seit Oktober demonstrieren die Menschen im Libanon. Es tritt keine Ruhe ein

Seit Monaten protestieren die Libanesen: Studenten und Hausfrauen, Unternehmer und Arbeitslose, Schiiten, Sunniten und Christen – sie alle sind wütend auf ­die korrupte politische Elite und ­deren Nutznießer. In den vergangenen ­Jahren ging es im Libanon stetig bergab. Beirut und andere Städte er­stickten in Müll. Lange Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Gehälter werden gekürzt, aber die Lebenshaltungs­­­kos­ten steigen. Benzin ist knapp, Brot teuer. Immer mehr Menschen haben Probleme, ihre Familien zu ernähren und ihre Kinder in die Schule zu schicken. Gleichzeitig werden Politiker extrem gut bezahlt.

Christina Förch Saab

Christina Förch Saab ist Mitbegründerin von Fighters for Peace, einer libanesischen Organisation ehemaliger Kämpfer, Journalistin und Dokumentarfilmerin. Sie lebt seit dem Jahr 2000 in Beirut.
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Als am 13. Oktober in der Landesmitte die größten Waldbrände seit Jahrzehnten ausbrachen, setzte die Regierung die teuer eingekauften Löschhelikopter nicht ein, weil der Staat angeblich kein Geld zur Instandhaltung hatte. Die Empörung war ­riesengroß. Ein paar Tage später erfuhr die Öffentlichkeit von der geplanten "Whatsapp-Steuer": Umgerechnet 18 Cent pro Tag sollten die Libanesen für die Nutzung von Nachrichten-Apps bezahlen. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

Ämter sind an Religion gebunden

Ab dem 17. Oktober begannen Massendemon­strationen, die Leute diskutierten auf öffentlichen Plätzen über das politische System, forderten etwa, den Konfessionalismus abzuschaffen. Dieses System bindet Ämter an die Religionszugehörigkeit, so stellen ­immer Sunniten den Premierminister, Christen den Präsidenten und Schiiten den Parla­mentspräsidenten. Es zieht sich durch Ministerien, die Armee, staatliche Universitäten und teilweise sogar Privatfirmen und vertieft die Spaltung der Bevölkerung entlang ­religiöser Grenzen. Premier Saad Hariri trat Ende Oktober zurück, eine neue Regierung gibt es bislang nicht.

Politiker aus Restaurants verjagt

Das Land schlittert immer tiefer in die Krise. Die Banken zahlen kaum mehr Dollar aus, die libanesische Währung verliert an Wert. Inzwischen wurden Minister und Abgeordnete aus Restaurants verjagt. Die Leute sind wütend, dass sich die Politiker in der Öffentlichkeit vergnügen.

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