Innovatio-Preis für das Projekt "Lenkpause"

"Auf den Straßen der Welt verbirgt sich Gott"
Innovatio-Preis für "Lenkpause"

Jan Deicher (2), Fabian Biasio

Vor der Emmauskapelle begrüßen "Lenkpause"-Aktivisten erste Gäste

Innovatio-Preis für "Lenkpause"

Fernfahrer aus Rumänien, Polen, Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern leben mehrere Monate sehr 
einsam auf ihren Touren. Auch an Wochenenden auf Autobahnparkplätzen.

Es ist ein wahrhaft schöner Ort, an dem sich die Autobahnraststätte Hegau-West befindet. Wenn man von Stuttgart kommend auf der Autobahn (A81) gen Süden fährt, kann man hier am Rande der Stadt Engen, noch etwa 20 Kilometer vom Bodensee entfernt, gemütlich Rast machen. Soweit es das Wetter zulässt, hat man die Hegauberge vor Augen. Hohentwiel, Hohenkrähen, Hohenstoffeln und weitere Berge, vor vielen Millionen Jahren aus Vulkanen entstanden, umrahmen den westlichen Zipfel des Bodensees. Und direkt vor der Nase erhebt sich die schmucke ökumenische Autobahnkapelle Emmaus.

Wie fast alle Autobahnrastplätze prägt auch Hegau-West eine bunte Masse geparkter Lastwagen aus aller Herren Länder. Die Fernfahrer machen hier Station, wenn sie sich auf dem Weg in die Schweiz, nach Norditalien und in den Südosten Frankreichs befinden. Sie dürfen ihre mit teuren Waren bepackten Lkw größtenteils nicht mal zum Pinkeln verlassen. Sie "wohnen" oft ganze Wochenenden in ihren Fahrerkabinen, essen, trinken und schlafen dort. Für eine Gruppe von engagierten Menschen, unter ihnen katholische wie evangelische Christen, Gewerkschaftsleute und anderweitig sozial Engagierte, war dies der Anlass, auf die Fernfahrer zuzugehen. Sie wollten den Lkw-Fahrern eine angenehmere Lenkpause ermöglichen, mit ihnen ins Gespräch kommen und ihnen ein kleines Vesper anbieten.

Die Initiative besuchte die ­Trucker in ihren Autos

Initiiert vom katholischen Dekan Matthias 
Zimmermann und Gianfranco Rizzuti, dem Referenten für Arbeitnehmerseelsorge des ­Erzbistums Freiburg, machte sich die AG ­
"Lenkpause" im Frühjahr 2018 erstmals auf den Weg. Zunächst lud sie die Nomaden der Neuzeit an einen Imbissstand vor der Autobahnkapelle ein. Aber nur wenige der Ge­ladenen fanden sich dort ein, um gemütlich ein Käsebrötchen oder eine Bratwurst zu verzehren. Die Verträge der meisten Lkw-Alleinfahrer lassen dies, wie bereits beschrieben, einfach nicht zu, drohen bei Regelverstößen mit Gehaltsabzügen.

 Im Kauderwelsch und mittels Gesten verständigen sich die Trucker miteinanderJan Deichner

Die Initiative reagierte und besuchte die ­Trucker in ihren Autos. Und die waren ziemlich erstaunt, als freundliche, fremde Menschen an ihre Fahrertüren klopften. Dagmar Bigerl, eine der Aktivistinnen: "Wir mussten erkennen, dass wir uns mit den meisten dieser 
Menschen nicht so einfach verständigen konnten. Sie sprechen weder Deutsch noch 
Englisch. Sie kommen aus der Ukraine, aus Serbien, Polen, Russland, Bulgarien, Kroatien oder Rumänien." Die Vespertüte mit Brot, Speck 
und Schokolade, einem kleinen Brett und einem Messer nahmen sie nach kurzer Lektüre eines kleinen vielsprachigen Flyers, wie der beteiligte Michael Biethinger erfreut feststellte, "staunend, manchmal ungläubig kopfschüttelnd, aber immer dankbar entgegen".

Die zahlreichen positiven Reaktionen der Fahrer auf die Kommunikation in einem Kauderwelsch aus Sprachbrocken und Gesten "mit Händen und Füßen" ermutigten die Leute aus dem Hegau, ihre Initiative trotz zahlreicher kleinerer und größerer Schwierigkeiten fortzu­setzen. Mindestens so wichtig erscheinen den ehrenamtlich wirkenden Menschen jedoch die Informationen, die sie von den Fahrern erhielten. Heike Gotzmann: "Wir lernten, die Fahrer mit ganz anderen Augen zu sehen, nachdem wir von ihnen erfuhren, wie hart und teilweise unmenschlich ihre Arbeitsbedingungen sind. Viele von ihnen arbeiten für Stunden­löhne von unter zehn Euro, sind Wochen und Monate von ihren Familien getrennt."

 Sie berichten von den knüppelharten Arbeitsbedingungen, unter denen sie monatelang quer durch Europa unterwegs  sindFabian Biasio

Michael Biethinger ergänzt: "Sie ­werden angetrieben von engen Terminen ­unter dem Zeitdruck von Staus. An den Ziel­orten müssen sie zudem häufig selbst das Be- und Entladen der Lastwagen durchziehen." Sichtlich heiter erzählt er von der positiven ­
Reaktion eines Fahrers: "Er kannte Deutschland 20 Jahre lang nur als Region von Vorschriften, Regularien und Kontrollen. Und lächelnd fügte er hinzu: Danke, dass ich hier nun auch freundliche Leute kennenlerne, die mir etwas Gutes tun wollen."

Beim "Innovatio", dem Sozialpreis für cari­tatives und diakonisches Handeln (gestiftet von den Versicherern im Raum der Kirchen Bruderhilfe – Pax – Familienfürsorge), kam die "Lenkpause" in diesem Jahr auf den ers­ten Platz. Die Jury beeindruckte die klare Position der Aktion in Sachen menschliches Mit­einander, das in einem Zitat der fran
zösischen Schriftstellerin und Mystikerin ­Madeleine Delbrêl so zum Ausdruck kommt: "Auf den Straßen der Welt verbirgt sich Gott." Und sie würdigte die Flexibilität der Gruppe 
beim Versuch, die vereinsamten Transpor­teure zu erreichen.

Infobox

Die weiteren Preisträger

Der 2. Innovatio-Preis ging an das Projekt "Ehrenamt für Alle! Auf dem Weg ­
zur inklusiven Freiwilligen­agentur". Es ermöglicht Menschen mit Behinderung den Weg in ein Ehrenamt und damit zu gleichberechtigter Teilhabe an der Zivilgesellschaft (Freiwilligen-
agentur "Anpacken mit Herz" im Caritasverband Weilheim-Schongau).

Den 3. Preis erhielt "Interkulturelle Männerarbeit mit muslimischen Männern 
mit Familienverantwortung". Das Projekt der Evangeli­schen ­Kirche Kurhessen-
Waldeck hat Männer­gruppen ­etabliert, die ­in einem geschützten Rahmen stabile, wertschätzende Beziehungen zwischen mus­limischen Männern und Männern aus der ­auf­nehmenden Gesellschaft stiften.

Den Publikumspreis erhielt "Umgang mit Sterben, 
Tod und Trauer" der ­Dia­konie Westsachsen. 
Ziel des Projektes ist, ­jungen Menschen in einem geschützten und betreuten Rahmen die Auseinandersetzung mit den Themen Sterben, Tod und Trauer zu ermöglichen. Jugendliche sollen im Gespräch mit Gleichaltrigen ermutigt werden, ihren eigenen Schwierigkeiten und Bedürfnissen mit einer guten Selbstfürsorge zu ­begegnen.

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